Frankensteins Tante
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Inhalt
"Frankensteins Tante" ist eine Mini-TV-Serie mit 7 Epidoden (In Frankreich wurde die Serie in 13 Folgen á 25 min. ausgestrahlt.), nach dem gleichnamigen Roman von Allan Rune Petterson.
Die Titel der einzelnen Episoden:
1) Die Geburt
2) Die Renovierung
3) Die Braut
4) Die Wiege
5) Der Salonlöwe
6) Das Automobil
7) Die Hochzeit
Henry Frankenstein (Bolek Polívka - Accumulator 1) kehrt aufs Schloß seiner Vorfahren zurück, um sich erneut an der Erschaffung einer künstlichen Kreatur zu versuchen. Diesem Wesen (mit Reißverschluß auf der Stirn) gibt er den Namen „Albert“, nach Albert Einstein (Frankensteins begabtestem Schüler), aber Albert ist das Gegenteil eines Genies, erst recht weil der schon etwas senile und tattrige Assistent Igor, der schon Henrys Ur-Ur-Großvater zur Seite gestanden hat, das Gehirn leider nicht gekühlt, sondern gleich tiefgefroren hat.
Das Schloß ist von einer ganzen Reihe sinistrer Gestalten bewohnt, etwa dem depressiven, lautespielenden, zwischen Haufen angenagter Knochen hausenden Bibliothekar namens Baron Wolfskehl (im Original, noch eindeutiger: Talbot), der immer bei Vollmond... Sie wissen schon (gespielt von Flavio Bucci, bekannt aus Dario Argentos Suspiria). Dann gibt es noch einen versoffenen Wassermann (Eddie Constantine, der überraschend gute Figur in dieser ungewohnten Rolle macht), einen Feuerdämon (ein früheres, mißlungenes Experiment Frankensteins – Tilo Prückner, der Nachtalb aus der „Unendlichen Geschichte“), eine weiße Frau und last not least Graf Dracula (Ferdy Mayne, der unsterbliche Graf Krolock aus Tanz der Vampire).
Aufgewiegelt vom Hufschmied, ziehen die Bürger des Städtchens Frankenstein (bewehrt mit Fackeln, wie es sich gehört) hinauf zum Schluß, um den Doktor zur Rede zu stellen und das Monster zu vernichten. Der Anschlag schlägt fehl, weil die selbstgebastelten Bomben des Schmieds wie üblich zu früh explodieren.
Henry sucht das Weite – gerade rechtzeitig, um seiner zigarrerauchenden Tante Hanna zu entgehen (Viveca Lindfors – „Sie sind verdammt“ von Joseph Losey), die gekommen ist, um endlich mal nach dem Rechten zu sehen. Zunächst einmal spannt sie alle Spukgestalten erbarmungslos ein, um im Schloß gründlich zu renovieren und sauberzumachen...
Der verschüttete Albert taucht auch wieder auf. Er sieht in einem Buch die anatomische Darstellung einer Frau - und will auch eine Braut. Henry, nur mehr telefonisch zu erreichen, weigert sich, an dieser Versuchsreihe weiterzuarbeiten, deshalb sucht Albert ab jetzt eine Frau unter den Menschen unten im Ort.
Der Schmied, der in Wirklichkeit eifersüchtig auf Frankenstein ist, weil er gerne selber ein genialer Erfinder wäre, versucht Albert für seine finsteren Pläne einzuspannen, und macht ansonsten ständig Stimmung unter den Bürgern gegen das Schloß und seine Bewohner.
Aber am Schluß (Achtung: Spoiler) wendet sich natürlich alles zum Guten, der Feuermann beginnt ein Verhältnis mit der Schwester des Schmieds, der Werwolf findet eine passende Gefährtin in einem Wolfsweibchen, das verletzt im Wald gefunden worden ist – und auch Albert hat endlich eine Braut: Klara (Barbara de Rossi - spielte im selben Jahr in "Nosferatu in Venedig"), die Tochter der Apothekerin, die sich in ihn verliebt. Woraufhin er endlich ganz menschlich wird, und sogar der Reißverschluß auf seinem Kopf verschwindet...
Kommentar
„Frankensteins Tante“ ist natürlich kein Horrorfilm im klassischen Sinn, eher eine Art Märchen (im Stil vieler tschechischer Märchenfilme). Das Ganze soll noch dazu als Kinderfilm funktionieren – deshalb gibt es so gut wie keine wirklich unheimlichen Situationen, die Monster sind allesamt sympathisch oder skurril, und darüber hinaus wird die Geschichte auch noch aus der Sicht eines Kindes erzählt, des Waisenknaben Max, der im Schloß unter den Spukgestalten eine neue Familie findet (ein Erzählstrang, den man m. E. durchaus hätte weglassen können).
