Jacob's Ladder - In der Gewalt des Jenseits
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Inhalt
Jacob Singers Leben ist nicht wie es sein sollte, seit er aus Vietnam heimgekehrt ist, wo er übrigens schwer verwundet wurde. Eigentlich ist er ein promovierter Akademiker, doch er verdingt sich als Briefträger, eigentlich liebt er seine Frau noch immer, doch die Beziehung zerbrach am tragischen Tod seines ältesten Sohnes und nun ist er mit seiner Kollegin Jezebel liiert, eigentlich sollte er nun ein wenig Frieden finden nach all den quälenden Erfahrungen, doch das Gegenteil ist der Fall, denn selbst seine inzwischen auf die Grundmauern reduzierte Existenz bekommt allmählich bedrohliche Risse. Zum einen plagt ihn immer wieder ein Bandscheibenleiden, das sich nur Dank einer speziellen Technik des Einrenkens durch seinen philosophierenden Chiropraktiker Louis lindern lässt, den Jacob deswegen gern als seinen „Engel“ bezeichnet, zum anderen hat er zunehmend beunruhigende Visionen, in welchen er dämonische Wesen sieht, die ihm nach dem Leben trachten. Lebhafte Erinnerungen an ein Massaker im vietnamesischen Da Nang tun ein Übriges hinzu. Allmählich wird Jacob der Boden der Realität unter den Füßen weggezogen, und er ahnt, dass irgendetwas in Vietnam vorgefallen ist, dem all dies geschuldet sein muss.
Zunächst will Jacob niemand Glauben schenken. Als ihn auf einer Party erneut apokalyptisch anmutende Scheinbilder (oder auch nicht?) heimsuchen, verfällt er in einen fiebrigen Wahn. Seine Körpertemperatur steigt auf nahezu 44° an, und während er von Jezebel mittels eines Eisbades auf Normaltemperatur rückgekühlt wird, wähnt er sich in einer parallelen Daseinsebene, in welcher er noch immer bei seiner Familie ist und Gabriel, das verstorbene Kind, noch lebt. In dieser Ebene erscheint ihm das Leben mit Jezebel als Alptraum, doch mit der Besserung seines Zustands verblasst auch die (vermeintliche?) Traumebene und er kehrt in die Realität (wirklich?) zurück. Todesahnungen lasten wie ein Alpdruck auf ihm.
Als eines Tages alte Kriegskameraden mit ähnlichen Erlebnissen auf ihn zukommen, scheint sich alles zu einem stimmigen Bild zu verdichten: Jacobs Kompanie wurde offenbar als Teil eines konspirativen Experiments missbraucht, in welchem den G.I. Joes ohne deren Wissen Chemikalien zur Leistungssteigerung verabreicht wurden. Freilich hat niemand den Arzt oder Apotheker wegen der Risiken und Nebenwirkungen befragt, die nun (scheinbar?) die Kameraden drangsalieren. Die Gruppe beauftragt einen windigen Anwalt, ihre Interessen wahrzunehmen, doch alsbald wollen weder der Advokat noch die Leidgenossen etwas mit der Sache zu tun haben. Jacob hingegen hält unbeirrbar an seinem Ziel, die Verschwörung aufzudecken, fest, da wird er von zwei Muskelpaketen in schwarzen Anzügen in eine Limousine gezerrt...
Kommentar
…und gewiss ist damit die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt!Ich habe diesen Film vor ewigen Zeiten mal gesehen, und ich muss zugeben, so wirklich hatte ich ihn gar nicht mehr auf dem Zettel. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich ihn seinerzeit anlässlich eines Videoabends mit einigen Freunden und Getränken geistiger Art gesehen, wo er freilich vollkommen untergegangen ist, weil er sich aufgrund seiner verschachtelten, surrealistischen Erzählweise selbstredend für ein solches Event nicht wirklich eignet, ergo habe ich kaum was mitbekommen von dem Streifen. Irgendwo im Hinterkopf hatte ich noch den Gedanken, der Film ist von Adrian Lyne, jenem Menschen, der uns so unterbelichtete 80’er Jahre Knaller wie „Flashdance“ oder „9 ½ Wochen“ beschert hat, was soll der schon taugen? Und dann wurde ich unlängst doch wieder auf „Jacob’s Ladder“ aufmerksam, weil 3sat ihn nämlich im Rahmen seiner Filmreihe „PsychoWelten“ zeigte, und was ich da zu sehen bekam, ließ mir tatsächlich schon nach relativ kurzer Zeit den Unterkiefer nach unten klappen. Das sollte ein Adrian Lyne Film sein? Unglaublich aber wahr. Dieser Film ist tatsächlich von ihm gemacht worden, und er fällt glücklicherweise komplett aus dem Rahmen seines üblichen Schaffens. Fragt sich nur, warum der Mann hernach nie wieder einen auch nur ansatzweise ähnlich gearteten Film gemacht hat, denn offensichtlich liegt ihm das doch viel mehr als die starbesetzten, kalkuliert provokanten, oberflächlichen Erotikthriller nach ewig gleichem Schema, die er sonst zumeist dreht („Lolita“, „Ein unmoralisches Angebot“, „Eine verhängnisvolle Affäre“). Okay, an den Kinokassen soff der Film seinerzeit ab, leider ist die Welt kein gerechter Ort, dennoch kann man hier das Herzblut Lynes erkennen, Begeisterung für den Stoff, der hier auf die Leinwand gezaubert wird, und nicht selten blitzt wahre Genialität auf. Etwas Vergleichbares lässt sich über keinen seiner anderen Filme sagen, die allesamt wie aus dem Bauskasten wirken, und immerhin ist eine Sergej Nabokov Verfilmung darunter. Allerdings eine ziemlich unwürdige!
