From Hell
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Inhalt
1888 geht im Londoner East End ein Mörder um, der Prostituierte umbringt und grausam verstümmelt. Inspektor Abberline, der seit dem Tod seiner Frau seine Freizeit vornehmlich in Opiumhöhlen verbringt, nimmt die Ermittlungen auf, um Jack the Ripper, wie die Zeitungen den Mörder getauft haben, dingfest zu machen. Doch je näher er der Lösung kommt, desto mehr sieht er sich von den Behörden in seiner Arbeit behindert, denn seine Nachforschungen führen ihn nicht nur in höchste Kreise, sondern offenbaren auch eine Verschwörung, deren Aufdeckung das britische Empire erschüttern würde...
Kommentar
Jack the Ripper war wohl der erste Gewaltverbrecher, der es zum Medienstar gebracht hat, nach wie vor ist er der Prototyp des Serienmörders, gerade weil man nichts über ihn weiß und seine Identität aller Wahrscheinlichkeit nach unbekannt bleiben wird, auch wenn alle paar Jahre ein Hobbyforscher einen neuen Verdächtigen aus dem Hut zaubert, je abwegiger, desto schlagzeilenträchtiger. Die Gesichtslosigkeit des Rippers ließ ihn zum Mysterium innerhalb eines morbiden medialen Hypes werden, der bis heute anhält. Große Wirkung hat dabei eine von Stephen Knight konstruierte Verschwörungstheorie entfaltet, wonach die Whitechapel-Morde der Verschleierung eines Skandals um das Königshaus, ein uneheliches Prinzenkind und die im Hintergrund wirkenden Freimaurer dienten. Diese abenteuerliche These machte Alan Moore zum Aufhänger seiner zusammen mit dem Zeichner Eddie Campbell geschaffenen voluminösen, ebenso grandiosen wie verstörenden Graphic Novel „From Hell“, die von der Kritik enthusiastisch gefeiert wurde. Moore geht es nicht darum, einen Thriller vor historischer Kulisse zu inszenieren, er macht – minutiös recherchiert – die Morde zum Ausgangspunkt für ein umfassendes, düsteres Portrait einer Gesellschaft, die er ebenso unbarmherzig seziert wie der Ripper seine Opfer. Dessen Morde erscheinen, so argumentiert Moore, als Sinnbild der 1880er Jahre, und die 1880er Jahre enthielten wiederum in allen wesentlichen Bereichen (Politik, Technologie, Kunst, Philosophie) die Essenz des 20. Jahrhunderts, womit der Bogen in die Gegenwart geschlagen ist.Wie nun, durfte man sich fragen, verfilmt man so etwas im Rahmen eines zweistündigen Blockbusters? Als die Hughes-Brüder schließlich ihre Adaption in die Kinos brachten, schien ihre Antwort zu lauten: „Gar nicht!“ Aus Moores und Campbells abgründigem Panorama war eine dagegen schlicht anmutende Whodunit-Mörderjagd geworden, die – im Gegensatz zur Vorlage – mit dem ermittelnden Inspektor Abberline eine eindeutige Identifikationsfigur bietet, die anders als der historische, aber auch Moores Abberline eine schillernde Persönlichkeit ist: ein verwitweter Einzelgänger, ein Opiumsüchtiger mit seherischen Fähigkeiten und großem kriminologischen Gespür, im Laufe des Films auch ein romantisch-unglücklich Liebender, dazu gespielt von Johnny Depp, der damals ja begann, zu dem Kassenmagneten zu werden, der er heute ist, nachdem er zuvor eher ein Star des Independent-Kinos war. Mit der Vorlage hat der Film jenseits des Titels und der Ripper-Morde an sich kaum noch etwas zu tun, er adaptiert hier und da ein paar Szenen, ordnet sie aber in neue Zusammenhänge und ein gänzlich anderes dramaturgisches Konzept ein (Moore und Campbell machen aus der Identität des Rippers nie ein Geheimnis, von Beginn an steht er im Gegenteil immer wieder im Zentrum der Handlung), so daß die erhaltenen Moore-Motive eher aneinandergereiht werden, anstatt ein eng verwobenes Netz zu bilden, und der Streifen etwas überladen wirkt. Als Literaturverfilmung muß man „From Hell“ als gescheitert betrachten, und dieser Tenor ist auch häufig zu hören.
