Children of Men
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Inhalt
England, 2027. Die Variante, die uns der mexikanische Regisseurs Alfonso Cuarón über diese nicht allzu weit entfernte Zukunft anbietet, schaut wahrlich finster aus. Die Menschheit altert unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen, seit 18 Jahren hat kein einziges Kind mehr das Licht der Welt erblickt. Es scheint, als seien alle Frauen der Erde gleichzeitig einem unbekanntem Phänomen geschuldet unfruchtbar geworden. Dieser Umstand führte dazu, dass illegale Immigranten in noch viel höherem Maße ihr Glück in den sterbenden westlichen Industrienationen suchen, denn was außer ihrem Leben haben die Menschen noch zu verlieren, und etwas besseres als den Tod findet man überall, wusste ja weiland bereits das Tonkunst produzierende Getier aus dem norddeutschen Stadtstaat. Infolge dessen schotten sich die noch reichen Länder unerbittlich ab. „The world collapsed; only Britain soldiers on!“ ist auf Propagandatafeln an jeder Ecke zu lesen. Das Fernsehen verbreitet ähnliche Durchhalteparolen. Aufgegriffene Flüchtlinge darben in unmenschlichen Lagern einem Schicksal entgegen, das man sich nicht vorstellen kann/mag. Überall regiert Terror und Chaos, die ehemals freiheitlich demokratische Grundordnung (ähem) ist einem massiven Polizeistaat gewichen. Den scheinbar einzigen Ausweg bietet die Pharmaindustrie in Form des Sterbehilfemedikaments „Quietus“, fröhliches einschlafen garantiert!
In dieser unwirtlichen Situation geht der resignierte und desillusionierte Regierungsbeamte Theo Faron seinem Leben nach. Einst war er ein politischer Aktivist mit dem frommen Wunsch, die Welt zu verbessern, doch der Tod seines Kindes etwa zu jener Zeit, als all das begann, und die daraus resultierte Trennung von seiner Lebensgefährtin Julia zerstörten seine Träume. Eines schönen Tages, als er gerade auf dem Weg zur Arbeit noch rasch einen Kaffee ersteht, fliegt die Bude in die Luft, kaum dass er sie dreißig Sekunden verlassen hat – nur ein weiterer Terroranschlag. Relativ ungeachtet dessen begibt er sich beinahe traumwandlerisch ins Büro, als ob nichts gewesen wäre. An eben jenem Tag stirbt auch der jüngste Mensch der Welt, wie die Medien berichten, ein achtzehnjähriger namens Baby Diego, der von einem Fanatiker erschossen wurde. Weil es nun doch mal wieder reicht, besucht Theo seinen alten Freund Jasper in dessen kleinem beinahe märchenhaft wirkendem Domizil außerhalb der Stadt. Jasper ist ein Althippie, der Marihuana raucht, die Rolling Stones hört und ansonsten seine im Wachkoma vor sich hin vegetierende Ehefrau pflegt, die dereinst in die Mühlen des Staatsapparates geriet. Trotzdem ist er nicht verbittert. Theos Besuche in Jaspers Haus geben ihm einzig Halt und die Aussicht darauf, dass das Leben vielleicht doch noch anders aussehen kann, als es das im morbiden Moloch der Hauptstadt der Fall ist.
Wieder in der verhassten Stadt angekommen wird Theo gekidnappt. Doch die Tat ist nicht etwa ein terroristischer Akt auf einen Regierungsbeamten, sondern vielmehr steckt Julia dahinter, seine verlorene Liebe, die inzwischen aktives Mitglied einer illegalen Menschenrechtsgruppe ist. Sie bittet Theo, seine Kontakte spielen zu lassen um Papiere für die junge Immigrantin Kee zu besorgen, die man außer Landes zu bringen plant. Theo willigt ein, wenn auch mit Bedenken. Doch tatsächlich geht etwas schief, und plötzlich findet sich Theo auf der Flucht vor der Polizei wieder, in deren Verlauf Julia ums Leben kommt. Schockiert und tieftraurig setzt er sich nun für Kee ein. Ihre Flucht führt sie auf ein Gehöft, das von Julias Gruppe als geheimer Treffpunkt genutzt wird. Dort wird Theo offenbar, warum Kee so wichtig ist: sie ist - schwanger! Oh mein Gott…!
Zufällig belauscht er ein Gespräch zwischen den verschlagenen Gestalten der Gruppe, denen er von Anfang an nicht traute, und erkennt, dass sie Kee und das Baby nur für ihre eigenen Zwecke benutzen wollen und dabei mit äußerster Skrupellosigkeit vorgehen. Kurz entschlossen stiehlt er ein Auto und flieht mit Kee zunächst zu seinem alten Freund Jasper, doch die Häscher sind bereits auf ihren Fersen.