Doch um all das soll es uns jetzt und hier überhaupt nicht gehen, hier soll die Rede sein von „Jacob’s Ladder“. Der Film ist ein Zelluloid gewordener, erfreulich unangenehmer Alptraum auf verschiedenen Ebenen, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt, weder für Jacob Singer, hinreißend paranoid wie gleichermaßen rührend dargebracht vom ausnahmslos spitzenmäßigen, hier noch recht jungen Tim Robbins, noch für den Zuschauer, den der Film ganz sicher nach dem Abspann noch ein Weilchen begleiten wird, schon allein deshalb (aber nicht nur), weil es uns Lyne nicht eben leicht macht, der Auflösung seines Meisterwerks auf die Spur zu kommen. Tatsächlich ging der Mann ansatzweise ähnlich raffiniert zuwerke, wie es üblicherweise ein David Lynch macht, und lässt dem Zuschauer viel Raum für die eigene Interpretation. Selbst wenn er uns am Ende eine Lösung anbietet, so bedeutet dies noch lange nicht, dass man dieser auch bis in die letzte Konsequenz zu folgen hat.
Freilich, das klingt kompliziert, und das ist es auch durchaus, also müssen wir etwas tiefer in die Materie eintauchen um zu verstehen und zu entscheiden, welchem Weg wir folgen wollen.
Im Prinzip spielt der Film zeitgleich auf drei Ebenen. Zum einen haben wir da Jacob im Dschungel von Vietnam, wo er in ein fürchterliches Scharmützel gerät, bei welchem nicht klar ist, wer tatsächlich Freund oder Feind ist. Jacob wird durch einen Bajonetteinstich lebensgefährlich verletzt und ringt mit dem Tod. Lyne verwendet hier ganz entgegen seiner Gepflogenheiten eine wackelige Handkamera, wohlgemerkt gut ein Jahrzehnt, bevor dies zum hippen Ausdruck in jedem Mainstream Horror- oder Actionfilm wurde, und hier funktioniert dieses Stilmittel beunruhigend authentisch, denn dem Zuschauer offenbart sich tatsächlich ein schlimmer Eindruck davon, wie es sein muss, mittendrin im Kriegsgeschehen zu stecken. Die Bilder wirken grobkörnig, die Farben beinahe matschig, was den gezeigten Aufnahmen eine Düsternis verleiht, die sich später durch den gesamten Film ziehen soll.
Auf der zweiten Ebene, sagen wir mal der Haupterzählebene, geht Singer seinem Leben nach der Trennung von seiner Familie nach, arbeitet bei der Post, ist mit der schönen Jezebell liiert und gerät immer tiefer in einen surrealen Abwärtssog. Auf der dritten Ebene, jener die sich ihm erschließt, als er beinahe an dem Fieberschub stirbt (tut er das wirklich?), wähnt er sich wieder in trauter Eintracht bei seiner Familie, sein verstorbener Sohn ist am Leben. Die andere Ebene erscheint ihm wie ein Alptraum, oder besser gesagt, sie ist ein Alptraum (ach ja?).
Knüpfen wir einfach mal den Faden im Krieg auf. Wie es scheint, ist Jacob Singer ohne sein Wissen Teil eines fehlgeschlagenen, ausgearteten Drogenexperiments geworden, welches dazu führte, dass sich seine Einheit im Blutrausch gegenseitig abmurkste. Singer wird tödlich verwundet und stirbt schließlich im Lazarett. Dies würde den gesamten Rest der Handlung als Vision eins Sterbenden erklären. Doch wird diese banal anmutende Lösung dem Film wirklich gerecht?
