Ravenous - Friss oder Stirb

Originaltitel: Ravenous
Herstellungsland: USAUSA, Tschechische RepublikTschechische Republik, GroßbritannienGroßbritannien, MexikoMexiko
Erscheinungsjahr:  1999
Regie: Antonia Bird

Darsteller

Figur

Guy Pearce  Capt. John Boyd
Robert Carlyle  F. W. Colqhoun / Col. Ives
Jeffrey Jones  Col. Hart
David Arquette  Cleaves
Jeremy Davies  Toffler
John Spencer  General Slauson
Stephen Spinella  Major Knox
Neal McDonough  Reich
Joseph Running Fox  George
Sheila Tousey  Martha
Bill Brochtrup  Lindus
  
Genre: Kannibalen, Vampire
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Inhalt

1847, Amerika. Captain Boyd kann kein Blut sehen. Schon beim Versuch, ein Steak zu essen, wird ihm schlecht. Boyd ist traumatisiert seit dem Krieg gegen Mexiko. In einer Schlacht hatte er sich aus Angst totgestellt – er wird als vermeintliche Leiche abtransportiert und kommt zuunterst in einem Haufen toter Soldaten zu liegen, deren Blut stundenlang auf ihn heruntertropft. Als er es endlich schafft, sich aus dem Leichenhaufen herauszuarbeiten, ist irgendetwas in ihm „anders“. In einer Art Trance überwältigt er im Alleingang die Besatzung des mexikanischen Forts und wird daraufhin als Kriegsheld ausgezeichnet – aber General Slauson, in dessen Augen Boyd nach wie vor ein Feigling ist, läßt ihn „strafbefördern“. Boyd wird als dritter Offizier nach Fort Spencer versetzt – einem winzigen Grenzposten mitten in den Rocky Mountains, am Arsch der Welt, wo es insgesamt überhaupt nur acht Besatzungsmitglieder gibt, allesamt zudem äußerst schräge Typen. Colonel Hart, der Postenkommandant, ist ein versponnener Philosoph, einer der Soldaten ist ständig zugekifft, ein anderer (Reich) hält sich selbst für eine Art Möchtegern-Rambo, der Arzt ist eigentlich nur Veterinär und permanent im Vollrausch... Dazu kommen noch George und Martha, ein indianisches Geschwisterpaar.
Eines Nachts taucht ein halbtoter, ausgehungerter Fremder im Fort auf. Er nennt sich Colqhoun und erzählt eine haarsträubende Geschichte. Unter Führung eines Colonel Ives habe er sich mit einer kleinen Truppe auf einem Trail befunden. Sie wurden von einem Schneesturm überrascht, der ihnen den Weg abschnitt, und suchten Zuflucht in einer Höhle. Als das Essen knapp wurde, begannen sie ihre Tiere zu schlachten, und schließlich sich gegenseitig aufzuessen. Am Schluß waren nur noch Ives, Colqhoun und eine einzige Frau übrig. Colqhoun gelang die Flucht. Aber nun plagt ihn das Gewissen, und er bittet die Soldaten, mit ihm zur Höhle zu gehen. Denn Ives sei völlig durchgedreht, und er habe Angst, daß er nun auch noch die Frau schlachten wolle. Also macht sich ein kleiner Trupp auf in die Wildnis – obwohl der Indianer George die andern warnt, daß Colqhoun vom Windigo besessen sei. In der Höhle finden Boyd und Reich einen Haufen ausgeweideter und abgenagter menschlicher Skelette, aber keine Spur von Colonel Ives. Währenddessen gebärdet sich Colqhoun draußen immer wahnsinniger – bis er schließlich seine Begleiter mit dem Messer anfällt. Zuerst schlitzt er Colonel Hart den Bauch auf, dann dezimiert er nacheinander alle andern. Reich und Boyd kommen aus der Höhle zurück, auch Reich fällt Colqhoun (der gegen jede Art von Verletzungen immun zu sein scheint) zum Opfer, nur Boyd kann sich retten. Etliche Nächte verbringt er in einem Versteck aus Zweigen, neben der Leiche von Reich, während Colqhoun immer noch draußen auf der Lauer liegt. In seiner Not beginnt sich Boyd schließlich vom Fleisch seines toten Kameraden zu ernähren.
Wochen später findet er ins Fort zurück und erzählt den Zurückgebliebenen seine entsetzliche Geschichte. General Sauson kommt angereist, um nach dem Rechten zu sehen. Er traut Boyd nach wie vor nicht über den Weg und setzt einen neuen Postenkommandanten ein – einen gewissen Colonel Ives. Dieser erscheint – es ist niemand anderer als Colqhoun. Aber niemand glaubt Boyd, Slauson läßt ihn sogar in Arrest setzen.
Sobald der General wieder abgereist ist, setzt Colqhoun / Ives sein Zerstörungswerk fort und dezimiert allmählich den Rest der Besatzung. Nur Martha, die Indianerin, weiß, was geschieht. Sie erklärt Boyd, daß er den Windigo, der auch von ihm selber schon Besitz ergriffen habe, nur besiegen könne, wenn er bereit sei, sich selber zu vernichten. Der Prozeß der Verwandlung sei unumkehrbar. Und ein Windigo könne immer nur nehmen, niemals geben...
Colqhoun versucht, Boyd zu seiner wahren Bestimmung zu bekehren. Er sei ja schon „einer von ihnen“ – wenn er bereit wäre, „es“ zuzulassen und zum Kannibalen zu werden, könne er Macht, übermenschliche Stärke und beinahe Unsterblickeit erlangen. Er schlitzt sich selbst die Hand auf und will Boyd mit dem Geruch seines Blutes verführen, aber Boyd widersteht noch.
Dann taucht der tote Colonel Hart wieder auf, auch er nun „einer von ihnen“. Er ist nun nicht mehr grauhaarig, seine Kurzsichtigkeit ist wie weggeblasen, und Walnüsse kann er jetzt mit der bloßen Hand zerdrücken. Auch er bemüht sich, Boyd zum Kannibalismus zu verführen. Gemeinsam könnten sie vieles erreichen – das Fort habe eine günstige Lage, tausende Grenzgänger kämen hier vorbei, die niemand vermissen würde, für Nachschub wäre also immer gesorgt...
Colqhoun schlachtet den Arzt und kocht eine Suppe aus seinem Fleisch. Dann fügt er Boyd eine tödliche Wunde zu – und erklärt ihm, er habe nur eine einzige Chance, zu überleben: er müsse von der Suppe essen...

