Dracula '79
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Inhalt
In einer stürmischen Nacht strandet ein Schiff an Englands Küste, dessen gesamte Besatzung tot ist – das Werk des einzigen Passagiers: Graf Dracula. Schon in der darauffolgenden Nacht fällt die junge Mina dem charmanten Blutsauger zum Opfer. Draculas wahres Interesse gilt allerdings Minas Freundin Lucy, und die ist nicht abgeneigt, dem Grafen in die Dunkelheit zu folgen. Da erscheint jedoch Minas Vater auf dem Plan: Professor van Helsing ...
Kommentar
Nachdem Universal Anfang der 1930er Jahre mit Tod Brownings „Dracula“ den Tonfilmhorror eingeläutet und das Publikum vor allem mit Bela Lugosis Grabesstimme in Angst und Schrecken versetzt, den Vampirgrafen in der Folge aber eher stiefmütterlich behandelt und es schließlich Hammer überlassen hatte, den Stoff auszureizen, besann man sich bei Universal in den späten 1970er Jahren wieder auf die eigene große Tradition und gab grünes Licht für eine neue Dracula-Adaption, die gewissermaßen ein Remake des Browning-Klassikers ist, bezieht sich W. D. Richters Drehbuch doch ebenfalls eher auf das Bühnenstück von Hamilton Deane und John Balderston als auf Bram Stokers Roman. War diese Entscheidung fünfzig Jahre zuvor vor allem aus Kostengründen gefallen, da man vor dem Aufwand einer werkgetreuen Verfilmung zurückgeschreckt war, entstand nun unter der Regie von John Badham der wohl erste Dracula-Film, der richtig Geld gekostet hat: Solch epische Kamerafahrten, erlesene Bilder – hinter der Kamera saß Gilbert Taylor, der schon manchen Polanski-Film, aber auch „Krieg der Sterne“ und Kubricks „Dr. Seltsam“ fotografiert hatte – und eine derart verschwenderische Ausstattung waren in Draculas Namen noch nicht zu sehen gewesen.Generell war Badham darum bemüht, einen Ausgleich zu schaffen zwischen den Sehgewohnheiten des Publikums auf der einen und seinem eigenen Erzählansatz auf der anderen Seite: Zwar trägt Dracula einen dunklen Anzug samt Umhang, der Vollmond wirft sein fahles Licht über nebelverhangene Landschaften, in denen die Wölfe heulen, doch trotz der durchgehend dichten Atmosphäre verweigert sich Badham dem wirklichen Horror. Er will die Zuschauer unterhalten, aber nicht, indem er sie das Fürchten lehrt, sondern indem er ihnen ein – von John Williams’ düster-romantischem Score süperb untermaltes – Schauermärchen erzählt. Am deutlichsten wird dieser Paradigmenwechsel an Dracula selbst: Wie schon Bela Lugosi hatte Frank Langella als Dracula am Broadway Triumphe gefeiert, allerdings ist seine Interpretation der Rolle ein klarer Gegenentwurf zu Lugosis Darstellung. Dessen ausladenden Gesten und unheilvoll-bedeutungsschwerer Intonation setzt Langella ein zurückhaltendes, gleichwohl ähnlich effektives Spiel entgegen, in dem die wenigen Manierismen, etwa seine Handbewegungen, umso wirkungsvoller sind. Gerade wenn er Dialogzeilen Lugosis verwendet, zeigt sich der Kontrast, erwächst die Bedrohlichkeit von Langellas Dracula doch eben aus der scheinbaren Beiläufigkeit, mit der er ausgerechnet die Sentenzen spricht, die Lugosi noch voller Inbrunst zum Besten gab. Sein Graf ist nicht das Böse an sich, sondern ein buchstäblich von Lebenshunger befallenes Halbwesen, dem es in der ewigen Nacht allein einfach zu trist geworden ist. In Harkers Braut Lucy sucht er nicht etwa Erlösung von seinem Dasein, sondern im Gegenteil findet er für dieses eine Partnerin, schließlich erscheint Lucy, glänzend gespielt von der zauberhaften Kate Nelligan, als emanzipierte Frau, die sich, eingeengt vom sozialen Korsett, zu der Nachtseite des Lebens und damit zu dem Grafen hingezogen fühlt. So erzählt uns Badham also letztlich eine Liebesgeschichte, in der das vermeintliche Opfer erstmals mit dem Vampir auf Augenhöhe ist. Dieser Ansatz, der bis dahin allenfalls in dem frühen Universal-Film „Draculas Sohn“ (1943) angerissen worden war, brachte dem Film und auch seinem Hauptdarsteller einige Kritik ein: Zu unblutig sei der Streifen, und Langella sei weniger unheimlich als vielmehr ein vampirischer John Travolta (dieser Vorwurf spielte auf Badhams vorigen Hit „Saturday Night Fever“ an), zumal er darauf bestand, die Rolle ohne Fangzähne und rote Kontaktlinsen zu spielen – somit ist seine Interpretation nicht nur ein Gegenentwurf zu Lugosi, sondern auch zu Christopher Lees Auftritten in den Hammer-Filmen, dank derer diese äußeren Dracula-Attribute bereits stark konventionalisiert waren. Dieser Verzicht wird in Wahrheit aber zu einer Stärke des Films, der sich bezüglich des Grafen ganz auf Langellas eindrucksvoll nuanciertes Spiel verlässt: Er ist ebenso der brutale, kaltblütige Feudalherr (man denke nur an seine letzte Szene mit Renfield) wie der gesellschaftssüchtige, charismatische Lebemann, ein zärtlich und doch bedingungslos Liebender, zum Ende aber auch das reißende Tier – einer der ultimativen Draculas! Sein Gegenspieler ist Laurence Olivier, der ebenfalls eher zurückhaltend agiert, dessen van Helsing gleichwohl zum gerade in seiner vermeintlichen Ruhe bedrohlich wirkenden Besessenen wird – ihm geht es nicht nur um den Exorzismus, sondern auch um die Rache an Dracula, dessen erstes Opfer auf englischem Boden van Helsings Tochter war. Hervorzuheben ist auch Genreveteran Donald Pleasence, der sich als Lucys Vater Seward auf schon groteske Weise durch das Geschehen spachtelt.