Wollte man – gerade in den Genres, denen sich diese Seiten verschrieben haben – die Qualität eines Films aber einzig nach seiner Werktreue beurteilen, wie sähe dann die Einschätzung zu Whales „Frankenstein“ aus, zu Murnaus „Nosferatu“ oder gar zu Dreyers „Vampyr“, um nur einige besonders prominente Beispiele zu nennen? Sicher kann sich „From Hell“ nicht mit diesen Meilensteinen messen; betrachtet man ihn aber unabhängig von seiner Vorlage, hat man es mit einem sehenswerten Gothic-Horror-Film zu tun, gewissermaßen einem Ausläufer der kleinen Welle von opulenten viktorianischen Gruselstreifen, die Coppola 1992 mit „Bram Stoker’s Dracula“ losgetreten hat, und gerade bei diesem Film bedient sich „From Hell“ ebenso reichlich wie gekonnt: Wenn man die ausladenden Gemäuer sieht, die blutroten Himmel über London, den Freimaurertempel, dann kommt einem das Coppola-Werk ebenso in den Sinn wie bei der mittels Zeitraffer verfremdeten Szene nach der Entdeckung der ersten Leiche; Abberline gibt sich der grünen Fee hin und blickt währenddessen in die Vergangenheit wie Mina im Séparée mit dem Grafen, und Heather Graham sticht mit ihrem alles andere als naturroten Haar hervor wie ihrerzeit Sadie Frost als Lucy. Die Beispiele ließen sich noch fortsetzen, man muß den Hughes-Brüdern allerdings zugestehen, daß ihre damit verbundene schauermärchenhafte Inszenierung das durchaus thematisierte soziale Elend in Whitechapel und die grausamen Taten des Rippers zu integrieren versteht, ohne daß hier verschiedene Stile unverbunden nebeneinander stünden. Von allen Mainstream-Gothic-Horror-Filmen, die auf Coppolas „Dracula“ folgten, ist „From Hell“ der düsterste und brutalste, eine Art „Sieben“ der viktorianischen Epoche, die er nicht nur als Kulisse benutzt, sondern in allen Gesellschaftsschichten ziemlich schonungslos abbildet. Handwerklich ist der Film gut gemacht, atmosphärisch dicht, was nicht zuletzt dem großartigen Soundtrack von Trevor Jones zu danken ist, und bis in die Nebenrollen ansehnlich besetzt. Johnny Depp variiert souverän seine Paraderolle des Außenseiters, und auch die oft gescholtene Heather Graham spielt überzeugend, wiewohl die von ihr verkörperte Mary Kelly aus der Whitechapel-Tristesse optisch – gerade im Vergleich zu ihren Freundinnen – schon etwas stark hervorsticht, was man aber dem schauerromantischen Aspekt des Films zuschreiben muß (Abberline sah in Wahrheit ja nun auch nicht wie Herr Depp aus).
„From Hell“ mag weder eine akkurate Umsetzung von Alan Moores Comicroman noch der historischen Ereignisse sein, er ist nicht das Meisterwerk, das er hätte werden können, nichtsdestotrotz gehört er zu den gelungensten Filmen über Jack the Ripper: ein üppiger Grusler, etwas epigonal und in der Figurenzeichnung sicher nicht frei von Klischees, aber durchaus fesselnd und stimmungsvoll.
Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist in mehreren Auflagen bei 20th Century Fox Home Entertainment auf DVD und Blu-ray erschienen.
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Weitere Kommentare zum Film
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| Wollo, 20.03.09 |
| Was hab ich mich damals auf den Film gefreut! Umso enttäuschter war ich dann allerdings, nachdem ich seiner zum ersten Mal ansichtig geworden bin. Ich empfand es genau so, wie Ruthven es im ersten Teil seines Fazits schilderte, geboten wurden weder eine akkurate (noch besonders gelungene, wie ich hinzufügen möchte) Adaption der Comicvorlage, auch kein ansatzweise präziser Abriss der historischen Ereignisse, und erst recht - hier stimme ich in besonderer Weise zu - nicht das Meisterwerk, dass ich erwartet hatte und das der Film hätte werden können. Ist klar, mit den beiden ersten Kritikpunkten hätte ich ja leben können, dennoch, man hatte hier leider zu viele gute Möglichkeiten verschenkt, wie ich fand. Das fängt schon bei den an und für sich ja durchaus erstklassigen Darstellern an, die hier einfach unter ihren Möglichkeiten bleiben mussten weil ihnen Drehbuch und Regie leider nicht mehr zugestanden. Depp und Coltrane wirken jeweils, als hätten sie nicht mehr als ihre Pflicht getan, aus diesem umstand aber wusste sehr wohl Frau Graham Kapital zu schlagen, denn andernfalls wäre sie von den beiden glatt an die Wand gespielt worden. Die Story kommt nie so richtig in Fahrt und auch wenn der Film hervorragend ausgestattet ist und edel finster und gotisch des Weges kommt, so bleibt dies letztlich nur ein schicker Anstrich, der über den mediokren Inhalt hinweg täuschen soll. Wo ist die visionäre Kraft der Vorlage? Wo die Atmosphäre? Warum ist das nicht mitreissend? So ungefähr habe ich das damals gesehen. Inzwischen habe ich den Film mehrfach gesehen, und siehe da, mit jedem