Beowulf & Grendel
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Inhalt
Dänen lügen nicht. Aber manchmal erzählen sie auch nicht die ganze Wahrheit. Zumindest tut König Hrothgar dies nicht, als der schmucke Held Beowulf ihn fragt, ob er denn wisse, warum der Troll Grendel die Seinen abschlachte...
Frühes Mittelalter, die Morgendämmerung des 6. Jahrhunderts: der sagenumwobene Held Beowulf vom Volk der Gauten eilt mit seinen Gefährten an den Hof des dänischen Königs um diesem im Kampf gegen eine offenbar dämonische Kreatur beizustehen, die Nacht für Nacht den Hofstab Hrothgars dezimiert. Doch Grendel, so der Name des Unwesens kämpft nicht mit den Gauten und massakriert sie auch nicht hinterrücks wie die Dänen. Stattdessen treibt er ein seltsames Katz-und-Maus-Spiel mit dem Haudegentrupp, was Beowulf nachdenklich stimmt. Hat Hrothgar ihm etwas verschwiegen? Beowulf sucht Rat bei der Seherin Selma, die in der Wildnis lebt, und von der er sich angezogen fühlt. Die weist ihn zwar auf manches hin, dennoch erhält er nicht die Informationen, die er sich erhofft. Fest steht, Grendel tötet weder Alte noch Kinder noch Frauen, nur Krieger! Das, so dünkt Beowulf, sieht nicht gerade nach dem ruchlosen Tun einer höllischen Schreckgestalt aus.
Als Beowulfs Leute schließlich Grendels Höhle erspähen, ist dieser nicht vor Ort. Doch einer der Recken, Hondscioh, zertrümmert den Schädel von Grendels Vater, den dieser aus ahnenkultischen Gründen aufbewahrte. Nun ahnt Beowulf, warum Grendel den Dänen zürnt. Hat Hrothgar etwa den Vater des Trolls getötet?
In der Nacht greift Grendel erneut Hrothgars Hof an, nun tobsüchtig gegenüber allen Menschen. Er tötet Hondscioh, den er am Geruch des zerschmetterten Schädels erschnüffelnderweise zu identifizieren in der Lage war, doch Beowulf gelingt es, den Troll schwer zu verwunden und schließlich mit einem Tick zu fangen. Dieser jedoch trennt sich freiwillig von einem Arm um zu entkommen und flieht ins Meer, wo er schließlich stirbt.
Beowulf gefällt der Ausgang der Geschichte nicht. Er versteht die Motive der Kreatur, die aus einer anderen, vergangenen Zeit zu stammen scheint und für die in der neuen Welt des Christengottes, zu dem sich nun allerorten die Menschen bekennen, kein Platz mehr ist. Wieder sucht er Erkenntnisse bei Selma, in die er sich längst verliebt hat, und erkennt schließlich nicht, dass Dänen und Gauten eine neue Gefahr droht, denn Grendels Mutter, eine Art Meerhexe, zürnt fürchterlich ob ihres geschlachteten Sohnes...
Kommentar
Entgegen Robert Zemickis wenig überzeugender 2007’er Computer-Firlefanzadaption der berühmten Nordsaga haben wir es hier mit einem Film zu tun, der aus gänzlich anderem Holz geschnitzt ist, und das ist auch gut so!
Kurz zur Erinnerung: Beim „Beowulf“ handelt es sich um ein rund 1300 Jahre altes Heldengedicht in epischer Länge (es beinhaltet immerhin über 3000 Verse), das in Stabreimen abgefasst ist. Das Epos gilt als die bedeutendste überlieferte Schrift angelsächsicher Sprache, derer heuer leider nicht mehr allzu viele erhalten sind, weswegen der „Beowulf“ als Einzelwerk bereits 10% aller Überlieferungen ausmacht. Erzählt wird die Geschichte des jungen Helden Beowulf aus dem Land Geatas, weswegen man davon ausgeht, dass er dem Volk der Gauten angehört. Die Geschichte spielt in Dänemark und dem heutigen Schweden, also nicht in England, obschon sie dort verfasst wurde. Den historischen Hintergrund bilden vermutlich Personen und Hintergründe rund um die Schlacht von Finnsburg im frühen 6. Jahrhundert, die auch andere nordische Dichtungen inspirierte. Der hier vorliegende Film bezieht sich aber nur auf den ersten Teil der Beowulf-Saga, im zweiten Abschnitt, der etliche Jahre später spielt, wird Beowulf zum König und muss sich schließlich gegen einen Drachen zur Wehr setzen, der sein Land verwüstet. Doch anders als im ersten Teil stirbt Beowulf am Ende den klassischen Heldentod. Ehre, Tapferkeit und Edelmut sind die Eckpfeiler des Heldenliedes, die klassischen ritterlichen Tugenden eben.