Für Theo und Kee gibt es nur eine Chance: sie müssen sich in das Auffanglager Bexhill schleusen lassen, von wo aus sie sich mit einem Boot zu einem außerhalb der Küstenlinie liegenden Flüchtlingsschiff des mysteriösen „Human Project“, einem geheimen Wissenschaftskollektiv, das sich der Rettung der Menschheit verschrieben hat, durchschlagen wollen. In Bexhill bringt Kee ihr Kind zur Welt, doch die Probleme fangen damit erst richtig an…
Kommentar
Eines ist klar: Der Filmstoff hätte in den falschen Händen ziemlich leicht nach hinten losgehen können, hätte zu einem esoterisch aufgeblähten Eintopf verkochen können, zu einer Heilsgeschichte neutestamentarischer Entrücktheit, quasi die Weihnachtsgeschichte in antiutopisch, aber kitschig. Hätte….Doch zum Glück ist Alfonso Cuarón nicht nur ein bescheidener Mann - er habe ja nichts anderes als einen rasanten Verfolgungsjagd-Thriller gedreht, urteilte er selber - sondern auch ein fantastischer Regisseur, und sein Film ist viel, viel mehr als nur das. Tatsächlich würde meine Wenigkeit so weit gehen zu sagen, Cuarón hat mit „Children of Men“ einen der, vielleicht sogar DEN Film des 2000’er Jahrzehnts gedreht (so far!) Weit aus dem Fenster gelehnt? Mitnichten!Der aus Mexiko stammende Cuarón, der seine Regiekarriere sehr sorgfältig vorantrieb, kam ursprünglich nach England, um die dritte Harry Potter Geschichte um den Gefangenen von Askaban auf die Leinwand zu zaubern (der nebenbei bemerkt noch immer klar beste Film der Serie) und stieß hierbei auf den Roman „Children of Men“ der britischen Schriftstellerin P.D. James (auf deutsch ursprünglich „Im Land der leeren Häuser“) aus dem Jahre 1992. Sogleich war er wie elektrisiert. Daraus musste ein Film gemacht werden! Und was er letztlich aus der Vorlage gemacht hat, das macht ihm so schnell keiner nach. „Seine“ Zukunft des Jahres 2027 wirkt ganz und gar realistisch. Die Riesenstadt London wirkt schäbig, grau, ausgezehrt, fast als habe man ihr die prächtigen funkelnden Zähne der Gegenwart gezogen. Was wir sehen, erinnert auf fatale Weise an die Vorstellungen, die die meisten Menschen von Orten wie Bagdad, Kabul, dem Kosovo oder Berlin-Neukölln haben, die geprägt sind durch die Ästhetik der Digitalkamera in den Berichten der Nachrichtensendungen. Die Hoffungslosigkeit ist allgegenwärtig und beinahe fassbar. Terroranschläge erschrecken schon lange niemanden mehr. Straßenbahnzüge haben vergitterte Fenster wie Gefangenentransporte. Die futuristischen Elemente baut Cuarón äußerst dezent, dafür umso wirkungsvoller ein. Digitale Reklametafeln in öffentlichen Verkehrsmitteln, Autos, die nur leicht verändert aussehen, aber über Displays statt Armaturen verfügen, überall sind Flatscreen-Monitore zu sehen, und überhaupt sind zumeist nur minimale Abweichungen bei Alltagsgegenständen zu erkennen, die das Szenario wie selbstverständlich umso viel glaubhafter machen, als es das Star Trek Universum (beispielsweise) jemals vermögen wird. Klassischer Fall von manchmal ist weniger eben doch mehr, könnte man sagen. Dennoch entwickeln die Bilder, die der geniale, ebenfalls aus Mexiko stammende Kameramann Emmanuel Lubezki (Sleepy Hollow, Lemony Snicket) einfing, eine Wirkung, der man sich kaum entziehen kann. Wenn uns Cuarón die Auffanglager zeigt, müssen wir unwillkürlich an Guantanamo und Abu Guhreib denken, bei dem finalen apokalyptischen Häuserkampf in Bexhill fällt dir unwillkürlich jeder aktuelle Kriegsschauplatz ein, den du aus den Tagesthemen kennst. Zudem, und hier gibt es eine weitere Meisterleistung zu bestaunen, ist in eben jener Szene etwa sechs Minuten lang kein sichtbarer Schnitt zu erkennen. Die wackelige Digitalkamera, die scheinbar mittendrin statt nur dabei ist (man möge mir die abgedroschene Phrase verzeihen), weist Dreckspritzer auf, die über die gesamte Sequenz zu sehen sind. Diese Szene muss einen ungeheuren logistischen Aufwand erfordert haben, doch sie ist nicht nur grandiose Handwerksarbeit, sie lässt uns die Hölle, durch die die Figur Theo in dieser Szene stellvertretend für alle Soldaten dieser Welt geht, auf brutal realistische Weise miterleben. Uumpf, das muss man erst mal sacken lassen…
