Die neun Leben des Tomas Katz
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Inhalt
Erinnert sich noch wer an den 11. August 1999, den Tag der legendären großen Sonnenfinsternis in Mitteleuropa, um die im Vorfeld ein Getöse gemacht wurde, dass selbst den größten Skeptikern in gruseliger Erwartung kribbelige Schauer den Rücken runter huschten? Sondersendungen gab es zuhauf im Fernsehen, Hungerleider verdienten zigtausende mit dem Verkauf abgedunkelter Brillen, Menschen ließen sich Horoskope anfertigen, Untergangspropheten schwadronierten auf Teufel komm raus das Ende aller Tage. Ja, das war wirklich ein großer Spaß damals, denn in den meisten Gegenden Europas hat man schließlich so gut wie nichts von der Eklipse mitbekommen, das Wetter war einfach zu schlecht. Ich hatte damals gerade Urlaub und war unglücklich verliebt. So recht vermochte mich das Phänomen schon allein deshalb nicht in seinen Bann zu schlagen. Der Postmann brachte mir an jenem Tag aber überraschend eine wirklich schöne, seltene CD, die mir liebe Freunde geschickt hatten und mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Das Ereignis topte für mich seinerzeit die SoFi, wie man damals sagte, um ein vielfaches und ich feierte das Ereignis schließlich an jenem Abend mit einer guten Flasche Rotwein. Okay, vielleicht waren es seinerzeit auch anderthalb! Aber die Welt ging damals nicht unter, offensichtlich! Doch es hätte ja auch ganz anders kommen können…
An eben jenem Tag, so erzählt uns der Film, um den es ja eigentlich gehen soll, kommt ein unheimlicher Fremder aus der Londoner Kanalisation gekrochen, ein Mann namens Tomas Katz! Er wird nur einen Tag bleiben, doch danach ist garantiert gar nichts mehr, wie es mal war. Was tut dieser seltsame Tomas Katz also? Er „slidet“ in fremde Körper, nimmt die Identität anderer Menschen an, und lässt bei jedem neuen Daseinswechsel einfach den Geist der Person, die er gerade eingenommen hat, in seiner jeweiligen letzten Inkarnation zurück. Er geht in seiner Absicht äußerst effektiv und zielstrebig vor und stürzt die britische Metropole Stück für Stück in ein heilloses Chaos. The world will end in half an hour, ist eine der Taglines des Films. Katz ist ein Bote der Apokalypse!
Zwei Männer nehmen schließlich den Kampf zur Rettung der Welt auf, der zwar blinde aber geisterkundige und mit den Mächten des Jenseits in bestem Kontakt stehende Chef der Londoner Polizei und sein Assistent Cuthberg. Doch die Zeit drängt, unaufhaltsam wandert der Mond Richtung Sonne, und die Einwohner Londons benehmen sich immer seltsamer. Wird es dem dynamischen Polizeiduo noch rechtzeitig gelingen, dem Anti-Messias Einhalt zu gebieten oder heißt es schon bald, Adieu, schöne Welt?
Kommentar
Gerade neulich habe ich mich noch über den gelungenen spanischen Gruselfilm „The Baby’s Room“ freuen dürfen, den ich irgendwann des Nachts rein zufällig im arte-Programm entdeckt habe, da hauen uns die schöngeistigen Damen und Herren aus Strassburg auch schon wieder den nächsten Knaller um die Ohren. Und was für einen! „Die neun Leben des Tomas Katz“. So einen Film haben Sie noch nicht gesehen. Stellen sie sich einfach mal vor, Douglas Adams, David Lynch, Friedrich Wilhelm Murnau, Peter Greenaway, Helge Schneider, Luis Bunuel und die Monty Pytons hätten beschlossen, gemeinsam einen draufzumachen, ungefähr so sähe wohl das Ergebnis aus. Eine anarchistisch surreale Phantasterei in teils knallig trashigen, teils expressionistischen und an den deutschen Stummfilm erinnernden Schwarzweißbildern. Mitunter dachte ich auch an die eigenwilligen Videoclips Chris Cunninghams, beispielsweise denen seiner verschiedenen Kollaborationen mit Aphex Twin („Come to Daddy“, „Windowlicker“, etc.), falls das wem was sagt. Gruselig, düster, spinnert, schräg, und oft auch saukomisch, ich wette, so haben sie sich die Apokalypse garantiert nicht vorgestellt. Und wussten sie schon, dass Gott „Dave“ gerufen wird? Ich muss schon sagen, solche Filme machen glücklich, mich zumindest.