Anschauen gefiel er mir dann doch ein klein wenig besser. Das lag dann aber wohl tatsächlich in der Hauptsache an der Optik, dem Stil des Films, der Stimmung, die er zumindest ansatzweise vermittelt. Dennoch denke ich nicht, dass er sich mit dem Coppola "Dracula" messen kann, mit "Sleepy Hollow" oder "Sweeney Todd", denn die spielen einfach in einer anderen Liga. Wer einen wirklich gelungenen, ausführlichen, extrem spannenden und gleichermaßen gut besetzten Film über Jack The Ripper sehen möchte, der greife zu der BBC-Produktion von 1988, die heißt wie ihr Titelschurke. Hierin sind Michael Caine, Lewis Collins und Jane Seymour zu sehen. Ich weiß jetzt nicht, ob diese Verfilmung in Deutschland auf DVD erschienen ist, definitiv aber lief sie mehrfach im deutschen Fernsehen. Einfach mal nachgooglen. "From Hell" bekommt von mir 3 Skulls. |
| Seward, 20.03.09 |
| tja, so ähnlich wie wollo seh ich das auch... ist jetzt schon ein zeitl her, daß ich den gesehn hab, weiß also nicht mehr viel von der auflösung und so - aber schon DASS ich mich nicht mehr so richtig erinnern kann, obwohls sooooo lange nun auch wieder nicht her ist, sagt ja auch schon was aus. kann mich ebenfalls einer aufregenden optischen stimmung entsinnen, die mehr erwarten läßt, als dann zum schluß eingelöst wird. es bleibt das gefühl einer gelinden enttäuschung zurück - als hätte man ein tolles blutiges steak auf dem teller, und am ende stellt sich heraus, daß es nur aus tofu war... auch die figur von johnny depp wird eigentlich nicht so ganz klar. den zugrundeliegenden comic hab ich übrigens nicht gelesen, trotzdem hatte ich den eindruck, daß im film irgendwas "fehlt". wie ist das z. B. jetzt genau mit diesen "visionen" von abercrombie? nur gute intuition - oder hat er doch das zweite gesicht? ja, und an den tv-zweiteiler mit michael caine kann ich mich auch erinnern, positiv. armand assante als dr. jekyll spielt darin ebenfalls eine spannende rolle. hab ihn damals auf video aufgenommen, inzwischen gibts den zum glück auch auf DVD. |
| Ruthven, 21.03.09 |
| Der TV-Film von David Wickes ist wirklich sehr gelungen und hat gegenüber „From Hell“ schon den Vorteil, sich als Zweiteiler wesentlich mehr Zeit für die Geschichte und ihre Figuren nehmen zu können; allerdings geht er mit den historischen Fakten ähnlich frei um wie „From Hell“, was man an der Darstellung Abberlines sehen kann – den Michael Caine gleichwohl glänzend spielt –, vor allem aber an den fünf Verdächtigen, die der Film vorführt und von denen allenfalls einer mal ernsthaft als möglicher Täter ins Interesse rückte (und das erst lange nach den damaligen Ermittlungen; gewesen ist er es aber höchstwahrscheinlich nicht). Auch wenn Wickes seinerzeit für sich in Anspruch nahm, den wahren Täter zu präsentieren (gut für die Quote), war er wohl nicht zuletzt bemüht, besonders schillernde Verdächtige zu zeigen (ebenfalls gut für die Quote), nicht umsonst richtet er den Fokus ja auch stark auf Richard Mansfield, der damals auf der Bühne als Jekyll/Hyde für Aufsehen sorgte, in Wahrheit aber von behördlicher Seite niemals wirklich verdächtigt wurde. Sein Jekyll/Hyde ist aber als gebildeter Biedermann mit grausiger Nachtseite eine naheliegende Parallelfigur zum gängigen Ripper-Bild, außerdem gibt er Wickes die Gelegenheit, mit ausgiebigen Verwandlungsszenen auf offener Bühne (für die Mansfield in der Tat berühmt-berüchtigt war, wiewohl das sicher anders vonstatten ging und aussah als hier dargestellt) den Gruselfaktor seines Films zu steigern. Wenige Jahre später drehte er dann übrigens einen ebenfalls sehenswerten Jekyll/Hyde-TV-Film – wiederum mit Michael Caine –, in dem die Verwandlungen nahezu identisch inszeniert sind. Und noch einmal kurz zu „From Hell“: Ich habe gar nicht sagen wollen, daß der Film die Qualität z.B. von Coppolas „Dracula“ erreicht, sondern ihn mit den Verweisen als Bestandteil der kleinen, unzusammenhängenden Reihe von Gothic-Horror-Filmen der letzten gut fünfzehn Jahre einordnen wollen. Daß der Film bei allen Qualitäten, die ihm m.E. zuzugestehen sind, das Potential der Vorlage nicht wirklich nutzt, ist klar; deshalb sei an dieser Stelle noch einmal Moores & Campbells Graphic Novel gerade auch denjenigen Literaturfreunden ans Herz gelegt, die es sonst nicht so mit den Bildergeschichten haben, die sich aber nicht um dieses großartige Buch bringen sollten, nur weil es zufällig ein Comic ist… |
| Staudenmaier007, 11.01.10 |
| Um es kurz auf den Punkt zu bringen - der Film ist kein Highlight aber von Anfang bis Ende ein Wechselbad der Gefühle. Spannend, Gruselig und überzeugend in der Geschichte und den Charakteren. 4/5 Punkte sind da locker zu vergeben. |
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