Doktor X
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Inhalt
In Vollmondnächten streift ein Serienmörder durch New York, der seine Opfer in offenbar kannibalischer Absicht verstümmelt. Alle Spuren führen zum Institut des ebenso anerkannten wie exzentrischen Mediziners Dr. Xavier. Um den Ruf seines Hauses zu schützen, gibt die Polizei Xavier zwei Tage Zeit, um den Mörder, sollte er aus der Mitte der allesamt arg absonderlichen Gelehrten stammen, selbst zu entlarven. Ein gefährliches Spiel, zumal der Vollmond nach wie vor am Himmel steht. Ein falsches Spiel?
Kommentar
In den Annalen des Horrorfilms hat sich „Doktor X“ fraglos einen Ehrenplatz verdient. Zu einer Zeit, in der selbst der Tonfilm noch in den Kinderschuhen steckte, wurde er in einem frühen Technicolor-Verfahren gedreht und damit zu einer Pioniertat des Genrekinos. Dem Publikum blieb dies allerdings weitgehend verborgen, da in den Kinos meist eine gleichzeitig angefertigte Schwarzweißfassung gezeigt wurde, und auch später kam die Farbversion so gut wie nie zur Aufführung, galt lange sogar als verschollen, bis sie schließlich nach Jahrzehnten in irgendeinem Archivregal wiederentdeckt wurde. In der Tat wäre der Verlust dieser Fassung nicht nur aus filmhistorischen Gründen bedauerlich gewesen, denn so abgenutzt die vorhandene Kopie auch sein mag, ist sie ihrem farblosen Zwilling doch weit überlegen. Regisseur Michael Curtiz, einer der fähigsten Handwerker des damaligen Hollywood, der zehn Jahre später mit „Casablanca“ einen der größten Filmklassiker überhaupt drehen sollte, sowie seine Kameramänner Ray Rennahan und Richard Tower nutzten die mit den Farben verbundenen Möglichkeiten auf originelle und effektive Weise. Auch wenn sich der Streifen – wie zuvor die Kassenschlager der Universal – am expressionistischen Horror gerade des deutschen Stummfilms orientiert, ist hier die Farbe weder Fremdkörper noch Selbstzweck, schaffen die Technicolor-Kompositionen doch – sei es beim Nachthimmel, in den zahlreichen Laborszenen mit ihren obligatorischen blubbernden Phiolen und elektrischen Apparaten, beim sturmumtosten Landhaus Xaviers oder angesichts der monochrom leuchtenden Innenräume – eine ganz eigene Atmosphäre und verleihen vielen Einstellungen einen visuellen Mehrwert, der möglicherweise sogar zu einem Gegenentwurf zu den traditionsstiftenden Universal-Bildern hätte heranreifen können. Doch zu diesem Versuch kam es nicht. Obwohl „Doktor X“ zu einem großen Erfolg wurde und ein Jahr später auch sein vor wie hinter der Kamera vom weitgehend gleichen Team realisierter Farb-Nachfolger „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ für Furore sorgte, realisierten Warner Brothers ihre späteren Genrefilme im etablierten Schwarzweiß. So blieb es „Doktor X“ versagt, stilbildend zu wirken, und er trat für immer in die zweite Reihe zurück. Erst über zwanzig Jahre später verhalf Hammer auf ganz eigene Weise dem Farbfilmhorror zum endgültigen Durchbruch.Aus heutiger Sicht wirken die Bilder in „Doktor X“ oft wie unwirklich vergilbte Illustrationen in einem alten Taschenbuch, und dazu paßt auch die Handlung des Films. „Doktor X“ will nichts bedeuten, sondern einfach nur unterhalten, und so liefert er uns Sensationen und Schauwerte fast im Minutentakt. Die Geschichte um Kannibalismus, absurde Experimente und monströse Mörder führt uns – kurz vor der Verschärfung der (Selbst-)Zensur in Hollywood – ebenso in ein Leichenschauhaus wie in ein Bordell, die finale Verwandlung des Täters in den Mondscheinmörder ist tricktechnisch gut gemacht, vor allem aber erstaunlich lang und für die damalige Zeit ziemlich harter Tobak. Dr. Xaviers Institut und ebenso sein düsteres Anwesen am Meer sind spukhafte Gemäuer voller Technik-Schnickschnack, Falltüren und Geheimzimmer, in deren schiefwinkliger Architektur sich selbst Dr. Caligari fast wie zu Hause fühlen könnte. Xaviers Kollegen wie auch sein Personal wiederum wirken derart karikaturhaft-sonderlich, daß Universals Frankenstein-Assistenten dagegen beinahe schwiegersohntauglich erscheinen. Der Film ist also eine Räuberpistole sondergleichen, dazu kontrastiert er – ebenso wie im folgenden Jahr das „Wachsfigurenkabinett“ – seinen Grusel- und Krimistoff mit Screwball-Comedy-Einlagen, gerade in der Beziehung zwischen Xaviers Tochter Joan und dem über die Morde berichtenden Reporter Lee Taylor. Anders als in den Horrorfilmen des Universal-Meisters James Whale gelingt es „Doktor X“ zwar nur selten, das Grausige und das Groteske aus ein und derselben Person bzw. Situation entstehen zu lassen und so aufeinander zu beziehen, immerhin aber funktioniert hier das Nebeneinander von Gruselkabinett und Kabarett gar nicht mal schlecht.
