Brazil

Originaltitel: Brazil
Herstellungsland: GroßbritannienGroßbritannien
Erscheinungsjahr:  1985
Regie: Terry Gilliam
 

Darsteller

Figur

Jonathan Pryce  Sam Lowry
Kim Greist  Jill Layton
Kathrine Helmond  Ida Lowry
Robert de Niro  Archibald Tuttle
Ian Holm  Mr. Kurtzman
Michael Palin  Jack Lint
Bob Hoskins  Spoor
Peter Vaughan  Mr. Helpmann
Ian Richardson  Mr. Warren
Kathryn Pogson  Shirley
  
Genre: Science-Fiction, Fantasy
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 Deutsches DVD-Cover, erschienen bei 20th Century Fox

Inhalt

Die Zukunft findet aus heutiger Sicht irgendwann im 20. Jahrhundert statt, so will es zumindest die anfängliche Einblendung, die uns darüber informiert, welch seltsamen Ort (die Zukunft eben) wir gerade besuchen. Verwirrend? Aber das ist doch erst der Anfang! In einer bizarren Welt (und Zeit), die exakt wie eine Schnittmenge aus Orwellscher Zukunftsvision, kafkaesker Beklommen- und Monty Pythonscher Überdrehtheit erscheint, regiert das allmächtige Informationsministerium unerbittlich. Fehler werden hier nicht gemacht, und wenn doch, so hat man sie möglichst schnell und umfassend jemandem in die Schuhe zu schieben. Sam Lowry, ein kleiner Angestellter, wäre ein guter Kandidat dafür. Folgendes hat sich nämlich ereignet:
Eigentlich sollte ein gewisser Archibald Tuttle, Schwarzarbeiter und Anarchist, verhaftet werden, doch weil ein genervter Beamter einen obskuren Kleinkrieg mit einer Fliege auszufechten hatte, wurde Dank des zermatschten Insekts aus dem Tuttle rasch ein Buttle, und eben dieser arme unschuldige Tropf wurde ausgerechnet am Weihnachtsabend spektakulär abgeführt. Der verstörten Gattin wird versichert, keine Sorge, das hat alles seine Richtigkeit, das Informationsministerium macht keine Fehler, und hier bitte noch eine Unterschrift, und hier, bitteschön, ist ihre Quittung! Schon recht bald stellt sich aber heraus, Mr. Buttle war definitiv nicht der gesuchte Mann, dummerweise nur hat er das Verhör nicht überlebt!
So geht ein Entschädigungsscheck auf den Weg, der ausgerechnet in der Abteilung des unfähigen Mr. Kurtzman landet. Dieser wiederum bittet seinen qualifiziertesten Mitarbeiter, den uns bereits bekannten Sam Lowry, sich um die Sache zu kümmern. Lowry ist durchaus ein fähiger Mann, der immer wieder für Kurtzman die Kastanien aus dem Feuer holt, sich aber sehr zum Verdruss seiner überaus ehrgeizigen und eitlen Mutter einfach nicht um eine Beförderung bemühen möchte, ist er doch im Prinzip recht zufrieden mit seinem Leben, wie es eben ist. Als Lowry Mrs. Buttle aufsucht, um die Wiedergutmachung auszuhändigen, begegnet er der hübschen Lastwagenfahrerin Jill und erkennt in ihr die Frau, von der er Nacht für Nacht träumt. Er ist hingerissen! Er muss sie wieder sehen! So drängt er seine Mutter, nun doch ihre Beziehungen spielen zu lassen um ihm die Beförderung in den inneren Kreis des Informationsministeriums möglich zu machen. Doch alsbald muss Lowry erkennen, dass Jill offensichtlich mit der Terrorismusbewegung zu tun hat, die das Land seit Jahren mit Anschlägen überzieht (was aber außerhalb des scheinbar doch nicht allwissenden Ministeriums niemanden zu interessieren scheint, die Bevölkerung übergeht die Handstreiche einfach mit stoischer Gelassenheit.) Um sie zu schützen, tritt Lowry eine Lawine los, die ihn schon recht bald selbst in den Abgrund mitreißt und auf den Folterstuhl der modernen Inquisition setzt. Können Jill und der legendäre Tuttle noch helfen oder wird auch Sam Lowry zum Opfer des Systems?