Dennoch empfinde ich es gerade als nicht sehr einfach, über den Film zu schreiben, das Gesehene in irgendeinen Sinn stiftenden Text zu kleiden, was allerdings nicht bedeutet, der Film mache keinen Sinn. Es ist halt nur so, dass „Tomas Katz“ irgendwie ein durch und durch… nun ja, zu empfindender Film ist, oder besser gesagt, ein Film ist, der empfunden werden will/muss. Großartig ist allein schon die Interaktivität seiner Bilder mit dem äußerst genialen Soundtrack. Man könnte vielleicht auch von einer Art obskuren Collage reden, aber ich wette, das würde falsch verstanden. Zwar folgt er den normalen Regeln des Mediums Film nicht im eigentlichen Sinne, dennoch handelt es sich dabei auch nicht um ein überfrachtetes Kunstprodukt, das nur abgedreht ist um des verstört seins Willen, beileibe nicht. Allein die aberwitzige, durchgeknallte Handlung ist es schon wert, hier mal einen Blick zu riskieren, denn wie oft schon sieht man allein Filme, die an Tagen spielen, die eigentlich jeder ein Leben lang im Gedächtnis hat, und über die jeder seine eigene kleine Geschichte erzählen kann (so wie ich eingangs.) Diese Geschichte hier bietet uns Regisseur Ben Hopkins an, und er spielt wunderbar mit den Ängsten, die nicht wenige Menschen seinerzeit hatten und immer noch haben. Der Weltuntergang in den Zeiten globaler Hysterie. Ein Bote der Apokalypse erscheint, der sich in den Fischereiminister verwandelt oder den Chef der Londoner U-Bahn, und wird von einem blinden Polizisten bekämpft, der sich mittels Ouija-Brett Unterstützung aus dem Jenseits holt, ganz zu schweigen von all den aberwitzigen Episoden, die nebenher noch erzählt werden, beispielsweise der von dem Japaner, der im Hydepark in einen Weiher hüpft um mittels einer Röhre, die quer unter dem eurasischen Kontinent hindurchführt, bis nach Japan abzutauchen. Darauf muss man erst mal kommen.
Natürlich braucht so ein Film auch mutige und große Schauspieler, die bereit sind, alles mal ein wenig anders zu machen, und die hat Ben Hopkins fürwahr gefunden. Tom Fisher, ein nicht ganz unbekannter Nebendarsteller aus Film und Fernsehen, leistet als Identitäten wechselnder Anti-Messias ein erstaunliches Meisterstück ab, welches seine Karriere gewaltig hätte in Fahrt bringen können, hätte, wäre der „Tomas Katz“ nur irgendwie bekannter geworden! Aber bekanntlich findet das Leben ja nicht im Konjunktiv statt (Schade eigentlich!) In neun verschiedene Personen schlüpft Fisher hierbei und legt eine enorme Spielfreude an den Tag. Auf Anhieb kann ich mir keinen Schauspieler vorstellen, der diese Rolle perfekter hätte bringen können, da kann man echt von ganz großem Kino sprechen. Ian McNeice begeistert als spiritueller, blinder Polizeichef, der die Welt mit Geisterhilfe retten will, William Keen als dessen Assistent Cuthberg. Doch auch sämtliche Nebencharaktere, so skurill sie auch immer sein mögen, sind mit Leib, Seele und Spaß an der Sache dabei, das merkt man einfach. Ich kann mir schon vorstellen, dass das ganze Team wirklich einen Heidenspaß an diesem wohl außergewöhnlichsten, expressionistischsten, surrealistischsten und dadaistischsten Weltende aller Zeiten hatte.
Ob das nun als Kunstfilm bezeichnet werden soll/darf/muss, darüber mögen andere befinden. Für mich ist „Tomas Katz“ ein phantastischer Science Fiction/Fantasy Film mit Grusel/Mystery Elementen, eine rabenschwarze Satire, eine, wenn man’s so braucht, Gruselkomödie im besten Wortsinn. Das sahen wohl auch die Juroren des Fantasporto Festivals im portugiesischen Porto so, sie zeichneten nämlich den Film gleich zweifach aus, Tomas Fisher bekam den Preis für den besten Darsteller, Ben Hopkins den für die beste Regie. Auf dem Science Fiction Festival im französischen Nantes erhielt der Film den Sonderpreis der Jury.
Nun endlich neugierig geworden? Stellen sie sich einen Bastard vor aus „Eraserhead“, „Brazil“, „Donnie Darko“, Traffic“, „Ein andalusischer Hund“, dem „Caligari“, „Der Sinn des Lebens“, „Mann beißt Hund“, „The Wall“ mit besserer Musik, und dann haben sie es noch immer nicht wirklich. Der Film ist in seiner Art wirklich einzigartig, hinreißend und begeisternd. Ein kluger Film, der sich aber selber nicht gerade ernst nimmt. The world ends in half an hour. Auf die Tomas Katz Art? Meinethalben!
Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo
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