Lost Highway
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Inhalt
Das Leben ist schrecklich! Zumindest wenn man eine Figur in einem David Lynch Film ist. Fred und Renée Madison führen eine Ehe, die offenbar ziemlich im Eimer ist. Wir wissen nicht warum, und wollen wir das wissen? Eines Tages klingelt es an der Tür unseres nun namentlich bekannten Paares und Fred betätigt die Sprechanlage. Eine Stimme sagt: „Dick Laurent ist tot!“
Fred Sieht aus dem Fenster, niemand ist zu sehen! Seltsam…
Fred ist Jazz-Saxophonist, ein ziemlich guter! Doch Renée scheint ihm nicht die Wahrheit zu sagen. Er fürchtet, er vermag sie sexuell nicht zu befriedigen, sie weicht seinen Fragen aus. Sie ist nicht erreichbar und er fürchtet das Schlimmste. Eine Sphinx ist sie für ihn, und er zweifelt immerfort an seiner Zulänglichkeit. Da ist doch was im Busch…
Kurze Zeit später bekommt das Paar ein anonymes Päckchen zugestellt. Kein Gruß, eher was ganz gruseliges findet sich dort, nämlich ein Videoband, auf dem Außenaufnahmen ihres Hauses zu sehen sind. Ein weiteres Band erwartet die Madisons am folgenden Morgen, auf welchem zu sehen ist, wie die Kamera wie ein Gespenst durch ihre Wohnung „spukt“ und das schlafende Paar zeigt. Was zur Hölle geht hier vor? Die Madisons sind verständlicherweise beunruhigt, die Polizei vermag sie nicht zu beruhigen, obschon keinerlei Einbruchspuren entdeckt werden.
Am Abend besuchen unsere Protagonisten die Party eines Freundes von Renée namens Andy. Hier wird Fred von einem mysteriösen Fremden angesprochen, der der Meinung ist, er sei Fred schon begegnet. Er sagt ihm, er befände sich gerade in seiner Wohnung, reicht ihm sein Handy und fordert ihn dazu auf, ihn anzurufen. Tatsächlich erreicht Fred den Mann in seiner Wohnung und glaubt an einen Trick. Der seltsame Vogel verschwindet! Fred erkundigt sich bei Andy nach dem Mann, der teilt ihm mit, es habe sich um einen Freund von Dick Laurent gehandelt. Aber Dick Laurent ist doch tot, oder?
Wieder daheim glaubt Fred, jemand sei im Haus, doch da ist niemand! Renée sucht nach Fred, doch der ist nicht da. Fred schaut sich Videos an, unter anderem eines, bei dem er über der zerstückelten Leiche seiner Frau zu sehen ist. Ein Schnitt, und schon sitzt Fred beim Polizeiverhör. Für die Ermittler ist klar, der eifersüchtige Ehemann ist durchgeknallt und hat seine Frau bestialisch ermordet. Hat er? Ist Renée wirklich tot? Fred wird in eine Zelle gesperrt!
Am nächsten Morgen aber sitzt Fred nicht mehr in der Zelle. Dort hockt nun ein junger Mann namens Pete Dayton. Wie ist er dorthin gekommen, was wird ihm vorgeworfen? Nichts, deshalb lässt man ihn frei. Der junge Pete ist mehr als verwirrt, doch er begibt sich am nächsten Tag auf seine Arbeit als Automechaniker in einer Werkstatt. Hier begegnet ihm der undurchsichtige Gangster Mr. Eddy, der ein Fahrzeug von ihm repariert haben möchte. Dabei begegnet er der schönen Alice, die, wie sollte es anders sein, scheinbar eine Reinkarnation von der ermordeten Renée, dennoch von gänzlich anderer Art als ihre Doppelgängerin ist. Pete fürchtet sich zwar vor Mr. Eddy, doch er kann Alice nicht widerstehen und lässt sich auf eine stürmische Affäre mit ihr ein. Sie beschließen, vor dem skrupellosen Gangster zu fliehen, doch dazu brauchen sie Geld. Alice schlägt vor, man solle hierzu Andy, den uns bereits bekannten Gastgeber der Party, auf der Fred den mysteriösen Fremden traf, in seiner Villa überfallen. Sie lenke Andy ab, und Pete soll ihn niederschlagen. Zwischenzeitig plagen Pete „Erinnerungen“ an den Mord an Renée. Was geschieht hier nur?