Dennoch, das Ding hat Charme, und ist vor allem für Liebhaber der klassischen Horrorstreifen durchaus unterhaltsam. In erster Linie ists natürlich eine liebevolle Hommage an die alten Universal-Filme, besonders die Frankenstein-Reihe. Die Anfangs-Sequenz erinnert an den Beginn von „Frankensteins Sohn“, Igor hat seine übliche Halsnarbe, die Gesamtkonstellation mit der Monster-Vollversammlung zieht sich ja dann spätestens seit Frankensteins Haus bis hin zu Van Helsing durch die Universalfilme. Genrekenner können Vergnügen daran haben, die vielen Details und Anspielungen zu verfolgen, die in „Frankensteins Tante“ eingewoben sind.
Wenns auch kaum wirklich gruslige Sequenzen gibt, ist die Serie optisch dennoch ziemlich ansprechend, etliche der düsteren, atmosphärischen Kameraeinstellungen könnten auch so manchem „ernsthaften“ Horrorfilm zur Ehre gereichen. Gedreht wurde an „Original“-Schauplätzen in Österreich (Hallstatt am Hallstätter See und Burg Hohenwerfen bei Salzburg) – und den Kameraleuten (darunter der Regisseur selber) ist es durchaus gelungen, dem Tennen- und dem Dachsteingebirge Karpathen-Flair zu verleihen. (Übrigens: auch für das fiktive Städtchen "Vasaria" in Universals "Frankensteins Geist" wurde damals bereits eine Totale von Hallstatt in den Film hineingeschnitten!)
Der Regisseur Juraj Jakubisko gilt als "tschechisch-slowakischer Fellini", dessen Liebe immer wieder Randfiguren und Außenseitern der Gesellschaft gilt. Man beachte nur, mit welcher Sorgfalt hier sogar die stummen Nebengestalten im Hintergrund gezeichnet sind - etwa der blinde Mann oder die Prostituierte, die sich durch alle Folgen ziehen. Ein Jahr vor "Frankensteins Tante" hat Jakubisko allerdings auch die, trotz Fellinis Lieblingsdarstellerin Giulietta Masina in der Titelrolle, unerträglich kitschige „Frau Holle“ verbrochen. Der Gefahr des Kitsches entgeht auch „Frankensteins Tante“ nicht immer.
Auch manche der Pointen sind eher altbacken (aber es gibt auch immer wieder positive Ausnahmen und witzige Stellen!) - etliche Einfälle sogar ziemlich kindisch – etwa das Karpfen-Fahrrad des Wassermanns oder die Radio-Antennen in Draculas Fledermausflügeln. Aber nachdem die Folgen insgesamt ein angenehm ruhiges, unaufgeregtes Tempo haben, verzeiht man auch diese kleinen Peinlichkeiten.
Die Musik (Guido & Maurizio de Angelis) ist manchmal okay, besonders die Titelmusik, oft aber zu sehr humtata, á la "Räuber Hotzenplotz" (auch gruslige Momente werden dadurch mehr als einmal ihrer Spannung beraubt – gut, wahrscheinlich, um die Kinder nicht zu erschrecken), einige Songs sind sogar echt haarsträubend.
Maske und Spezialeffekte sind in Ordnung, wenn auch nicht aufregend, die Ausstattung dafür äußerst liebevoll. Alle Schauspieler sind mit Witz und Ernsthaftigkeit bei der Sache, die Dorfbewohner werden verläßlich von tschechischen Darstellern verkörpert, jeder ein Unikat und doch eine geschlossene Gruppe, die Hauptrollen sind international zusammengewürfelt (da es ja eine internationale Koproduktion ist) – aber das merkt man dem Endergebnis nicht an. Natürlich spielt jeder in einem etwas anderen Stil – aber das unterstreicht eher noch die unterschiedlichen Charaktere der einzelnen Monster und Halbwesen. Einige der Gestalten haben sogar richtig tragische Züge, etwa der schuldbeladene Igor, der nachts seit Jahrhunderten nicht mehr schlafen kann, oder auch der Wolfsmensch.
