Cannibal
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Inhalt
Zwei Männer (bis zum Schluß bleiben die beiden namenlos) lernen sich übers Internet kennen. Der eine sucht schon seit langem ein williges Schlachtopfer, der andere jemanden, der bereit ist, ihn zu schlachten. Nun haben sie sich also endlich gefunden. Im einsam gelegenen Haus des Schlächters treffen sie zusammen. Sie werden sich einig, sie reden wenig, sie haben Sex miteinander. Zwischendrin wollen sie aufgeben, sind schon wieder am Bahnhof - entschließen sich dann aber doch, es zu Ende zu bringen. Gemeinsam verspeisen sie den Penis des Opfers, dann tötet der "Mann" das "Fleisch", zerlegt die Leiche fachgerecht in seiner Werkstatt, entsorgt die unbrauchbaren Reste, friert einen Teil für später ein, kocht ein Festmahl und tafelt genüßlich - der abgeschnittene Kopf des Opfers darf zusehen.
Kommentar
Wem diese Geschichte bekannt vorkommt: sie beruht natürlich auf dem authentischen Fall von Kannibalismus, der 2001 durch alle Medien geisterte - Armin Meiwes hatte per Internet ein Schlachtopfer gesucht, Bernd Jürgen Brandes hatte sich angeboten und tatsächlich schlachten lassen, alles genau wie im Film "Cannibal" geschildert.Ein gefundenes "Fressen" für die Filmindustrie, die sich natürlich sofort gierig auf die Story stürzte. Aber offenbar war die originale Tat doch viel zu unverständlich, zu schockierend und verstörend, um sie ungefiltert darstellen zu können - weswegen die meisten Bearbeitungen anscheinend diverse "Sicherungen" einbauen mußten.
Die US-Variante von Martin Weisz ("Rohtenburg") etwa geriet zum Mainstream-Horrorthriller, inklusive verzichtbarer Rahmenhandlung (Psychologiestudentin sucht Studienobjekte) und viel pseudopsychologischen Erklärungsversuchen. Die Version von Rosa von Praunheim ("Dein Herz in meinem Hirn") wiederum macht eine Satire daraus. (Beide Filme wurden auf einstweilige Verfügung von Meiwes in Deutschland verboten.) In Ulli Lommels (auch sonst wohl eher miserablem) "Cannibal" ist das Pärchen hetero, ebenso in Igor Bauersimas Bühnenversion "69", in Christoph Prückners Bühnenstück "ein fleisch" gehts um zwei Frauen.
Marian Doras Filmversion ist also die einzige, die tatsächlich den Mut hat, die Geschichte eins zu eins genau so zu erzählen, wie sie sich wirklich abgespielt hat, oder zumindest hätte abspielen können (soweit eben aus Zeugenaussagen, Videodokumentationen und polizeilichen Untersuchungen rekonstruierbar). Das macht den Film so schockierend. Manchmal hat man fast den verstörenden Eindruck, einer Doku zuzuschauen. Erklärungen werden nicht geliefert, weder "psychologische" noch "soziologische" noch sonst welche. Am Anfang eine zärtliche Stimme, wohl die der Mutter des Schlächters, die das Märchen von Hänsel und Gretel vorliest ("Morgen will ich dich schlachten und kochen"), dann eine Bildcollage, die die Lust am Kannibalismus mythologisch und kulturell verortet (Sagen von Menschenfressern, Fotos von realen Kannibalen á la Dahmer etc.) - das ist alles, ab jetzt ist der Zuschauer gezwungen, sich selbst seinen Reim auf das Geschehen zu machen.
Die Kamera ist einfach dabei, und mit ihr wir, das Publikum - sie wertet nicht, aber sie zeigt alles, macht uns zum Voyer, zum Mitspieler. Der Sex zwischen Männern wird genauso ausführlich gezeigt wie jede blutige Einzelheit beim Schlachten. (Interessanterweise gibt es immer wieder Zuschauer, die von den schwulen Sexszenen viel schockierter sind als von den Splatterpassagen.)
Der Film kümmert sich nicht sonderlich darum, unterhaltsam zu sein.