Folgen wir also einer anderen Interpretation!
Wäre es nicht möglich, dass Jacob in einer Art Zwischenwelt geraten ist, einem, wenn man so möchte, persönlichem Purgatorium, in welchem er zunächst Läuterung erfahren muss um schließlich endlich zu seinem Frieden finden zu können? Er muss lernen, von Vergangenem loszulassen, Verlust (die Trennung von der Familie), ja den Tod zu akzeptieren, den seiner Kameraden in Da Nang, den seines Sohnes, schließlich den eigenen. Hilfreich ist ihm dabei sein Chiropraktiker Louis, den er immer wieder als Engel bezeichnet, und der auch tatsächlich eine Art Schutzengelfunktion für Jacob inne hat, was spätestens an der Stelle offenbar wird, als Louis Jacob aus dem an eine bizarre Geisterbahnfahrt erinnernden Krankenhausaufenthalt befreit. Anschließend berichtet ihm Louis am Beispiel eines mittelalterlichen Mystikers von einer Interpretation der Hölle, die Jacob bedrückend bekannt vorkommt. Auch er muss sich zwischen Himmel und Verdammnis entscheiden, wie er hernach erkannt. Und als er endlich erkennt, dass er zulassen muss, was unvermeidbar ist um die Alpträume und die Dämonen zu vertreiben, ja um erlöst werden zu können, da endlich findet er Frieden: er ist zuhause, sein Sohn Gabriel geleitet ihn eine Treppe hoch, einer verheißungsvollen Lichtflut entgegen. Und an dieser Stelle tritt auch der symbolische Bezug zu der biblischen Jakobsleiter zutage, die sich dem alttestamentarischen Jakob in einem Traum offenbart. Er träumt von einer Leiter, die von Jahve auf die Erde gestellt wurde und auf welcher die Engel auf die diesseitige Ebene gelangen und wieder zurück ins Himmelreich einkehren. Und er erfährt eine Zeichnung durch Gott, denn fortan lahmt er an der Hüfte. An diesem Ort wurde die Stadt Lus errichtet, die Jakob später in Beth-El umbenennt. All dies erschlägt einen fast in der filmischen Symbolik, denn warum wohl hört der Chiropraktiker auf den Namen Louis? Und der Name des verstorbenen Kindes, das Jacob – der Wink mit dem Garagentor ist klar, oder? – die Treppe hoch zum Licht führt, lautet sicher auch nicht zufällig Gabriel, wie der des Erzengels. Und dann haben wir da auch noch Jezebel, die den Namen einer biblischen Hure und falschen Prophetin trägt. Sie steht zwischen Jacob und seiner Familie und versucht letztlich – diesem Ansatz und dieser Symbolik folgend - ihn in die Hölle zu treiben, auch wenn es so scheint, dass sie ihn wirklich liebt, wiederum den Hinweisen, die der Film ausstreut folgend allerdings zum reinen Selbstzweck.
Eine andere, weitaus weniger spirituelle Interpretationsmöglichkeit bietet natürlich auch das gescheiterte Drogenexperiment, welchem der bedauernswerte Jacob zum Opfer fiel, und das die Geschehnisse einfach nur als daraus resultierenden Horrortrip erklären würde. Dies kommt natürlich der Vielschichtigkeit des Films zugute, dem kritischen Ansatz, den Lyne und der Drehbuchautor Bruce Joel Rubin ihrem Publikum vermitteln wollten allemal, denn schließlich ist bekannt, das einigen US G.I.s während des Vietnamkriegs tatsächlich bewusstseinserweiternde Mittel ohne deren Wissen verabreicht worden sind, um deren Wirkung im Kampfeinsatz zu testen. Amerika ist einstweilen ein unheimliches Land!
