Hänsel und Gretel

Originaltitel: Hänsel und Gretel
Alternativtitel: Hansel and Gretel
Herstellungsland: DeutschlandDeutschland
Erscheinungsjahr:  2006
Regie: Anne Wild

Darsteller

Figur

Sibylle Canonica  Hexe
Nastassja Hahn  Gretel
Johann Storm  Hänsel
Henning Peker  Vater
Claudia Geisler  Mutter
Christian Habicht  Waldbauer
Christian Steyer  Erzähler
  
Genre: Fantasy
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Inhalt

Sollte es tatsächlich jemanden geben, der die Märchenvorlage dieses erstaunlich originellen Films nicht kennt – darum geht’s: Von Armut und Hunger gebeutelt, läßt sich ein Holzfäller von seiner Frau überreden, seine beiden Kinder im Wald auszusetzen. Einmal finden Hänsel und Gretel nach Hause zurück, doch nach dem zweiten Versuch der Eltern geraten die Kinder auf der Suche nach dem Heimweg immer tiefer in den Wald – bis sie zu einem Lebkuchenhaus kommen…

Kommentar

Märchenverfilmungen haben, sollen sie gelingen, insbesondere zwei Klippen zu umschiffen: Auf der einen Seite dürfen sie nicht zu altmodisch-brav inszeniert werden, andererseits aber auch nicht zu sehr dem Zeitgeist hinterherlaufen – beides führt dann entweder in die völlige Beliebigkeit oder direkt ins Parodistische. Daß es auch heute noch möglich ist, diesen beiden Fallen zu entgehen und so vor allem an die berühmten, auf völlig unprätentiöse Weise poetischen tschechischen Märchenfilme aus den 1970er und 1980er Jahren anzuknüpfen, ohne deren Stil zu imitieren, zeigt Anne Wild mit ihrer Filmversion eines der berühmtesten Märchen der Brüder Grimm, „Hänsel und Gretel“, von dem man hätte meinen können, es sei längst dermaßen ausgeschlachtet und abgedroschen, daß nichts mehr dazu zu sagen bliebe. Dieser Film beweist das Gegenteil: Peter Schwindts vorzügliches Drehbuch folgt oft bis in den Wortlaut der Grimmschen Vorlage, bemüht mitunter sogar einen Off-Erzähler (der für die Handlung überflüssig ist, dank seines dezenten Einsatzes allerdings nicht stört, sondern auf die Erzähltradition des Märchengenres verweist), doch ist dieser Film für aufgeschlossene Erwachsene ebenso interessant wie für Kinder, aus deren Perspektive fast schon eine „Grusel“-Einordnung des Films angemessen wäre – nicht wegen irgendwelcher Effekte oder Masken, sondern einfach dank der Inszenierung und des Spiels des eher unbekannten Ensembles. Ja, ein Hauch vom „Blair Witch Project“ weht durch diese Produktion, und das ist letztlich sogar ein naheliegender Bezug, denn was war dieser Sensationserfolg, der die „Found Footage“-Fiktion bei einem breiten Kinopublikum salonfähig machte, inhaltlich – ein paar junge Menschen verirren sich im Wald und geraten an eine Hexe – anderes als eine düstere Variation von „Hänsel und Gretel“? Natürlich spielt Anne Wilds Film nicht mit einem vermeintlichen Authentizitätsanspruch, doch der (nie übertriebene) Einsatz der Handkamera schafft hier ebenso eine unmittelbare Nähe des Zuschauers zum Geschehen, wie er die fortschreitende Orientierungslosigkeit der Kinder spürbar macht, und auch die Knochenmobiles rund um das Hexenhaus erinnern an „Blair Witch“. Von Anfang an, noch bevor eine Brücke Hänsel und Gretel endgültig in den Bannkreis der Hexe führt, inszenieren Regie und Kamera (Wojciech Szepel), untermalt von der gelungenen, Ethno-angehauchten Musik Mari Boines und der Tonspur, den Wald als ebenso unsicheren wie magischen Ort.

Der gelungenste Aspekt des Films ist allerdings die Interpretation der Hexe, die tatsächlich geeignet ist, zumindest kleine Kinder das Fürchten zu lehren – eben weil hier auf das Klischee der alten, buckligen Knusperhexe verzichtet wird. So sehr die jungen Hauptdarsteller Nastassja Hahn und Johann Storm mit ihrem natürlichen, gut harmonierenden Zusammenspiel als auf sich allein gestelltes Geschwisterpaar überzeugen, ist der späte Star des Films Sibylle Canonica, deren Hexe auf den ersten Blick fast alltäglich und harmlos aussieht – und damit wie in der Rücksichtslosigkeit ihrer Motive deutlich als dämonisches Zerrspiegelbild der Eltern, besonders natürlich der Stiefmutter erscheint –, jedoch durch die Inszenierung ihrer Omnipräsenz und besonders durch die punktgenaue, in den richtigen Momenten gar am expressionistischen Stummfilm orientierte Darstellung nachgerade unheimlich wird: Wenn sie die Kinder umschmeichelt, aber auch und gerade, als Gretel in das Schlafgemach der Hexe eindringt, meint man schon fast, eine entfernte Nachfahrin von Max Schrecks Nosferatu habe sich im Wald eingerichtet.

Anne Wilds moderne, aber eben nicht zwanghaft modernisierende, sich gleichzeitig den biedermeierlichen Traditionen weitgehend versagende Fassung von „Hänsel und Gretel“ fängt die Zeitlosigkeit der Vorlage großartig ein und vermag, solange der Blick unvoreingenommen ist, alle Altersgruppen anzusprechen, vor allem aber nimmt sie ihr junges Publikum ernst: der beste Weg, es auch zu erreichen. Liebe Intendanten, so wird’s gemacht!

Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven

Veröffentlichungen

Der Film ist bei FM Kids auf DVD erschienen.

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