Kommentar

Auf den ersten Blick scheint es sich hier „nur“ um einen Kannibalenfilm zu handeln. Ein klassischer Vampirfilm ist „Ravenous“ wirklich nicht, dennoch lohnt sich ein genaueres Hinsehen. Bei näherer Betrachtung ist das Vampirmotiv nämlich eigentlich bestimmend für den Film.
Denn Colqhoun ist kein simpler Menschenfresser. Nicht Hunger treibt ihn zum Verzehr von Menschenfleisch. Seine Motive gehen viel weiter. Kannibalismus bereitet ihm nicht nur stärkste Lustgefühle – er braucht menschliches Fleisch, weil er sich damit zugleich die Kraft und Energie seiner Opfer einverleiben will. „You are who you eat“ lautet die Werbezeile zu dem Streifen. Manche Rezensenten haben sich darüber beschwert, wieso denn Kannibalen vom Tode auferstehen oder mit einem Messer im Rücken herumlaufen und weiterkämpfen können – aber das ist natürlich ein Mißverständnis, weil es hier eben überhaupt nicht um einfachen Kannibalismus geht. Sondern um den Mythos vom Windigo.

Der Windigo (oder Wendigo – es gibt noch Dutzende andere Schreibweisen) ist quasi die Vampirgestalt der nordamerikanischen und kanadischen Indianer. Ein Windigo ist eine Art Naturdämon, der einen menschlichen Wirt benötigt. Sobald ein Mensch (Mann oder Frau) vom Windigo besessen ist, wird er selbst zum Windigo. Es gibt verschiedene Arten, befallen zu werden, entweder durch den Biß eines anderen Windigo, durch den Fluch eines Medizinmannes, dadurch, daß man vom Windigo träumt oder sich einfach in der Nähe dieses Geistes aufhält (vorzugsweise alleine in der Wildnis), oder auch durch langanhaltende extreme Hungerphasen. Es gibt, wie gesagt, zwei Formen von Windigo: das pure Geistwesen, und daneben den zum Windigo mutierten Menschen.
Ein menschlicher Windigo hat übernatürliche Kräfte, ist zwar nicht unsterblich, aber nahezu unverwundbar – und er benötigt nicht nur das Fleisch und Blut seiner Opfer, sondern entzieht ihnen auf diesem Wege, wie ein Vampir, auch ihre Stärke und ihre Lebensenergie, um seine eigene Existenz zu verlängern. Deswegen befindet er sich auch fast ständig in einem Zustand extremer Gier. („Ravenous“ heißt übrigens sowas wie „rasend vor Hunger“, und das dürfte auch in etwa die Bedeutung des indianischen „windigo“ sein.)
Einen Windigo zu töten ist nicht einfach, der beste Weg ist, ihn zu verbrennen (wobei man darauf achten muß, daß alles, inklusive der Knochen, komplett zu Asche zerfällt, um eine Wiederkehr zu verhindern). Teilweise heißt es auch, daß eine Silberkugel einen Windigo vernichten könne.
Letzten Endes geht der Mythos wohl (wie im Endeffekt ja auch „unser“ Vampirglauben) auf frühmenschliche totemistische Vorstellungen zurück – also auf den Gedanken, daß der Jäger sich die Seele und die Eigenschaften seiner Jagdbeute aneignen könne. Wenn er also auch keinen klassischen Vampir mit Spitzzähnen und langem Cape zu bieten hat, ist „Ravenous“ doch ein äußerst spannender und ungewöhnlicher Beitrag zum Vampirgenre – zudem aus einer ungewöhnlichen Perspektive, weil er eines der ganz wenigen Beispiele ist, die einen außereuropäischen Vampirtypus in den Mittelpunkt stellen.