Pete erscheint wie verabredet in Andys Haus. Im Fernsehen läuft ein Pornofilm, in dem Alice mitspielt. Andy erscheint und wird von Pete niedergeschlagen. Er stürzt unglücklich und kommt dabei zu Tode. Pete ist entsetzt, doch Alice sammelt nur völlig cool alles ein, was ihr von Wert erscheint. Pete plagen wieder Visionen. Er sieht sich selber in einem fremden Hotel und öffnet Zimmer 26. Dort sieht er Alice, die mit einem anderen Mann den Akt vollzieht. Sie sieht ihn an und sagt „Du wolltest mich sprechen. Du wolltest mich fragen warum!“
Als Pete wieder in der „Realität“ angekommen ist, hält ihm Alice eine Pistole entgegen, lässt dies jedoch als Scherz erscheinen. Die beiden fahren zu einem Hehler in der Wüste. Das Haus des Mannes kennt Pete bereits aus seinen Visionen, dort sah er es lichterloh brennen, doch der Hehler scheint nicht da zu sein, das Haus ist leer. Pete und Alice lieben sich im Scheinwerferlicht des Autos und Pete ruft „Ich will Dich!“ Alice raunt ihm ins Ohr „Aber Du wirst mich niemals kriegen!“ Dann steht sie auf und geht in das Haus.
Nun steht ein Mann auf, der nicht mehr Pete Dayton ist, sondern wieder Fred Madison. Ihm erscheint der mysteriöse Mann von der Party. Als Fred nach Alice fragt, wird ihm mitgeteilt, eine Alice habe es nie gegeben, nur Renée. Fred flieht und fährt mit dem Auto in rasender Fahrt davon, bis er schließlich am „Lost Highway Motel“ halt macht. Dort schläft gerade Mr. Eddy mit Renée. Fred beobachtet, wie Renée das Motel verlässt und schlägt dann Mr. Eddy mit der Pistole von Alice nieder und sperrt ihn in den Kofferraum seines Autos. Vom Nebenzimmer aus beobachtet der mysteriöse Mann die Geschehnisse. Fred fährt mit Mr. Eddy zum Haus des Hehlers. Als er den Kofferraum öffnet, kommt es zum Kampf zwischen den beiden Männern. Da erscheint wieder der mysteriöse Mann und reicht Fred ein Messer. Fred schneidet Mr. Eddy/Dick Laurent die Kehle durch. Der „Mystery Man“ feuert noch zwei Schüsse auf ihn ab. Dick Laurent ist tot! Danach flüstert der Schütze Fred etwas ins Ohr, was dem Zuschauer aber verborgen bleibt. Fred nickt.
Die Polizei ist inzwischen in der Wohnung des toten Andys. Dort finden sich überall Blut und die Fingerabdrücke des nun nicht mehr existenten (oder doch?) Pete. Auf einem Foto, auf dem zuvor Andy, Dick Laurent, Alice und Renée zu sehen waren, ist nun von Alice keine Spur mehr zu finden.
Fred fährt zu seinem eigenen Haus und klingelt an der Tür. Als er sich selber durch die Sprechanlage hört, sagt er „Dick Laurent ist tot!“ Er springt wieder in das Auto und flüchtet auf den dunklen verlorenen Highway. Fred schreit. Es scheint sich eine weitere Metamorphose anzukündigen.
Kommentar
Meister Lynch hat uns schon so manch einen verschrobenen, kryptischen Alptraum beschert, uns mit dem “Eraserhead” erschreckt, er hat uns in „Twin Peaks“ auf eine bizarre, verwunschene Mördersuche mitgenommen und in „Wild at Heart“ durften wir Sailor und Lula auf ihrer Reise in die dunkelsten Tiefen der menschlichen Psyche begleiten. „Lost Highway“ aber stellt mit seiner Bösartigkeit, Hoffnungslosigkeit und Verstörtheit alles in den Schatten, was Lynch bis dahin gemacht hat. Und wie das bei dem guten Mann fast immer ist, stellt auch dieser Film viele Fragen und weigert sich konstant, sie uns zu beantworten. So ist das nun mal mit dem Werk des schrulligen Avantgardisten. Wir müssen uns immer ein wenig anstrengen bei seinen Filmen, müssen uns auf eine andere Wahrnehmung einlassen, müssen zulassen, dass die Dinge so geschehen, wie sie uns gezeigt werden. Dafür werden wir dann am Ende mit Erfahrungen belohnt, die wir sicherlich andernfalls nicht gemacht hätten.