Welcher Lösung der Zuschauer auch immer folgen mag, immer muss er tief in das Unterbewusstsein des gebrochenen Soldaten Jacob Singer eintauchen, der versucht, das Beste aus seiner getriebenen Existenz zu machen, und der versuchen muss, seinen Frieden mit den Dingen zu machen, denn eins ist klar, am Ende wird er tot sein! Der ausgeprägte Hang zum Symbolismus, den die Macher des Films dem Zuschauer auferlegen, kann schon mal überfordern und vielleicht sogar ein wenig die Geduld strapazieren, lädt aber auch unbedingt dazu ein, das Gehirn zu bemühen und nicht nur um die Ecke, sondern auch weiter zu denken. Wenn man sich darauf einlässt, weil einem der Film nämlich nachwirkend im Sinn bleibt (zumindest für die nächsten Tage, und viel mehr kann man ja eigentlich von einem Film erwarten), dann kann man allerhand erfahren, was wiederum das Optimum ist, was ein Film für sie tun kann. Wenn sie sich für eine Lösung/Deutung entschieden haben, dann haben sie sich auseinandergesetzt, waren „mittendrin statt nur dabei“, haben erfahren, haben möglicherweise sogar noch das eine oder andere für sie wichtige Element nachgegoogelt, weil sie etwas entschlüsselt haben und mehr wissen wollten. Wenn dem so gewesen ist, dann haben sie gewonnen! Dann hat der Film sie nämlich weiter gebracht! Einem Film, der zu solchem in der Lage ist, gebührt die Höchstwertung!
Ein Lob muss unbedingt noch den Schauspielern ausgesprochen werden, die durch die Bank hervorragend aufspielen, völlig unglamourös uneitel vollkommen normale Durchschnittsbürger spielen. Tim Robbins grandiose Leistung habe ich ja schon ausdrücklich gelobt, und natürlich trägt er den Großteil des Films, da die Handlung logischerweise komplett auf seinen Charakter zugeschnitten ist. Tatsächlich ist Robbins in jeder Szene des Films zu sehen, denn wir erfahren die Handlung ja auch aus seiner Sicht. Damals gehörte er übrigens noch nicht in die erste Liga Hollywoods, war aber verdientermaßen auf dem Weg nach oben. Leider hat ihm die überaus talentierte und schöne Elisabeth Peňa, die hier die Jezebel gibt, ihm dahin nicht folgen können/dürfen, was schade ist, denn sie ist eine hervorragende Schauspielerin und stellt das in diesem Film unbedingt klar. So wie sie die Jezebel zum allerbesten gibt, muss man das erst mal spielen können, denn wir kaufen ihr die Figur, die sie hier gibt, jede Sekunde lang ab, weil auch ihr Charakter so überraschend normal geriet, ein wenig angeödet ob der Tristesse des Lebens, mitunter zutiefst verletzt, stets eifersüchtig und besorgt über ihren Jacob wachend – großes Kino! Patricia Kalember spielt Jacobs verlassene Ehefrau, und auch ihr kaufen wir ab, dass sie ihren Ex noch liebt und sich gewünscht hätte, dass die Dinge anders gekommen wären. In der Rolle des Gabe, Jacobs verstorbenem Sohn, sehen wir den damals noch gänzlich unverbrauchten, blutjungen Macaulay Calkin, den Kinderstar der 1990’er Jahre, der hier erstmals auf sich aufmerksam machte. Last not least bleibt der große Danny Aiello, der hier als einziger mir einer gewissen Erhabenheit aufspielen darf als vermeintlicher (?) Engel und Spiritus Rektus Jacobs. Er interpretiert die Rolle exakt auf den Punkt!
Abschließend möchte ich noch auf die mehr als latent vorhandene Verwandtschaft von „Jacob’s Ladder“ zu Herk Harveys großartigem Tanz der toten Seelen verweisen, in welchem die Hauptfigur ein ähnliches Martyrium zu durchlaufen hat wie Jacob Singer, wenngleich auch unter anderen Vorzeichen. Dies impliziert wiederum auch eine gewisse Nähe zu dem einige Jahre später entstandenen David Lynch Film Lost Highway, der ja quasi den Gegenentwurf zeigt und seinem Protagonisten nicht zu Frieden und Erlösung führt, sondern in den tiefsten Höllenschlund. Vielleicht sollte man sich alle drei Filme mal als Triple-Feature hintereinander anschauen…nein, vielleicht lieber doch nicht!
Auf jeden Fall aber sollte man sich „Jacob’s Ladder“ einmal angeschaut haben. Hier lässt sich nämlich ein echter Klassiker des surrealen Horrorkinos wieder entdecken, der jetzt schon, noch nicht mal 20 Jahre nach seinen Kinoaufführungen, beinahe der Vergessenheit anheim gefallen ist. Und das hat dieser großartige Film nun wirklich nicht verdient!
Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Die deutsche DVD gibt es bei Kinowelt/Arthaus, auf VHS erschien der Film seinerzeit bei VCL. Wer Laserdiscs sammelt sollte nach der großen Scheibe in den USA suchen, wo sie bei Carolco/Image Entertainment erschienen ist.
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