I wie Ikarus
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Inhalt
Kurz nach seiner Wiederwahl wird Präsident Jary auf offener Straße erschossen. Die daraufhin eingesetzte Untersuchungskommission kommt zu dem Schluß, daß der Mörder ein Einzeltäter namens Daslow gewesen sei, der sich unmittelbar nach der Tat das Leben genommen habe. (Der Zuschauer weiß bereits, daß dies nicht stimmt.) Der Generalstaatsanwalt Henri Volney will sich damit nicht zufriedengeben. Durch einen Bluff vor laufenden Fernsehkameras nötigt er dem Kommissionsvorsitzenden das Eingeständnis ab, daß das Untersuchungsergebnis politisch gewünscht war, und erzwingt so eine Wiederaufnahme der Ermittlungen unter seiner Leitung. Schnell findet er heraus, daß Daslow nicht der Täter war, sondern der Präsident einer Verschwörung zum Opfer gefallen ist. Doch je näher Volney den Verschwörern auf den Leib rückt, desto näher sind sie wiederum ihm…
Kommentar
Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor: ein populärer Präsident, erschossen im offenen Wagen von einem kurz darauf selbst toten Einzelgänger, der vielleicht nur Strohmann ganz anderer Mächte war, dazu ein aufrechter Staatsanwalt, der der offiziellen Lesart nicht glauben will? Klar, hier stand natürlich die Ermordung John F. Kennedys überdeutlichst Pate, und wenn Regisseur Henri Verneuil, der wohl nicht von ungefähr den gleichen Vornamen trägt wie sein aufrecht ermittelnder Protagonist, die Handlung in einen fiktiven Staat verlegt, dessen Flagge der amerikanischen ähnelt und in dem mit Dollars bezahlt, aber französisch gesprochen wird, so doch nicht, um einen etwaigen Schlüsselfilm – ein Dutzend Jahre, bevor Oliver Stone mit seinem „JFK“ ungemein expliziter wurde – oberflächlich zu kaschieren. Nein, trotz aller Anspielungen (die Ausgangssituation an sich, Daslow als Anagramm zu Oswald, ein Daslow-Foto mit Flinte, das die wohl bekannteste Oswald-Aufnahme nachstellt, ein Amateurstreifen im Stil des berühmten Zapruder-Films undsoweiterundsofort..) geht es Verneuil anders als Stone nur am Rande um die konkreten Hintergründe des Kennedy-Mordes. Nicht umsonst stellt er „I wie Ikarus“ ein Motto voran, dem zufolge sein Film gerade deshalb wahr sei, weil er komplett erfunden sei (schon in den 1970er Jahren ein längst zeitloser Gedanke): Es geht also nicht um die minutiöse Rekonstruktion eines historischen Einzelfalls, nicht um konkrete Wirklichkeit, sondern exemplarische Wahrheit ist das Anliegen des Films, und diese führt er mit dem mythologischen Ikarus, der abstürzte, als er der Sonne zu nahe kam und das Wachs seiner Flügel schmolz, bereits im Namen (so wird es dem Zuschauer auch zum Ende als Deutungsmuster auf die Nase gebunden, allerdings so eindringlich, daß man dem Holzhammer nicht böse sein kann). Verneuils fiktiver Staat ist damit weder Mittel zum Zweck noch Rücksichtnahme gegenüber den USA, sondern steht einfach für die gesamte westliche Welt, der Film soll Parabel sein wie die klassische Sage – und unterm Strich wird er diesem Anspruch auch gerecht.„I wie Ikarus“ präsentiert sich so als (trotz aller zeitgenössischen positiven Kritiken, Preise und Nominierungen etwas in Vergessenheit geratener) später Ausläufer des europäischen Polit-Thrillers, wie ihn vor allem Costa-Gavras etabliert hatte und zu dessen Höhepunkten er zweifelsohne gehört. Er weiß bei aller zur Schau gestellten Nüchternheit der über weite Strecken geradezu dokumentarisch anmutenden Inszenierung zu fesseln, entwickelt zunehmend eine enorme Spannung, auch wenn er stets Distanz zu seinen Figuren wahrt, sogar seinem Protagonisten Volney in einer Welt, in der offensichtlich alle Lebensbereiche