Mary Reilly
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Inhalt
Das Hausmädchen Mary Reilly glaubt, das große Los gezogen zu haben: Nachdem sie als Kind immer wieder den Grausamkeiten ihres trunksüchtigen Vaters ausgeliefert war, hat sie nun eine feste Anstellung und erträgliche Kollegen, zudem ist sie heimlich in ihren Dienstherrn, den kränklich-sanften Dr. Jekyll, verliebt. Da stellt sich eines Tages der neue Assistent des Doktors vor, der Mary mit seiner schillernden Bösartigkeit mehr und mehr zu ängstigen wie zu faszinieren beginnt: Mr. Hyde...
Kommentar
Anfang der 1990er Jahre begann mit Francis Ford Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) eine lose Renaissance der klassischen Horrorarchetypen auf der Kinoleinwand, von der sie in den 1970ern allmählich verschwunden waren: 1994 belebte Kenneth Branagh „Mary Shelley’s Frankenstein“ neu, zeitgleich versuchte Mike Nichols, den Werwolfmythos mit dem Jack-Nicholson-Heuler „Wolf“ zu modernisieren; die Hughes-Brüder ließen Jack the Ripper einige Jahre später Grüße „From Hell“ (2001) bestellen, und „Die Mumie“ (1999) verwandelte sich unter der Regie von Stephen Sommers zum Action-Klamauk (von den Fortsetzungen ganz zu schweigen), bevor selbiger mit „Van Helsing“ noch den Universal-Multi-Monster-Filmen der 1940er Jahre eine – leider gänzlich mißlungene – Hommage zuteil werden ließ. 1996 wiederum schlug mit der starbesetzten Großproduktion „Mary Reilly“ die Stunde des Dr. Jekyll: Nachdem das Projekt zunächst mit Namen wie Tim Burton und Roman Polanski in Verbindung gebracht worden war, übernahm schließlich Stephen Frears die Regie, dessen bekanntester Film die triumphale Choderlos-de-Laclos-Adaption „Gefährliche Liebschaften“ (1988) sein dürfte; auf den ersten Blick erscheint „Mary Reilly“ beinahe – wenn auch nicht auf so hohem Niveau – wie eine Quasi-Fortsetzung von Frears’ großem Wurf, agieren vor und hinter der Kamera doch bedeutende Teile von dessen Team: Drehbuchautor Christopher Hampton und Komponist George Fenton etwa sind ebenso wieder an Bord wie Hauptdarsteller John Malkovich, zudem hat der Star von „Gefährliche Liebschaften“, Glenn Close, einen amüsanten Gastauftritt als Bordellbetreiberin. So sehr „Mary Reilly“ sich in die Reihe der neuen, pompösen Hollywood-Grusler stellte, so sehr unterscheidet der Streifen sich auch von seinen Vorgängern: Hatten Coppola und Branagh ein hohes Tempo eingeschlagen und ihre Filme als große Oper inszeniert, präsentiert sich „Mary Reilly“ fast als Kammerspiel, verläßt Jekylls Haus und Labor eher selten und läßt sich mit der vergleichsweise überschaubaren äußeren Handlung ordentlich Zeit; auch George Fentons sehr gelungene Musik gibt sich gegenüber den Partituren von Wojciech Kilar und Patrick Doyle geradezu introvertiert. Und während Coppola und Branagh sich von früheren Verfilmungen ihrer Stoffe inhaltlich insbesondere durch die Berufung auf (immerhin relative) Werktreue gegenüber den literarischen Vorlagen absetzen wollten, griff Stephen Frears gar nicht erst auf Stevensons berühmte Novelle zurück; statt dessen beruht „Mary Reilly“ auf dem gleichnamigen Roman von Valerie Martin, der die bekannte Geschichte aus der Sicht eines bei Stevenson nicht vorkommenden Dienstmädchens erzählte und so eine neue Perspektive versprach. So wandelt sich der Horrorstoff unter Frears’ zurückhaltend-beobachtender Regie noch entschiedener und ausschließlicher als die früheren Adaptionen des Themas, die die schon Stevenson deutlich