Was ist nicht schon alles spekuliert worden um diesen Film und seine Handlung und vor allem die Beweggründe seines Machers. Doch der schweigt sich beharrlich aus und weigert sich einfach gemütlich, jedweder Theorie seinen Segen zu geben, was natürlich zu weiterer Orakelei geführt hat. Es gäbe gar keinen Sinn hinter den düsteren Visionen Lynchs, werfen ihm die wenig zugeneigten Kritiker immer wieder vor. Er sei nur ein Salonavantgardist, der sich eitel darin gefalle Filme zu drehen, die niemand versteht, weil es nichts zu verstehen gibt. Doch diesen Vorwurf kann man leicht entkräften, denn tatsächlich ist die Arbeitsweise Lynchs viel zu raffiniert und seine Filme zu außergewöhnlich und sogar komplex. Es gibt sehr wohl ziemlich viel zu entdecken in seinem Werk, nur meistens erschließt sich einem das nicht auf Anhieb, und das ist auch gut so. Lynch verzichtet in seinen Drehbüchern zumeist bewusst auf das logische Abfolgen seiner Handlungen, er springt im chronologischen Ablauf der Filme hin und her und vertauscht, um das Verwirrspiel komplett zu machen, hier einfach die Protagonisten aus, um sie aber am Ende doch wieder zusammen zu führen. Und das Ende seines Films ist, der guten alten Möbius-Schleife gleich, auch sein Anfang. Fred klingelt an seiner eigenen Tür um sich selber mitzuteilen, Dick Laurent ist tot, und schon beginnt der surreale Alptraum von vorn. Immer wieder wird Fred Renée ermorden, aus Eifersucht und Versagensängsten, immer wieder wird Pete Andy erschlagen und vor Liebe zu Alice, die es gar nicht gibt, verglühen. Oder ist doch alles ganz anders? Ist Pete eine Halluzination von Fred, der sich im Gefängnis ein jüngeres, potenteres Alter Ego herbeisehnt und mit einer „verbesserten“ Renèe ein neues Leben erträumt? Verdrängt Fred auf diese Weise seine Bluttat an seiner Ehefrau? Aber ein Verdrängen kann nicht funktionieren, immer wieder bricht sich die Erinnerung an den Mord Bahn, auch bei Pete, Freds Traumgestalt. So endet schließlich Freds eigene Apokalypse in der Hölle. Während er auf dem Lost Highway in die Finsternis der ewigen Nacht rast und den Wahnsinn anschreit, beginnt zeitgleich sein Leiden von vorn. Wie gruselig ist das bitte schön?
Wer ist der „Mystery Man“? Gibt es ihn überhaupt wirklich? Ist es Satan, den Fred für einen faustischen Pakt herbeigerufen hat? Bestraft er Fred für den Mord an Renée? Man könnte sich nämlich sehr wohl auch auf die Betrachtungsweise einlassen, dass Fred hingerichtet wird und die folgenden Episoden nach seinem Tode spielen. Vielfach ist nämlich auch über den Einfluss des Films „Carnival of Souls“ von Herk Harvey auf „Lost Highway“ spekuliert worden. Zum einen ist der „Mystery Man“ durchaus eine Gestalt, die nicht nur rein optisch an den von Harvey in seinem Film selbst verkörperten Todesboten erinnert, auch der „Todestripp“ Freds/Petes wäre dann ja ein ganz ähnlicher wie der der verstorbenen Mary in Harveys Film. Zudem, mal wieder typisch Lynch, verpasste er der Mutter Petes den gleichen nicht sehr häufig vorkommenden Vornamen, den die Darstellerin der Mary hat, nämlich Candace? Zufall? Wohl eher nicht. Schaut man sich zudem den „Lost Highway“ mal ganz aufmerksam an, dazu muss man es allerdings zugegebener weise mehrfach tun (und der Rezensent kann versichern, dass er sich den Film nun wirklich schon etliche Male zu Gemüte geführt hat), so erhält man zahlreiche Hinweise auf Geschehnisse, die sich offenbar zeitgleich abspielen. Man muss dazu auf Uhren blicken und Gesprächen lauschen, aber zu viel möchte ich hier eigentlich gar nicht verraten, denn es macht wesentlich mehr Spaß und Sinn sich die Mühe zu geben und das alles selbst herauszufinden. Das sieht Lynch natürlich auch so, denn er beschwerte sich einmal in einem Interview darüber, dass viele Leute immer auf Anhieb alles verstehen wollen um es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Doch der Zuschauer bringe sich damit um die Erfahrung, an Orte zu reisen, die sie so nicht finden können. Außerdem ist Lynch der Meinung, der Film sei doch ziemlich geradlinig. Es erfordere nur die richtige Methode, dann sei man in der Lage das Geheimnis zu fühlen, und darum ginge es. Und so unrecht hat er da nicht, auch und gerade weil er uns die Methode nicht verrät. Auch das hat Methode!