Kommentar

Ah ja, da höre ich auch schon den einen oder anderen Menschen fragen, was bitteschön soll denn das alles mit dem Horrorgenre zu tun haben?
Nun, zunächst einmal finde ich persönlich Terry Gilliams antiutopische Zukunftsvision einer durch und durch dystopischen Gesellschaft reichlich Furcht einflößend. Auch war es schon immer Tradition und Anliegen der Phantastik – ich möchte diesen Begriff jetzt mal als Überebene verwenden, dem die Genres Horror, Science Fiction und Fantasy unterzuordenen sind – durch ihre Realitätsferne versteckte kritische Inhalte zu transportieren. Der Vampir konnte als Sinnbild für den nimmersatten Kapitalismus herhalten, die Antiutopie bestehende Verhältnisse überspitzt in eine fiktive Zukunft projizieren, der Zombie wurde zur Metapher für den fremd gesteuerten, unkritischen Konsumenten und der „Alien Invaders“ Film drückte die Angst vor dem nuklearen Holocaust des kalten Krieges aus. Mit anderen Worten: Sag ich’s durch die Blume, kriegt’s der Zensor nicht mit. Manchmal aber schon, denn Zensur trägt einstweilen reichlich merkwürdige Blüten. Erst recht, wenn sie kommerziellen Gesichtspunkten unterlegen ist. So ist die Entstehungsgeschichte des hier besprochenen Films beinahe ebenso obskur zu nennen wie der Film selber.
Vielleicht sollte man hierzu zunächst einen kurzen Blick auf den Werdegang des Masterminds hinter der Geschichte werfen, der da, wie schon erwähnt, Terry Gilliam heißt. Zunächst studierte dieser nämlich am Occidental College in Los Angeles Politikwissenschaften. Das war weiland in den frühen 1960’er Jahren, als die westliche Gesellschaft in vielerlei Hinsicht an einem Wendepunkt stand. Auch Gilliam erkannte damals bereits, dass seiner persönlichen Entwicklung ein riesiger Wasserkopf in Form eines Übersystems im Weg stand. Spielt man mit, steht der Karriere = dem gesicherten Wohlstand kaum etwas im Wege. Immer schön fleißig den Regeln folgen, der Rest ergibt sich von allein. Das aber sollte nicht sein Weg sein, denn der Mainstream interessierte den zornigen jungen Mann nicht. Er begann für den „MAD“ Verlag zu zeichnen und lernte bald den britischen Cambridge Absolventen John Cleese kennen, dem er 1967 in Richtung UK folgte. Er schloss sich dessen chaotischer Comedytruppe Monty Pythons an und war hier zumeist für die eigenwilligen grafischen Einblendungen innerhalb der Serie „Flying Circus“, aber auch für einen nicht unerheblichen Teil der Regiearbeiten zuständig. Bereits zu jener Zeit will Gilliam eigener Aussage zufolge mit ersten Ideen für „Brazil“ mental schwanger gegangen sein. Insgesamt zehn Jahre arbeitete er schließlich in loser Folge an den Vorbereitungen für den Film. Zunächst sollte der Streifen unter dem Titel „1984 ½“ realisiert werden, doch die Nachlassverwalter George Orwells, dem Schöpfer von „1984“, entzogen dieser Absicht ihr Einverständnis, warum auch immer. Man entschied sich also für den Titel „Brazil“, und die ehrwürdige Firma „Universal“ und ihr damaliger Boss Sid Sheinberg gaben grünes Licht für die Dreharbeiten. Gilliam war ja kein Unbekannter dank der Pythons und seinem Film „Time Bandits“, der Kritik und Publikum durchaus gefiel. Doch was Gilliam seinem Geldgeber da mit „Brazil“ vor die Nase setzte, war ein derart starker Tobak, dass er Sheinberg sogleich in eine mittelschwere Panik versetzte. Gerade eben erst hatte Michael Ciminos künstlerisch überaus ambitioniertes Werk „Heaven’s Gate“, das in finanzieller Auswertung zu einem Megaflop geriet, zuvor aber aufgrund allerlei Umständen Unsummen verschlungen hatte, die „United Artists“ beinahe in die Pleite, zumindest aber die Übernahme getrieben. Da kam nun dieser Querkopf und setze ihm dieses wahrlich schwer verdaubare Werk vor die Nase, einen Film, der in der Form nach Sheinbergs Meinung nie ein Publikum finden werde. Zu düster, zu surreal, der Humor zu anarchisch und absurd, das Ende gar nicht happy, und insgesamt vollkommen unzeitgemäß. So ließ er den Film, der