Gesprochen wird auch nicht viel - nicht mehr als etwa 20 Sätze im ganzen Film (aber was soll man sich auch groß erzählen, bevor man sich aufißt?). Am Anfang bleibt die Kamera sehr auf Distanz, die langwierige Suche des "Mannes" nach dem Opfer wird nur aus der Entfernung gezeigt, ohne Ton, wir sehen die potentiellen Partner, die den Mann entweder nicht ernst nehmen oder die schockiert das Weite suchen, einmal wird er sogar verprügelt - die Einsamkeit und Sprachlosigkeit dieses Menschen wird deutlich spürbar, nur Einblendungen seiner Messages vom Computerbildschirm zeigen etwas von seiner Innenwelt. Das erste hörbare Wort im Film fällt nach 23 min. - "Ich bin dein Fleisch" sagt das zukünftige Opfer zum zukünftigen Täter.
Nun folgt der Film einfach dem Geschehen, wie es sich an diesem Tag und in dieser Nacht wohl abgespielt haben mag. Gezeigt wird alles, das Spannende und das Banale, die Kamera hält immer drauf. Manchmal wirds schon ziemlich krass - etwa, wenn wir zuschauen dürfen, wie kompliziert es sein kann, jemandem den Penis abzuschneiden. Authentisch ist auch, wie es weitergeht - es dürfte nämlich gar nicht so leicht sein, so ein Zumpferl dann auch anzubraten... Aber grade die Lächerlichkeit mancher Situationen ist es, die die Geschichte manchmal geradezu unerträglich macht!
23 min. vor Schluß kehrt dann wieder das Schweigen ein. Jetzt ist das Opfer endgültig tot, aber wir sehen noch fast eine halbe Stunde lang dabei zu, in jeder Einzelheit, wie die Leiche an den Füßen aufgehängt, zerteilt, aufgeschnitten, gehäutet, ausgeweidet, zerlegt, bis auf die Knochen ausgelöst wird, wir sehen den Mann das Fleisch in Portionsbeutel verpacken, einfrieren bzw. vergraben bzw. in der Küche zubereiten. Blutiger gehts kaum - fröhliches Splatter-Feeling will irgendwie trotzdem nicht recht aufkommen... Es fehlt einfach das Augenzwinkern, das alles ist völlig ernst gemeint, wir kriegen ein Gefühl dafür, was für eine ekelhafte, umständliche Arbeit das Schlachten an und für sich und besonders das Schlachten eines Menschen sein muß, und mit dem Wissen, daß das Gezeigte verdammt nah an der Realität dran sein muß, kann einem dann und wann schon leicht übel werden.
Ganz am Ende erlaubt der Regisseur sich aber dann doch noch eine kleine, ironische filmische Anspielung - wie "der Mann" da an seiner reich gedeckten, opulenten Tafel sitzt und feierlich sein Menü verspeist, untermalt von festlicher Barockmusik, das erinnert schon etwas an den Schluß von Greenaways "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber".
Gelegentlich wird der Film als "Amateurfilm" eingestuft - aus eher unverständlichen Gründen; wenn "Cannibal" amateurhaft ist, dann höchstens in demselben Sinn wie die dänischen Dogma-Filme, an die er teilweise stilistisch erinnert. Der Film wurde auf billigem Videomaterial, großteils mit Handkamera gedreht (Kamera: Marian Dora). Das verleiht ihm seinen dokumentarischen, voyeurhaften Charakter, und gleichzeitig (durch Überbelichtung, unscharfe Ränder etc.) auch immer wieder einen unwirklichen, fast märchenhaften Eindruck.
Die Darsteller verschmelzen auf beunruhigende Weise mit ihren Rollen - eine schauspielerische Leistung, von beiden, die hart an die Grenze geht - umso mehr, als sie zwei Drittel des Films über komplett nackt sind (pures Fleisch, eben). In manchen Szenen, besonders in etlichen Augen-Closeups, ist bei beiden die Ähnlichkeit mit den authentischen Vorbildern Meiwes bzw. Brandes schon ziemlich erschreckend. "Der Mann" Carsten Frank ist ansonsten des öfteren für Ulli Lommel und Jess Franco tätig gewesen - für Victor Brandl ist "Das Fleisch" überhaupt die bisher einzige Fimrolle. (Verschwindet aus der Filmgeschichte, als hätte es ihn nie gegeben - und heißt dann auch noch fast so wie sein Rollenvorbild - ui ui ui...)