Kommen wir zum vampirischen Aspekt der Sache. Ferdy Mayne ist auf der Besetzungsliste zwar an zweiter Stelle gereiht, trotzdem ist Dracula in dieser Serie eher eine Nebenfigur. Was vor allem daran liegt, daß die Sache ja kindertauglich bleiben soll – Dracula kommt also niemals wirklich zum Biß, was seine Persönlichkeit und sinistre Ausstrahlung natürlich etwas kastriert. (Immerhin darf er von Blutkonserven schwärmen.) Trotzdem ist es eine Freude, Ferdy Mayne (weißhaarig und mit Schnurrbart, so wie Christopher Lee in Jess Francos „Nachts, wenn Dracula erwacht“) bei der Arbeit zuzusehen! Er spielt seinen Dracula ernsthaft und düster, nur mit einem winzigen Schuß Ironie – vielleicht vergleichbar mit Lugosis Leistung in Abbott und Costello treffen Frankenstein. Die Eröffnungsequenz scheint auch eine Verbeugung vor dem A&C-Film darzustellen, denn zu Beginn läßt man den Zuschauer im Glauben, es sei Dracula, der mit Hilfo Igors an einem neuen Frankenstein-Monster experimentiert. Manches ist allerdings merkwürdig – etwa, daß Dracula (hier ziemlich eitel und dandyhaft gezeichnet) gelegentlich seinen Schnauzbart in einem kleinen Handspiegel zu überprüfen scheint. Und daß das Aufsetzen eines Ritterhelms genügen soll, um den Vampir vor dem Sonnenlicht zu schützen, ist auch, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig. Allerdings baut er bei diesem Tages-Ausflug prompt einen Unfall, bei dem ihm ein Reißzahn ausgeschlagen wird... Krank im Sarg liegend, sinniert er über fehlende Liebe und Einsamkeit – die jeden einzelnen hier auf dem Schloß ja erst zu einem Gespenst gemacht hätte...
Interessant an „Frankensteins Tante“, aus vampirologischer Sicht, ist zudem die Einführung einer weiteren Spukgestalt – der weißen Frau Alzbeta, hinter der sich niemand anderer verbirgt als die Blutgräfin Erzsebet Bathory! Am Anfang wirkt sie eher sympathisch und schusslig (auch durch ihre Kurzsichtigkeit), ihre düstere Seite enthüllt sich erst allmählich. Natürlich bleibt das in Grenzen – immerhin, wie gesagt, handelt sichs ja um einen Kinderfilm. Aber wer mit den historischen Details vertraut ist, findet genügend Anspielungen. Alzbeta wurde zur Strafe für ihre Vergehen lebendig eingemauert – sie ist noch eitler als Dracula, und stolz auf ihre nie verblühende jugendliche Schönheit – gelegentlich offenbart sie recht sadistische Züge, etwa wenn sie, peitschenbewehrt, zunächst Dracula und dann den Werwolf auf Hanna zu hetzen versucht. Die eindeutigste Sequenz findet sich in der vierten Folge. Klara, die aufs Schloß gekommen ist, um den verwundeten Albert zu verarzten, schneidet sich mit dem Skalpell in den Finger – worauf Alzbeta, die bislang nie vampirisch in Erscheinung getreten ist, auf einmal voll Gier den Finger abschleckt (so wie weiland Graf Dracula). Sodann verführt sie Klara, unter dem Vorwand, ihr das Schloß zu zeigen, dazu, ihr in die Folterkammer zu folgen (dort wurde sie damals auch eingemauert) – erzählt etwas von Jungfrauen und Mägden, die bestraft werden müssen – aber bevor sie Klara etwas antun kann, tritt (leider, sag ich jetzt mal als Horrorfan) die Tante dazwischen... Das ist jedenfalls fast die einzige halbwegs unheimliche Situation der ganzen Serie!
Inzwischen hat Regisseur Jakubisko der Bathory ja einen eigenen, abendfüllenden Spielfilm gewidmet ("Báthory") - die teuerste tschechisch/slowakische Produktion bis dato und der Versuch einer ernsthaften Aufarbeitung der historischen Hintergründe des Bathory-Mythos; leider hat dieser Film bisher den Weg zu uns noch nicht gefunden.
Bewertung:
Atmosphärisch und schauspielerisch gelungen, außerdem eine schöne Universal-Hommage. Eine Serie, die wohlige Kindheitserinnerungen zurückholen kann, aber auch Erwachsenen Spaß macht.
Filmreview von: Seward / Alle Reviews von Seward
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Veröffentlichungen
Die Serie ist bei Renaissance Medien als 3-DVD-Box erschienen.
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