Der Ghul
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Inhalt
Der reiche, exzentrische Okkultist Professor Morlant ist ein Anhänger altägyptischer Totenkulte. Sein düsteres Landhaus ist vollgestopft mit ägyptischen Artefakten, in seinem Schlafzimmer steht eine Riesenstatue des Totengottes Anubis, und er besitzt einen kostbaren magischen Edelstein, genannt "Das ewige Licht". Wer mit diesem Stein begraben wird, so glaubt er, dessen Seele wird von Anubis persönlich in Empfang genommen und ins ewige Leben geleitet.
Nun liegt der Professor im Sterben. Um ganz sicher zu gehen, weist er seinen Diener Laing an, ihm die Hand mitsamt dem Edelstein einzubandagieren. Und er schwört: sollte der Stein jemals verlorengehen, dann wird er beim nächsten Vollmond aus seiner Gruft zurückkehren und an dem Räuber Rache nehmen...
Sobald der Meister dahingeschieden ist, hat Laing natürlich nichts besseres zu tun, als den Stein so schnell wie möglich wieder an sich zu reißen. Morlant wird ohne "Das ewige Licht" bestattet - stilgerecht in einer Krypta, die eingerichtet ist wie eine ägyptische Totenkammer. Und der Schlüssel steckt innen...
Jetzt beginnt die Stunde der Aasgeier. Alle sind sie hinter dem wertvollen Schmuckstück her - gierige Erben, zwielichtige Araber, schmierige Anwälte, sogar ein Priester. Nacheinander treffen sie alle in Morlants Haus zusammen und belauern einander, immer wieder wechselt der Stein den Besitzer.
Es kommt, wie es kommen muß: Der Vollmond scheint auf die Tür der Grabkammer, der Sarkophagdeckel öffnet sich - Morlant kehrt zurück und sucht seinen Stein...
Kommentar
"Fang das Licht", kann man da nur sagen...Aber ganz im Ernst: "The Ghoul" ist eine kleine Perle! Lange galt der Film als verschollen, 1969 fand man in Prag dann eine Kopie, allerdings stark gekürzt und mit tschechischen Untertiteln - erst vor wenigen Jahren ist der Film endlich, in einem britischen Archiv, vollständig wieder aufgetaucht.
"The Ghoul" war der erste Horror-Tonfilm, der jemals in England gedreht wurde. Marktführer in diesem Bereich war damals die amerikanische Universal, deren Star Boris Karloff feierte Triumphe mit "The Old Dark House" und "The Mummy" - also erdachte man sich flugs eine Story, die Elemente beider Filme in sich vereinigte, engagierte den Star (und ein paar andere Universal-Schauspieler) und versuchte, dem eigenen Produkt soweit wie möglich den typischen Universal-Look zu verleihen - heraus kam "The Ghoul".
Um gleich mit dem Schwachpunkt anzufangen: Das Drehbuch ist nicht gerade das Gelbe vom Ei. Die Karloff-Figur ist nur am Anfang und am Schluß dran, dazwischen gibts handlungsmäßig ziemlich viel Leerlauf. Da kann der Film auch nicht vergessen machen, daß er auf einem Bühnenstück beruht, viel Dialog, wenig Entwicklung oder gar Action, die Krimielemente überwiegen - Stein wird versteckt, Stein wird gefunden, Stein wird gestohlen, etc., da macht sich schon einmal etwas Langeweile breit. Der unnötige Plot-Twist ganz am Ende (der hier natürlich nicht verraten werden soll) zerstört auch mehr, als er bringt - klarer Punktabzug!
Dabei fängt der Film zunächst einmal wirklich vielversprechend an. Die ersten Szenen mit dem sterbenden Karloff, bis hin zu seinem Begräbnis, sind äußerst gelungen - atmosphärisch dicht, mit stimmungsvoller Musik, Boris Karloff liefert eine hervorragende schauspielerische Leistung ab. Außerdem ist man sehr dankbar dafür, daß hier einmal ein etwas anderer Versuch unternommen wird, in einem Horrorfilm mit ägyptischen Totenritualen umzugehen - mehr auf Mystik zu setzen, statt die aus Dutzenden Mumienfilmen bekannten tapsigen Bandagenmonster aufmarschieren zu lassen.
Danach, wie gesagt, zieht sichs zwar gelegentlich etwas - das wird aber zum Teil aufgewogen durch den skurrilen britischen Humor, besonders in Gestalt von Kaney (Kathleen Harrison), die sich unbedingt in einen echten Scheich verlieben möchte, weil das die einzigen Männer sind, die noch wissen, wie man einer Frau richtig Befehle erteilt... Auch die übrigen Darsteller sind alle gut in Form: Sir Cedric Hardwicke ("Ghost of Frankenstein", "The Hunchback of Notre Dame") als Anwalt, Ralph Richardson ("Doktor Schiwago", "Time Bandits", "Der Drachentöter") als Pfarrer, und besonders der, schon optisch reichlich schräge, Ernest Thesiger, Karloffs kongenialer Partner aus "The Old Dark House" und "Bride of Frankenstein", als Professor Morlants ungetreues, hinkendes Faktotum Laing.