innewohnende Sozialkritik gleichwohl meist aufgriffen, zu einem Gesellschaftsportrait en miniature. Frears verzichtet weitgehend auf offene Horroreffekte, die Verwandlung des Doktors wird nur am Schluß visualisiert – hier dann allerdings auf eine neuartige und wirkungsvolle Weise –, er konzentriert sich mehr auf die Hierarchien vor allem innerhalb der Dienerschaft Jekylls sowie auf die wegen der öffentlichen Schranken kaum mögliche und deshalb stets unausgesprochene Liebe zwischen Mary und Jekyll, der in der Erschaffung Hydes die einzige Möglichkeit sieht, aus dem äußerlichen wie internalisierten Korsett des spätviktorianischen England auszubrechen. Hyde erscheint denn auch nicht als deformiertes Monster, sondern als ebenso schlagfertiger wie pubertierender Sadist, jünger und attraktiver als Jekyll – eine Anknüpfung an Terence Fishers zumindest inhaltlich wegweisende Hammer-Verfilmung „Schlag 12 in London“ (1960), in der erstmals Hyde und nicht Jekyll jung und gutaussehend war und die Jekyll klar als Drogensüchtigen zeigte – auch hieran schließt „Mary Reilly“ an, spielt John Malkovich Jekyll doch zunehmend wie unter Entzugserscheinungen. Mary hingegen, die in ihren Erinnerungen nach wie vor an ihren Vater gekettet ist, der sie unter Alkoholeinfluß zu mißhandeln pflegte und dessen Person deutlich mit Jekyll/Hyde parallelisiert wird, liebt zwar weiterhin die scheinbar gute Vaterfigur Jekyll, fühlt sich aber gleichzeitig – gerade sexuell – zu dessen dunklem Ich Hyde hingezogen: Dr. Freud, ick hör’ dir trapsen...Wer einen Reißer erwartet, ein Special-Effect-Gewitter voller Sensationen, ist hier also an der falschen Adresse: „Mary Reilly“ ist kein Schocker, sondern ein – durchaus atmosphärisches – Gruseldrama vor viktorianischer Kulisse, das mitunter eher an Dickens als an Stevenson erinnert (beispielhaft der Vermieter von Marys Mutter), aber nichtsdestotrotz auf eher leise Art – die nicht zuletzt Valerie Martins Vorlage geschuldet ist, in Vergleich zu der Frears’ Film geradezu ein Actionkracher genannt werden muß – und mit pointierten, wiewohl mitunter etwas bemüht ‚literarischen’ Dialogen auch als Variation der alten Geschichte zu gefallen weiß. Die Darsteller tragen das Ihrige zu dem stimmigen Gesamteindruck bei: Die Nebenrollen werden allesamt ansprechend verkörpert, über die Besetzung von Julia Roberts, die mit diesem Film aus ihrem Typecasting in immergleichen romantischen Komödien auszubrechen suchte und konsequent zur grauen Maus geschminkt wurde, kann man zwar streiten, doch schlägt sie sich achtbar, gleiches gilt für den generell grandiosen John Malkovich, der seinerseits wiederum eine fast zu naheliegende Besetzung ist und durchweg überzeugt, gleichwohl schon inspiriertere Vorstellungen abgeliefert hat. Die Kinozuschauer zeigten dem Film allerdings die kalte Schulter. „Mary Reilly“ floppte auf beiden Seiten des Atlantiks und versetzte Frau Roberts’ Karriere einen Knick, aus dem sie sich nur langsam wieder herausspielte – hauptsächlich mit romantischen Komödien… Was soll’s? Als Beitrag zu Hollywoods Gothic-Horror-Kino der letzten knapp zwanzig Jahre wird „Mary Reilly“ zwar bis heute oft übersehen, kann sich aber – obgleich kein Highlight – indes sehen lassen.
Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist bei Columbia TriStar Home Video auf DVD erschienen.
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End of Days - Nacht ohne Morgen
Stand: 22.05.2012 13:09:02
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