In den Medien war (und ist) ja fast nur Meiwes, der Täter, präsent - über das Opfer, Brandes, erfährt man reichlich wenig. Vielleicht auch, weil es noch viel schwieriger ist, sich in einen Menschen hineinzuversetzen, der sich freiwillig aufessen lassen möchte, als in einen Kannibalen. Hier bekommt nun auch dieser Mensch ein Gesicht. Und es wird deutlich, daß man mit den üblichen Täter-Opfer-Schemata in diesem Fall nicht weit kommt. Über weite Strecken wirkt nämlich "das Fleisch" dominant - er ist es, der den andern immer wieder zum Weitermachen anstachelt. "Du bist zu schwach" wirft er dem Schlächter immer wieder vor, wenn der den Mut verliert, oder aufgeben möchte.
Mit seiner hohen Stimme, seinen gelegentlichen hysterischen Zusammenbrüchen und seiner betulich-hausfraulichen Art (beim Kochen, mit Schürzchen, oder beim Putzen) wird eigentlich "der Mann" eher als "weiblicher" Part in der Beziehung charakterisiert. Auch in den Sexszenen ist er der passive Teil - was den Schluß nahelegt, daß das Bedürfnis, einen anderen Mann (durch Verspeisen) "ganz in sich aufzunehmen", eigentlich nur der ins Extreme übersteigerte Wunsch sein könnte, ganz zur Frau zu werden. Aber wie gesagt - das wäre eine psychologische Schlußfolgerung, die der Film zwar durch seine genaue Beobachtung und die Leistung der Schauspieler ermöglicht, aber in keinem einzigen Augenblick dem Zuschauer tatsächlich aufs Auge drückt; und darin liegt eine der größten Qualitäten von "Cannibal".
Erstaunlicherweise ist "Cannibal" das Regiedebüt von Marian Dora. Sein Handwerk gelernt hat er als Assistent bei etlichen Ulli-Lommel-Streifen. Lommel wiederum, heutzutage Deutschlands Horror-Trash-Papst, entstammte ursprünglich der Fassbinder-Factory, sein einziger wirklich guter eigener Film beruhte ebenfalls auf einem authentischen deutschen Kannibalismus-Fall: "Die Zärtlichkeit der Wölfe" von 1973, mit Kurt Raab, produziert von F. W. Fassbinder, nach der Geschichte von Fritz Haarmann (die ja später auch dem "Totmacher" als Vorlage diente).
Lommel selbst versuchte sich ein Jahr später am selben Thema wie sein ehemaliger Assistent - und nebenbei mit dem fast identischen Titel "Cannibal" - in der US-Version "Diary of a Cannibal"! Nach allem, was man hört, ein kompletter Schuß in den Ofen - also Vorsicht vor Verwechslungen!
Ob Doran die radikalen Qualitäten seines Erstlings noch einmal wird erreichen können, wird sich erst weisen. Über seinen zweiten Film "Melancholie" (2007, wieder mit Carsten Frank) ist bislang leider noch nicht viel in Erfahrung zu bringen.
"Cannibal" ist ein Film, heißt es öfters, den man entweder lieben oder hassen muß.
Es gibt aber noch mehr Möglichkeiten. Man kann sich auch zu Tode langweilen dabei, ohne ihn "hassen" zu müssen. Man kann ihn bewundern, ohne ihn "lieben" zu müssen. Das muß jeder für sich selbst entscheiden. Die unten vergebene Höchstwertung ist deshalb nicht unbedingt eine Empfehlung.
Jedenfalls: Ein radikaler Film. Ein unangenehmer Film. Ein Film zum Vegetarier-werden. Kein Film zum öfters anschauen. Kein Film zum Gernhaben. Ziemlich krank. Ziemlich genial.
Filmreview von: Seward / Alle Reviews von Seward
Veröffentlichungen
"Cannibal" ist beim Werkmann-Filmverlag als DVD erschienen.
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