als politisch aufgefaßt werden, kaum ein Privatleben zugesteht (seine Lebensgefährtin sehen wir lediglich auf einem Foto auf seinem Schreibtisch, und nur einmal hören wir ihre Stimme). Doch gerade der Chefermittler Volney wird unmittelbar zur Identifikationsfigur des Publikums, dank der intensiven, dabei extrem minimalistischen, knorrig-väterlichen wie stoisch-besessenen Darstellung des großen Yves Montand (meisterhaft synchronisiert von dem kaum minder großen Arnold Marquis, wie der ganze Film beispielhaft eingedeutscht ist), der dafür Sorge trägt, daß wir nicht nur intellektuell an Volneys Schicksal Anteil nehmen. Der Schuldige ist dem Zuschauer, gerade weil "das Böse" nie ein Gesicht erhält, natürlich schon bekannt, bevor Volney zu ermitteln beginnt, es ist derselbe wie in faktisch allen Polit-Thrillern der Zeit, die abstrakte Größe des Geheimdienstes und generell der unkenntlichen, übermächtigen Strippenzieher im Hintergrund. Man mag das heute nicht mehr zwingend originell oder gar progressiv finden, es ist hier jedoch so packend übermittelt wie selten, gerade je weiter der Film fortschreitet, auch wenn die Figurenpsychologie aufgrund der angestrebten Allgemeingültigkeit ziemlich schematisch, ja lehrbuchhaft bleibt. Das Ende des Films, ebenso konsequent wie düster, in einem faszinierenden Nebeneinander von größtmöglichem Pathos und größtmöglicher Beiläufigkeit, ist geradezu das Musterbeispiel eines Finales, das einen wie versteinert zurückläßt, dies auch dank der gänsehauterzeugenden Musik Ennio Morricones, die zwar sträflich unbekannt geblieben ist, sich aber problemlos mit seinen besten Arbeiten messen kann und zudem intensivstes 70er-Flair versprüht: gewissermaßen – wie der ganze Streifen – ein Requiem für den Rechtsstaat.
Das einzige Manko des Films ist – wie auf der anderen Seite viele seiner Stärken – eben dem Genre geschuldet, dessen Tradition er verpflichtet ist, eben dem Polit-Thriller: Schon das Motto zu Beginn zeigt auf, daß der Zuschauer nicht nur die spannende Handlung goutieren, sondern auch etwas lernen soll über die Schlechtigkeit der (westlichen) Welt und ihrer Staatsorganisation. Die didaktische Absicht des Films ist auf eine etwas aufdringliche Art allgegenwärtig und nirgendwo so offensichtlich wie zu Beginn der zweiten Hälfte des Films, als Volney Zeuge des (hier natürlich anders genannten) berühmten Milgram-Experimentes wird, in dem ein Alltagsmensch unter vermeintlich ärztlicher Aufsicht scheinbar einem anderen Alltagsmenschen Stromstöße von steigender Intensität versetzt, nur weil die Weißkittel das so wollen – ein Experiment zur Autoritätshörigkeit selbst unter demokratisch erzogenen Menschen, das für das Filmgeschehen allerdings komplett überflüssig ist. Doch obwohl dieser Handlungsstrang nur lose mit dem übrigen Film verzahnt ist und immerhin etwa zwanzig Minuten in Anspruch nimmt, wirkt er nicht redundant – zu stark ist er inszeniert und gespielt, zudem wartet er bezüglich Volneys mit einer bitterbösen Pointe auf, die auch den Zuschauer bezüglich der generellen Aussage des Films sensibilisiert, was ja jenseits aller Verschwörungstheorien nichts Verkehrtes ist. Und das ist die Kunst von „I wie Ikarus“: Selbst dramaturgisch und konzeptionell angreifbare Szenen sind dermaßen gekonnt umgesetzt, daß wir fast vergessen könnten, daß sie Schwachstellen innerhalb eines im Ganzen außerordentlich gelungenen und spannenden Films sind. Schon – und nicht nur – deshalb allen Beteiligten: Chapeau!
Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist bei Kinowelt Home Entertainment auf DVD erschienen.
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