„Lost Highway“ ist ein meisterhafter, verstörender Höllentrip von einem Film, der seinen Betrachter dazu zwingt, sich mit ihm auseinander zu setzen, denn anders macht es gar keinen Sinn ihn anzuschauen. Ein Horrorfilm der anderen Art, eine Reise ins Unheimliche, die ewige Finsternis, den Wahnsinn auf der endlosen einsamen und schrecklichen Autobahn des Lebens und des Todes, und das auch noch in überaus intelligent und stilvoll in Szene gesetzt. Allein schon das stetige Abblenden der Szenen in schwarz ist faszinierend, denn das ist eine Technik, mit der heutzutage kaum noch gearbeitet wird. Jede Szene hat stets eine ganz eigene Farbgebung, die, wenn man es aufmerksam betrachtet, erahnen lässt, was gleich passieren wird. Oft unterliegt den Szenen auch ein stetiges bedrohliches Brummen, eine Technik Lynchs, die wir ja bereits seit seinem Debüt „Eraserhead“ kennen, doch die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat.
Die Darsteller sind allesamt hervorragend bis spitze. Bill Pullman, ein großer Könner mit nicht immer sicherer Hand für gute Rollen, liefert hier die Meisterleistung seiner Karriere ab als verstörter, überforderter Fred, dem alles entgleitet. Patricia Arquette ist die perfekte Verkörperung der Doppelrolle Alice/Mary, cool, schön geheimnisvoll, man ahnt, diese Frau bringt das Verhängnis. Robert Loggia begeistert als schräger und wirklich böser David Lynch Fiesling Dick Laurent/Mr. Eddy und weckt Erinnerungen an Dennis Hopper in „Blue Velvet“, obschon er doch seine Rolle vollkommen eigenständig anlegt, und Robert Blake fasziniert als der unheimliche „Mystery Man“. Im wahren Leben wurde Blake einige Zeit nach den Dreharbeiten angeklagt, seine eigene Frau ermordet zu haben, jedoch später von dem Vorwurf freigesprochen. Einzig Balthazar Getty, der den Pete gibt, fällt leicht ab, kann aber immer noch überzeugen. In Nebenrollen sind die Musiker Henry Rollins und Marilyn Manson zu sehen, letzterer ist auch auf dem Filmsoundtrack zu hören.
Und nun bitte anschauen, am besten gleich mehrfach, und schön aufpassen, dann werdet auch ihr das Geheimnis fühlen. Und ein absolutes Meisterwerk gesehen haben, einen der besten Filme der 1990’er Jahre, einen fiesen, markerschütternden, blutigen, finsteren Höllentrip, der irre viel Spaß macht. So ist das!
Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist als DVD über BMG/UFA bzw. Universal/UFA erhältlich, aber ich empfehle die Version der Cinemathek der Süddeutschen Zeitung, in der ist er nämlich günstiger! Auf Video erschien er ebenfalls bei BMG Video/UFA.
Filmbewertung
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Mulholland Drive - Straße der Finsternis
Stand: 09.02.2010 13:10:46
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