Wenn man so will, dann bauten Cuarón und sein Team alle gewichtigen Schrecknisse dieser Tage in den Film ein: den Terrorismus als allgegenwärtiges Schreckgespenst, die Angst vieler, oft gerade älterer Menschen vor einer Überfremdung ihrer Gesellschaft, die Furcht vor einer Pandemie in Zeiten der Vogelgrippenpanik, die Reaktion auf all diese Ereignisse durch einen durch und durch unfähigen Staat, dem nichts besseres einfällt, als schärfere Gesetze und Repressionen gegen alles Andersdenkende (ein Schelm, wer dabei an Bushs „Patriot Act“ denken mag) auszuüben. Dies ist dem Regisseur auf eine dermaßen eindringliche Art gelungen, dass man diesen Film gewiss lange Zeit nicht vergessen wird. Dennoch hielt er sich dabei durchaus an die „Spielregeln“ der Phantastik und des phantastischen Kinos insbesondere. Seine Vision einer Gesellschaft in Agonie erinnert dabei nicht nur zufällig an John Carpenters „Escape from New York“, an Richard Fleischers „Soylent Green“, Terry Gilliams „Brazil“ und „12 Monkeys“, wie auch von der Stimmung an George Romeros „Dawn of the Dead“ oder Danny Boyles „28 Days later“. Für die, die es nun unbedingt brauchen, könnte man hier vielleicht den einzigen Kritikpunkt ansetzen, indem man nun vorbringt, Cuarón habe seine kritischen Ansatz im Prinzip mit den Mitteln der 1970/1980’er Jahren vorgebracht, seine Science Fiction sei im Grunde nichts anderes als retro, die als Lösung für die drängenden Fragen der Gegenwart einzig den uralten Erlösermythos bemühe. Meinethalben! Dennoch lässt das offene Ende genügend Fragen zu und schließt gleichzeitig eine Heilsbotschaft aus. Die überaus actionreiche, rasante Inszenierung, die auf alle Fälle ungemein „thrillt“ dürfte darüber hinaus auch Leuten gefallen, die dem Genre des dystopischen Zukunftsfilms ansonsten eher kritisch weil gelangweilt gegenüber stehen. „Children of Men“ aber bietet ungewohntes, man darf sich flott unterhalten lassen, manchmal gar lakonisch auch ob all der Tristesse, und wird zudem zum Benutzen des Gehirns gezwungen. Ein Umstand, den nicht wirklich viele Filme zu vereinen sich aufs Plakat schreiben dürften.
Ein Wort noch zu den Darstellern, die sich ebenfalls bis in die Nebenrollen in die große Klasse des Films einreihen. Zum einen haben wir da Hauptdarsteller Clive Owen, einen grandiosen Schauspieler mit nicht immer glücklicher Rollenauswahl. Eigentlich hat er mit diesem Film so etwas wie seine Meisterprüfung abgelegt, dennoch fiel er leider hernach nicht mehr mit weiteren Großtaten auf. Nicht wenige Leute hatten ihn seinerzeit als nächsten James Bond auf dem Zettel, bis, die Geschichte wies es ja dann, überraschend Daniel Craig den Zuschlag bekam. Owen brilliert als ehemaliger Aktivist, der sich mit der Hoffnungslosigkeit seines Daseins längst abgefunden hat und schließlich dennoch weit über sich hinauswächst, dermaßen, dass man ihm den Theo nicht nur glaubt, er verkörpert ihn im wahrsten Sinne des Wortes. Michael Caine ist in seiner Darstellung als melancholisch fröhlicher Althippie Jasper nicht nur gewohnt souverän, er setzt in diesem Film Akzente wie lange nicht mehr. Und wenn jemand glauben mag, melancholisch fröhlich ginge nicht, nun, man möge sich diesen Film anschauen. Julianne Moore, geht es ähnlich wie Clive Owen, sie ist ebenfalls eine begnadete Darstellerin, betrieb aber nicht immer die geschickteste Rollenpolitik. Ihr Mitwirken in dieser Filmperle wird ihr kaum zu ihrem Nachteil gereichen, allerdings lässt ihr ihre doch eher schmale Rolle auch keine echte Gelegenheit zum Glänzen. Andererseits: irgendwer musste die Julia ja geben. Eine echte Überraschung ist die tolle Newcomerin Claire-Hope Ashitey, die die junge Kee gibt und in jeder Beziehung überzeugt. Gern würde man mehr von ihr sehen, doch derzeit konzentriert sich die junge Frau lieber auf ihr Studium der Anthropologie und der Rechtswissenschaften.
Tso, und nun weiß ich ehrlich nicht mehr, wie ich euch diesen in jeder Beziehung außergewöhnlichen Film noch schmackhaft machen soll. Nur ein Fähnchen weit entfernt von der Realität bietet uns Alfonso Cuarón einen Weltuntergang, den in der Form gewiss noch niemand auf der Liste hatte, erschreckt uns dabei fürchterlich mit unserer eigenen Realität, und wir verstehen, umpfhmbl, schockschwerenot, das alles könnte denkbar jederzeit passieren, liefert uns dazu Bilder, die wir schon allein deshalb nicht vergessen, weil sie uns so vertraut erscheinen, dem Fernsehen sei Dank!, und lässt uns das alles stellvertretend durch eine Schar hinreißender Schauspieler erleben. Besser geht’s nicht! Meisterwerk. Klassiker!
Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo
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Veröffentlichungen
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