Darüberhinaus ist es in jeder Hinsicht gut gemachtes Horrorkino. Die Dialoge sind zum Teil brillant, Kameraführung und Landschaftsaufnahmen großartig (gedreht wurde übrigens nicht in den Rocky Mountains, sondern im slowakischen Tatra-Gebirge), die Ausstattung (trotz bescheidenen Budgets) liebevoll, die darstellerischen Leistungen allesamt top. Herrlich etwa all die merkwürdigen Typen, die dieses Fort bevölkern. Besonders herauszuheben: Robert Carlyle als Colqhoun / Ives. Er verkörpert nicht nur die windigohafte Lebensgier und die dahinterstehende totemistische Weltsicht so überzeugend, daß man sich manchmal dabei ertappt, ihm zustimmen zu wollen – er bringt auch das Kunststück fertig, den halb wahnsinnigen, raubtierhaften Colqhoun genauso intensiv zu spielen, wie die kultivierte, distinguierte Variante, die sich in Ives zeigt. Obwohl es ja eigentlich dieselbe Person ist, sind die beiden doch gegensätzlicher kaum zu denken. Ein schauspielerisches Kabinettstückchen liefert auch der horrorfilmerprobte („Im Auftrag des Teufels“, „Hexenjagd“, „Transylvania 6-5000“, Sleepy Hollow) Jeffrey Jones (er war übrigens auch der Kaiser in „Amadeus“). Ein eigenartiger schräger, schwarzer Humor durchzieht den Film, und hinter dieser kruden Story vom Fressen und Gefressenwerden blitzt teilweise ziemlich unverhohlene Gesellschafts- und insbesondere USA-Kritik auf. „Ravenous“ zeichnet das Bild einer Zivilisation, die ihre jahrhundertealten philosophischen und geistigen Errungenschaften in letzter Zeit wieder auf den Müll zu werfen scheint, zugunsten eines puren sozialdarwinistischen Systems, in dem nur noch das Recht des Stärkeren zu gelten scheint.
So gesehen ist „Ravenous“ auch das einzige wirklich gelungene Beispiel, das ich kenne, für ein sonst meistens nur mediokre Ergebnisse hervorbringendes Mixgenre, nämlich den Horrorwestern. Denn hier ist es zum Glück einmal nicht irgendeine gothische Horrorgestalt, wie Dracula oder Frankenstein, die es unglücklicherweise in den wilden Westen verschlagen hat – sondern der Horror kommt aus einem uralten indigenen amerikanischen Mythos heraus, und die Story, inklusive Schluß-Showdown, ist auch als zynischer Kommentar zu den alten männlichen Tugenden der Gunfighters und Lonely Rangers des Westernfilms zu lesen.
Komplettiert wird das Vergnügen dann noch durch die ungewöhnliche, abgedrehte Musik – von Michael Nyman (kannibalismus-erprobt seit „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“) und Damon Albarn (Blur, Gorillaz).
Und um noch was Chauvinistisches zum Abschluß abzusondern: Kein Wunder, daß der Film so gut gelungen ist, so würzig, aus so vielen schmackhaften Zutaten zubereitet – immerhin hat eine Frau ihn gedreht (Antonia Bird, die nebenbei erst kurz vor Drehbeginn als Ersatz für den ursprünglich vorgesehenen Regisseur eingesprungen ist, auf Empfehlung von Robert Carlyle, mit dem sie zuvor schon „Der Priester“ gedreht hatte) – und Frauen haben nunmal Ahnung vom Kochen! (Ironischerweise sind nebenbei sowohl sie wie auch Guy Pearce in Wirklichkeit überzeugte Vegetarier...) Höchste Empfehlung!

Filmreview von: Seward / Alle Reviews von Seward

Trailer zum Film

Veröffentlichungen

Der Film ist auf deutsch mit guten Extras bei 20th Century Fox Home Entertainment auf DVD erschienen.

Filmbewertung

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