in Gilliams Fassung ursprünglich 142 Minuten lang war, radikal kürzen und umschneiden, bis letztlich eine 94 Minuten lange Version herauskam, die vor seinen Augen Gnade fand und ein Happy End enthielt, inzwischen als „Sheinberg Edit“ bekannt. Dennoch tat Sheinberg sich schwer mit der Veröffentlichung von „Brazil“. Terry Gilliam aber beharrte auf seiner Version. Er verschaffte sich ein Original seiner ursprünglichen Schnittfassung und führte dieses regelmäßig in Sondervorstellungen Filmkritikern vor, die den Film schließlich zum Film des Jahres kürten. Hernach schaltete Gilliam eine ganzseitige Anzeige im Fachblatt „Variety“ mit dem Text: “Sehr geehrter Sid Sheinberg, wann eigentlich gedenken Sie meinen Film BRAZIL zu veröffentlichen? Ihr Terry Gilliam“
Inzwischen ist der Film in drei unterschiedlichen Schnittfassungen veröffentlicht worden: in der bereits erwähnten Sheinberg Version, die dem mal wieder unterschätzten Publikum insgesamt zu einem Ärgernis geriet, einer weiteren, kürzeren Version, die aber zumindest das eigentliche Ende enthält, und eben der ursprünglichen von Gilliams angefertigten Version, die als die einzig wahre angesehen werden muss. Und genau diese Darstellung hat es echt in sich. In der Welt (und Zeit), die Gilliam uns zeigt, möchte ich nun wirklich nicht sein. Auf der einen Seite verfügt der betuchte, systemtreue Mensch über nahezu alle Facetten des dekadenten Daseins. Weicht er aber nur eine Maßeinheit eines kryptischen griechischen Buchstabens vom vorgefertigten Weg ab, so erwartet ihn ein überaus realer Schrecken jenseits der allgegenwärtigen Welt endloser Bürokratie, in der man bereits ein Verbrecher ist, wenn man wie im Falle Archibald Tuttles einfach nur Freude an der Ausübung seiner Arbeit hat, ohne gleich anhand einer Vielzahl von Formularen jeden Handgriff „amtlich“ zu machen. Die graue Masse der Mitläufer schockiert es nicht einmal, wenn direkt in unmittelbarer Nähe eine Bombe detoniert. Das ist zwar lästig, aber es ist nun mal so. Somit ist der Widerstand dem Bürger egal bis störend, aber keinesfalls in seinem Sinne. Stattdessen führt der Folterknecht eine angesehene bürgerliche Existenz.
Lowry verabschiedet sich am Ende seines Horrortrips in den Wahnsinn. Während er sich offensichtlich der Folter ausgesetzt sieht, von der wir gottlob nichts mitbekommen (sie muss schrecklich sein), verabschiedet sich sein Geist für immer um Zuflucht in einer besseren Welt zu suchen, die ihn in Gedanken mit seiner Traumfrau Jill in eine zwar zerstörte, aber autarke und für die allumfassende Norm nicht greifbare Umwelt führt. Die Folterer konnten ihm keine Geheimnisse entlocken, das Opfer sitzt entrückt und beseelt lächelnd da, nur noch seine eigene Realität wahrnehmend. Wenn man so will ist das zumindest ein Pyrrhussieg gegen die Mühlen der Allmacht, der letzte Zufluchtsort des auf seine Weise Ungebrochenen. Gilliam selber interpretierte den Schluss durchaus als Hapy End.
Gut ein Jahrzehnt nach „Brazil“ entstand Gilliams Film „12 Monkeys“, der in einer ganz ähnlichen Welt wie „Brazil“ zu spielen scheint und auch sonst etliche Parallelen aufweist. Die Geschichte aber erzählt euch der Onkel ein anderes Mal. Bis dahin schaut ihr euch alle schön das Meisterwerk Terry Gilliams an und denkt mal ein wenig darüber nach. Und nicht gleich wieder motzen, der Film sei ja wohl eher was für arte Fans. Nichts für ungut!

Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo

Trailer zum Film

Veröffentlichungen

DVD: Erschienen bei 20th Century Fox, auch erhältlich in der Edition SZ Cinemathek der Süddeutschen Zeitung.
VHS: 20th Century Fox, Thorn EMI

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Staudenmaier007, 11.12.09
Skurril - Bizzar trifft es einfach am nächsten. Dazu eine heftige Portion schwarzen Humors. Ähnlich gut bin ich bisher nur von "Delicatessen" unterhalten worden. Somit ein Außnahmefilm und 5/5 Punkte
 
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