Durch die Verlagerung der Handlung aus dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert in die frühen 1910er Jahre hebt der Film die schon bei Stoker gegeneinandergestellten verschiedenen Weltbilder hervor, die mit dem Erscheinen des Vampirs aufeinanderprallen, er zeigt die aufgeklärten Bürger im Kampf gegen den Aristokraten aus der Welt des mittelalterlichen Aberglaubens, lässt Harker und Co. die Kutsche des Grafen gar mit dem Auto verfolgen; doch erscheint Dracula weniger als Bedrohung, als Einbruch des Unheimlichen in eine ebenso heile wie entzauberte Welt: In der Nachbarschaft der Hauptfiguren kann Dracula ein morbides Spukschloss beziehen, das seinen transsilvanischen Domizilen aus anderen Filmen in nichts nachsteht, alle übrigen Figuren leben in Dr. Sewards Irrenanstalt – kein Ort, an dem die Ratio zu Hause ist, zumal die Patienten nicht behandelt, sondern von dem stets überfordert wirkenden Seward allenfalls verwaltet und mit großzügigem Einsatz von Laudanum ruhiggestellt werden. Die moderne Welt ist in diesem Film ein Tollhaus, dazu am Vorabend des Ersten Weltkriegs – kein Wunder, dass es Lucy nicht ausreicht, sich in der privaten Selbstgenügsamkeit des Wohnbereichs einzurichten, sondern dass sie an Draculas Seite aus diesem Leben zu fliehen trachtet, und kaum versucht sie das, landet sie selbst in der Gummizelle, aus der sie Dracula dann – je nach Sichtweise – entführt oder befreit, was die Vertreter des gesellschaftlichen Status quo – den Juristen Harker und die Ärzte van Helsing und Seward – natürlich zum Gegenschlag ausholen lässt. Ein Finale, das auf die schlichte Tötung des „Monsters“ und „Rettung“ der holden Maid hinausliefe, wäre für diesen Film also kaum ein happy ending, andererseits wird aber auch Draculas rein nächtliche Existenz bei aller mit ihm verbundenen Faszination nicht einseitig verherrlicht (beispielhaft dafür die untote Mina, aber auch Draculas Melancholie während Lucys Besuch auf Carfax). Folgerichtig bleibt der Ausgang offen, und wohl keine andere Stoker-Verfilmung hat ein so schönes Ende zu bieten wie diese, die mit Lucys sinnierendem Lächeln schließt, während Draculas Umhang im Wind davonfliegt.
Darf man Badhams „Dracula“ also zu den gelungensten Leinwandauftritten des nichttotzukriegenden Grafen zählen, fand der Streifen bei seinem ersten Erscheinen nicht das Echo, das ihm gebührt hätte, musste er sich doch gleich zweier direkter Konkurrenten erwehren: auf der einen Seite der kurz zuvor gestarteten, ungemein erfolgreichen George-Hamilton-Komödie „Liebe auf den ersten Biss“, die ins Lächerliche zog, was Badham feierte, auf der anderen Seite Werner Herzogs Murnau-Hommage „Nosferatu – Phantom der Nacht“, der in Europa die Feuilleton-Schlagzeilen gehörten. Zwischen diesen Extremen von Klamauk und Programmkino ging Badhams Film ein wenig unter, er war zwar beileibe kein Flop, wurde aber eben auch nicht der Box-Office-Triumph, den sich Universal erhofft hatte. Die Zeit, so scheint es, hat Badham allerdings ebenso gutgetan wie recht gegeben: Sein Film mag kein Klassiker geworden sein, dafür aber immerhin ein – gar nicht mal so geheimer – Geheimtipp, der sich unter den Freunden des Grafen mehrheitlich großer Beliebtheit erfreut und auch im Genrefilm durchaus seine Spuren hinterlassen hat.
Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist bei Winkler Film / AL!VE auf DVD erschienen. Die DVD enthält eine von John Badham bearbeitete Fassung, in der die ursprünglich satten Farben ausgebleicht sind, was auch seiner damaligen Intention entsprach. Welche Version nun schöner ist, muß jeder für sich selbst entscheiden, m.E. büßt der Film in der vorliegenden Form auch in Kenntnis der originalen Farbgestaltung nichts von seiner Wirkung ein.
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Dracula - Nächte des Entsetzens
Stand: 08.02.2012 15:26:38 |
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