Mit Karloffs Wiederauferstehung wirds dann wieder etwas spannender. Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, man hätte aus der Gestalt des wandelnden Toten durchaus noch etwas mehr machen können. Starke Szenen wechseln mit Momenten, in denen eindeutig Potential verschenkt wurde. Da zeigt sich vielleicht doch die Unerfahrenheit des britischen Regisseurs im Horror-Genre. Außerdem hat Karloff hier keinen Text mehr und wirkt auch schauspielerisch manchmal ein bißchen alleingelassen. Er versucht, das Beste draus zu machen, aber das Drehbuch gibt ihm jetzt nur noch wenige Entwicklungsmöglichkeiten, also rettet er sich in stilisierte Gestik und Körpersprache, und schießt damit teilweise übers Ziel hinaus. So stilsicher Karloff in seinen Rollen sonst meistens agiert - hier übertreibt er leider manchmal so maßlos, als befände er sich noch in einem Stummfilm. Was nicht heißen soll, daß er überhaupt keine starken Szenen hätte - im Gegenteil, der Moment beispielsweise, in dem er sich für seinen Gott mit einem Messer das Ankh-Symbol in die nackte Brust ritzt, ist durchaus beeindruckend!
Das absolute Highlight des Films ist aber die optische Gestaltung. Die Kamerarbeit ist grandios, fast jede Einstellung ein kleines Kunstwerk für sich. Hier wird alles aufgeboten, was das Herz erfreut, Schatten und Nebel, phantastische Lichteffekte, schräge Perspektiven, mehr kann man aus Schwarzweiß nicht herausholen. Ein richtiges klassisches, gotisches Grusel-Melodram, wie es sich gehört; solche Filme werden heute nicht mehr gemacht, eigentlich schade... (Außerdem wirkt "The Ghoul" durch die Qualität der Bildsprache wesentlich teurer, als er in Wirklichkeit war!) Der expressionistische Einfluß ist deutlich spürbar - kein Wunder, Kameramann Günther Krampf war nicht nur ein Meister seines Fachs, sondern auch für einige der besten deutschen Horror-Stummfilme verantwortlich, etwa "Nosferatu", "Orlacs Hände" oder "Der Student von Prag".
Bleibt die Frage: Wer ist eigentlich "The Ghoul"?
Beziehungsweise: Was ist das überhaupt? In der arabischen Mythologie ist ein Ghul eine Art Dämon, manchmal auch ein Untoter, der auf Friedhöfen in Gräbern haust und sich von Leichen bzw. Menschenfleisch ernährt. Die erste deutsche Vampirgeschichte "Ein Fall von Vampyrismus" von E. Th. A. Hoffmann handelt in Wirklichkeit von Ghulen - hexenartigen Wesen, die gemeinsam über eine Leiche herfallen. Und George A. Romero, der Erfinder des modernen Zombiefilms hat, hat die Kreaturen in "Night of the Living Dead" ursprünglich selbst als "Ghouls" bezeichnet.
"The Ghoul" ist der erste Film, der sich mit diesem Wesen beschäftigt - aber ist Karloff jetzt der Ghul? Er "wohnt" zwar in einer Gruft und ist ein lebender Toter - aber eigentlich sucht er ja nur seinen Stein und hat nicht die geringste Absicht, sich von Leichen oder von Menschenfleisch zu ernähren, im Gegenteil, die meisten seiner Opfer läßt er sogar am Leben.
Im übertragenen Sinn kann "Ghul" allerdings auch "Leichenfledderer" und damit "Grabräuber" bedeuten. Ein Vorwurf, den einer der Araber am Anfang dem Professor macht (der bei seinen Ausgrabungen wohl nicht zimperlich war) - aber abgesehn davon, in diesem Sinne wäre ja fast jeder dieser ehrenwerten Gesellschaft selber ein Ghul, so wie sich alle wie die Schakale um die Hinterlassenschaft des gerade erst Dahingeschiedenen balgen...
Die britische Neuverfilmung "The Ghoul" (1975, von Freddie Francis, mit Peter Cushing) hat mit dem Film von 1933 übrigens, außer dem gleichen Titel, inhaltlich nichts zu tun - dort geht es tatsächlich um eine menschenfressende Kreatur.
Fazit: "The Ghoul" ist ein vergessener Klassiker, und besonders optisch ein wahres Kleinod. Wer also auf stilvolle Schwarzweiß-Ästhetik und auf "nostalgisches" Grusel-Feeling steht, sollte "The Ghoul" einen Blick gönnen - und Fans von Boris Karloff sowieso...
Filmreview von: Seward / Alle Reviews von Seward
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist auf deutsch noch nicht erhältlich. Empfehlenswerteste Veröffentlichung in Englisch ist die von MGM - ungekürzt, mit brillantem Bild, und mit Untertiteln in französisch oder spanisch, leider nicht in deutsch. Andere Veröffentlichungen basieren teilweise noch auf der tschechischen Kopie, da fehlen Szenen, das Bild ist schlechter, und um die tschechischen Untertitel zu kaschieren wurde ein künstliches Widescreen erzeugt - man hat einfach die untere Bildhälfte abgeschnitten...
Filmbewertung
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