Jekyll und Hyde

Originaltitel: Jekyll & Hyde
Alternativtitel: Jekyll and Hyde
Herstellungsland: GroßbritannienGroßbritannien
Erscheinungsjahr:  1990
Regie: David Wickes

Darsteller

Figur

Michael Caine  Dr. Henry Jekyll / Mr. Edward Hyde
Cheryl Ladd  Sara Crawford
Joss Ackland  Dr. Charles Lanyon
Ronald Pickup  Jeffrey Utterson
Diane Keen  Annabel
Kim Thomson  Lucy Harris
Kevin McNally  Sergeant Hornby
David Schofield  Snape
Lee Montague  Inspector Palmer
Miriam Karlin  Mrs. Hackett
  
Genre: Grusel, Thriller
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Inhalt

Dr. Jekyll ist ein angesehenes Mitglied der Londoner Gesellschaft, versetzt aber, was niemand ahnt, des Nachts in Gestalt des monströsen Mr. Hyde das Londoner East End in Angst und Schrecken. Als Jekyll sich in Sarah, die Schwester seiner verstorbenen Frau, verliebt und diese in sein Haus aufnimmt, fällt sie schnell Hyde in die Hände. Jekyll gesteht Sarah alles, vernichtet seine Forschungsergebnisse und den ganzen Vorrat der Droge, die ihn in Hyde (und zurück) verwandelte. Zu spät bemerkt der Doktor, daß er damit jede Kontrolle über Hyde verloren hat...

Kommentar

Jekyll & Hyde ist eine Rolle, die schon viele große Schauspieler gereizt hat – von John Barrymore über Fredric March und Spencer Tracy bis hin zu John Malkovich, um nur die wohl bekanntesten zu nennen –, und das ist nicht weiter verwunderlich, bietet der Part doch die Gelegenheit zu einer darstellerischen Tour de force: ein Mann, dem sein Ich mehr und mehr entgleitet, in Kombination mit einem völlig amoralischen, triebgesteuerten Wesen. In dieser Doppelrollentradition bildet Michael Caine eine gewisse Ausnahme: Während normalerweise der Jekyll die Pflicht und der Hyde die Kür ist, bei der der jeweilige Darsteller mit Hingabe die Rampensau rausläßt, glänzt Michael Caine in David Wickes’ inhaltlich sehr freien TV-Adaption der Stevenson-Novelle vor allem als immer mehr verzweifelnder Arzt, der das Monster in sich nicht mehr zügeln kann, und weniger als entfesselter Wüstling. Tatsächlich geben weder Wickes’ Drehbuch noch die exzessive Maske Caine die Chance zu einem differenzierten Hyde: Dieser erscheint in seinen auffällig wenigen und kurzen Szenen einzig als deformierter Gewalttäter, dazu bleibt er bis auf ein paar belanglose Sätze zum Ende des Films hin völlig stumm. Dies dürfte erst einmal den Grenzen geschuldet sein, die das Fernsehen auch noch 1990 einem solchen Projekt auferlegte, vor allem aber rückt so die Tragödie Jekylls ins Zentrum des Films, und den spielt Michael Caine mit beeindruckender Verve: Jekyll wird als progressiver Wissenschaftler charakterisiert, der sich gegen die Lehren des Establishments (personifiziert in seinem Schwiegervater Lanyon) stellt, aber von seiner eigenen Forschung eingeholt wird und zusehen muß, wie er alles verliert, vor allem das Glück an der Seite seiner Schwägerin Sarah. Zwar gehört eine solche Love Story – in fröhlicher Nichtbeachtung der literarischen Vorlage – seit Stummfilmtagen zum Standard in Jekyll/Hyde-Streifen, präsentiert sich hier aber – als Beziehung zweier längst im Leben stehender Menschen, die sich fast zu spät finden und allzu schnell wieder auseinandergerissen werden – als rundum gelungene Variation, ja fast als Neuerung. Sarah, unglücklich verheiratet und lange aufgerieben zwischen der wissenschaftlichen wie privaten Auseinandersetzung zwischen ihrem Vater und Jekyll, ist nicht einfach das Jekyll anhimmelnde, naive Mädchen und hebt sich so, überzeugend gespielt von Cheryl Ladd, wohltuend von früheren Filmen ab, in denen Jekylls angebetete Damen aus der oberen Gesellschaft meist äußerst eindimensional gezeichnet waren. Diese glaubwürdige Liebesgeschichte läßt Jekylls Verzweiflung noch faßbarer werden und gibt Michael Caine, wie gesagt, die Gelegenheit zu einem wirklich hervorragenden Jekyll, der auch seinen notwendig blassen Hyde aufwiegt: Kaum ein anderer Film hat soviel Mitleid mit dem Doktor, und dies überträgt sich auch auf den Zuschauer.