Wo mit erklärter Absicht und durchaus souverän soviel Kolportage und Klischee aufgefahren wird, muß man nach einer nachvollziehbaren Handlung selbstredend gar nicht erst suchen. Würde z.B. die Polizei einem Haufen Mordverdächtiger wohl wirklich gestatten, den Täter selbst zu finden – und das auch noch, ohne dieses Treiben wenigstens zu überwachen? Macht Xaviers Vorgehen bei der Tätersuche, das weniger mit der stets im Munde geführten Wissenschaft zu tun hat als mit Jahrmarktspraktiken, irgendeinen Sinn? Würde ein angesehener Forscher einen morbiden Lustmolch wie Otto als Butler beschäftigen? Selbstverständlich nicht, aber unter uns: Wer erwartet schon Logik in einem unbeschwerten Reißer wie diesem!? Amüsiert stolpert der Zuschauer durch die Handlung wie der angemessen ungewöhnliche „Held“ dieses Films, der Reporter Lee: ein mit Scherzartikeln spielender, schreckhafter Kindskopf und Dampfplauderer, der sich vor jedem Schritt aufs Neue Mut machen muß und den Lee Tracy mit sichtbarem Vergnügen spielt – womit er sich nahtlos in das gut aufgelegte Ensemble einfügt. Fay Wray ist hier zum ersten Mal in der Rolle ihres Lebens zu sehen, nämlich als Scream Queen, als die sie in „King Kong und die weiße Frau“ (1933) unsterblich wurde. Star des Films ist allerdings Lionel Atwill, der hier als ebenso undurchsichtiger wie schillernder, im Gegensatz zu Xaviers Kollegen aber noch einigermaßen glaubwürdiger Wissenschaftler die Meßlatte für künftige Interpretationen des mad scientist recht hoch legte. Für Atwill war dies Segen und Fluch zugleich: Seine Leistung wurde zwar anerkannt, doch das führte zu einem Typecasting, das ihn weitgehend in den Genrefilm – und das hieß damals unweigerlich: B-Film – zwang und ihn nötigte, die immer gleichen Rollen zu wiederholen: Wo er nicht verrückter Wissenschaftler oder sonst ein Schurke war, erschien er meist – wohl auch aufgrund seiner recht preußischen Erscheinung – als Polizist, Bürgermeister oder sonstiger Amtsträger. „Doktor X“ zeigt Atwill, der gewiß zu den besten (und entsprechend oft gebuchten) Nebendarstellern im Genrekino der 1930er und 1940er Jahre gehört, schon fast auf dem Höhepunkt seiner Karriere, auch wenn er damals noch anderes hoffen durfte.
Wiewohl „Doktor X“ sicher nicht zu den ganz großen Highlights des US-Gruselfilms der 1930er Jahre gehört, er weder die Innovationskraft noch die Geschlossenheit etwa von Whales „Frankenstein“ (1931) und „Frankensteins Braut“ (1935) oder Freunds „Die Mumie“ (1932) besitzt und es ihm trotz seiner eigenen Qualitäten nicht vergönnt war, selbst stilbildend zu werden, gilt er doch mit Fug und Recht als zumindest kleiner Klassiker, der sich bei aller Anknüpfung an die Tradition inhaltlich wie optisch nicht in der Nachahmung der erfolgreichen Universal-Muster erschöpft. Gewiß sieht er heute in jeder Beziehung alt aus –das jedoch auf höchst charmante Art und Weise…
Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film lief in Deutschland bisher nur im Fernsehen, in Amerika ist er bei Warner Home Video auf DVD erschienen.
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