Dennoch haben sich – und das ist der Hauptgrund, warum der Film zwar durchaus zu gefallen, aber nicht zu begeistern weiß – ausgerechnet in der Charakterisierung Jekylls einige Logiklöcher eingeschlichen, in die der Film etwas zu oft stolpert: Jekyll wird als Philanthrop vorgestellt, dessen Forschungen eigentlich den Menschen dienen sollen. Warum also, fragen wir uns, nimmt er seine Droge weiter, nachdem diese nicht den moralischen wie wohlgestalteten Intellektuellen, sondern eine Bestie wie Hyde hervorgebracht hat? Man könnte sich erst einmal denken, daß er auf den Geschmack gekommen sei, nun endlich tun könnte, was ihm die Gesellschaft verbietet, aber das macht er ja sowieso ohne spürbare Konsequenzen: Er lebt in der zweiten Hälfte des Films mit einer anderweitig verheirateten Frau zusammen, ohne daß dies jenseits der vorgestrigen Moralapostel seinen gesellschaftlichen Tod bedeutet – so rigide scheint die viktorianische Epoche, wie der Film sie uns zeigt, gar nicht zu sein; weshalb also Hydes nächtliche Ausflüge ins East End? Und schließlich: Warum vernichtet Jekyll all seine Aufzeichnungen und den kompletten Drogenbestand, obwohl er sich zuvor bereits gegen seinen Willen in Hyde verwandelt hat? Natürlich könnte man jetzt anfangen, mehr oder weniger tiefenpsychologisch zu argumentieren, aber der Art der filmischen Umsetzung und vor allem der überaus klischeehaften Zeichnung eigentlich aller Nebenfiguren (der schmierige Sensationsreporter, die intrigante Haushälterin, die pharisäische Klatschtante der Upperclass etc.) nach zu urteilen, wollte Wickes nicht in diese Regionen hinabsteigen, sondern sind dies ungewollte oder um der Auslegung Jekylls willen hingenommene Brüche. Den Eindruck einer gewissen Inkonsequenz verstärkt auch die bereits angesprochene Darstellung der viktorianischen Epoche: Von deren Maximen ist hier weder in Form äußerlichen Drucks noch indoktrinierter Verhaltensweisen viel zu merken, sie wird eher in der opulenten Ausstattung und den Kostümen als in dem Verhalten der Figuren lebendig: Da nennt man sich bevorzugt beim Vornamen, da spricht der Polizist eine Dame der Oberschicht in Gegenwart von Dritten auf ihre Vergewaltigung durch Hyde an usw. Innerhalb einer solchen Gesellschaft braucht ein derart souveräner, unkonventioneller Freigeist wie der Jekyll dieses Films eigentlich keinen Hyde...

Und doch: Bei allen Schwächen ist Wickes ein kurzweiliges historisches Gruseldrama gelungen, das am Ende dank Caines und Ladds Spiel sogar zu fesseln versteht. Bis dahin ist der Film bei einer prinzipiell eher ruhigeren Erzählweise gut durchkomponiert, wechselt gekonnt zwischen den einzelnen Handlungssträngen (Jekylls Drama, Sarahs Weg, die Ermittlungen der Polizei und der Boulevardpresse), bevor sie überzeugend zusammenlaufen, und hat trotz der seltenen Auftritte von Hyde auch seine Gruselmomente. Die Verwandlungsszenen, in denen Jekylls Kopf und Hände förmlich zu pulsieren beginnen, sind ungeachtet ihrer durchschaubaren Machart sehr wirkungsvoll und eine willkommene Abwechslung nach den Überblenden, auf die frühere Filme, soweit sie auf die Visualisierung der Metamorphose nicht ganz verzichteten, bevorzugt zurückgriffen; dazu entläßt der Film seine Zuschauer mit einer bitterbösen „Pointe“ in den Abspann. Bei der Umsetzung der Verwandlungen hat Wickes übrigens bei sich selbst geklaut, denn schon in seinem sehr empfehlenswerten TV-Zweiteiler „Jack the Ripper“ (1988), ebenfalls mit Michael Caine, wurde die Transformation von Jekyll zu Hyde, wie sie der von Armand Assante verkörperte Schauspielstar Richard Mansfield zur Zeit der Ripper-Morde auf einer Londoner Bühne vornahm, ähnlich dargestellt. Auch wenn „Jekyll und Hyde“ nicht ganz die Qualität von „Jack the Ripper“ erreicht, empfahl sich Wickes auch mit seiner Stevenson-Adaption als TV-Mann des viktorianischen Grusels – zu einer Zeit, in der man diesen Stoffen im Kino kaum noch eine Chance einräumte –; doch schon sein nächstes Projekt, eine ambitionierte, aber leider nicht wirklich gelungene Bearbeitung von „Frankenstein“ (1992) – hierfür trug Wickes Michael Caine vergeblich die Rolle des Monsters an – beendete diesen Status wieder, und von Wickes war seitdem als Regisseur faktisch nichts mehr zu hören. Bei aller Konventionalität in der Inszenierung wie insgesamt in der (Neben-)Figurenzeichnung ist „Jekyll und Hyde“ ein sehenswerter Beitrag in der langen Filmkarriere von Stevensons janusköpfigem Doktor, und obwohl er bei der Bewertung den vierten Schädel knapp verfehlt, bedeuten die vergebenen drei Skulls nichtsdestoweniger eine klare Empfehlung.

Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven

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