Der isländische Regisseur Sturla Gunnarsson setzte bei seiner ambitionierten visuellen Umsetzung der Legende, mit der er im übrigen recht frei umsprang, in der Hauptsache auf gute alte Handarbeit statt auf Kollege Computer, und auf eine im Prinzip eigentlich unspektakulär anmutende Erzählweise, die allein schon deshalb in den Bann schlägt, weil sie so ganz anders ist als das, was man zumeist in diesem Genre zu sehen bekommt. Man wundert sich beinahe: Gunnarsson bietet keine Megalomanie a la Peter Jackson, kein Overkill an Spezialeffekten und entwirft auch kein episches Schlachtengemälde, wie man das von Filmen dieser Art inzwischen beinahe erwartet. Auch hält er sich mit den Fantasymotiven und -klischees erstaunlich zurück. So wirkt der Troll Grendel beispielsweise eher wie ein, na ja, Neanderthaler oder irgendeine andere Spezies aus den verschachtelten Seitenlinien der Entwicklung des Homo Sapiens, die vielleicht zu jener Zeit noch nicht zur Gänze der Evolution zum Opfer gefallen ist, denn wie ein übersinnliches Etwas mit Ork-Superkräften oder Koboldsmagie. Erst als die Mutter Grendels die Szenerie betritt wird’s einigermaßen spooky, doch auch hier übertreibt Gunnarsson nicht, zeigt uns nur Make Up Kunst und einige raffinierte Kameraschnitte, Zack!, fertig ist der Hexenspuk. Er zeichnet seine Hauptfigur Beowulf auch nicht als superheldenhafte Lichtgestalt a la He-Man, Conan oder Aragon, als kühnen Kämpen zwar, der schon irgendwie auf der Suche nach Ruhm, Ehre und seinem Platz in den Erzählungen ist, aber auch als nachdenklichen, zweifelnden Helden, der gern wüsste, für was er da seine Kampfhaut zu Markte trägt, und dem sein übermenschlicher Habitus, welcher hauptsächlich dem ihn stets begleitenden Minnesänger Thorkel, geschuldet ist, mitunter selbst verwundert. Er ist eben kein Mr. Perfect wie Leonidas in Zack Snyders „300“, dem ja auch Gerard Butler Gesicht und muckibepackten Body lieh, sondern ein Mensch, der notfalls beherzt genug ist, über sich hinaus zu wachsen.
Gut, vielleicht ist es auch ein stückweit dem Budget geschuldet, dass Gunnarsson andere Wege ging als die meisten seiner Kollegen, die in den letzten Jahren im Fantasygenre aufhorchen ließen, und derer gab es ja nach dem Megaerfolg der nach der bescheidenen Meinung des Rezensenten nur mäßig gelungenen Tolkien-Film-Trilogie reichlich. Doch wenn man sich den Film genau anschaut, dann ist leicht erkennbar, dass das nicht der eigentliche Grund gewesen sein wird, den Film so anders aussehen zu lassen. Zum einen sind da beispielsweise die grandiosen, faszinierenden, manches Mal beinahe elektrisierenden Landschaftsaufnahmen von Gunnarssons Heimat Island, wo der Film entstand. Die Vulkaninsel erscheint hier als Kulisse gleichzeitig archetypisch wie endzeitlich, abweisende Mondlandschaft und auch bezauberndes Feenreich, bedrohlich, dennoch aber dazu einladend ihre Geheimnisse zu erforschen. Die Insel bildet den perfekten Hintergrund für die Geschichte, wie Gunnarsson sie eben übermittelt, und ist im Prinzip der heimliche Star des Films.
Die Kämpfe inszenierte der Regisseur als dreckige, blutige Gemetzel, in denen abgetrennte Gliedmaßen durch die Gegend fliegen und gebrochene Knochen knacken, dass man zusammenzuckt. Er zeichnet ein weitgehend realistisches Bild vom brutalen Kampfgetümmel jener Zeit, vom berserkerhaften Adrenalinrausch der archaischen Kriegsführung. Dies mutet schroff an, minimalistisch gemessen an den Hollywoodhochglanzproduktionen der letzten Jahre, aber eben auch ziemlich düster und hoffnungslos, in letzter Konsequenz ist das gar nachhaltig und eben nur schwer verdaulich, was der Grund dafür gewesen sein dürfte, dass dem Film kein sonderlich großer Erfolg beschieden war.
Besetzt ist der Streifen indes klasse. Gerard Butler, ein Mime, mit dem ich anfangs seiner Karriere meine Schwierigkeiten hatte, ist wie seine Figur lange über sich hinausgewachsen und zu einem der interessantesten Schauspieler seiner Generation gereift. Seine Rollenauswahl ist inzwischen vielseitig, und meistens weiß er persönliche Akzente zu setzen, wie eben auch hier. Seine Interpretation des Beowulf ist nahe dran an ganz großer Schauspielkunst. Butler agiert hier beinahe wie ein Bühnenschauspieler in einer klassischen Rolle (die er ja auch durchaus in diesem Fall spielt), der er neue Akzente abzugewinnen versucht. Und das gelingt ihm! Der Beleg seiner Kunst: im Anschluss verkörperte er, wie bereits angerissen, den König Leonidas, der sich vor lauter Heldenmut mit 300 Getreuen einer persischen Übermacht stellte um den Gegner zumindest so lange aufzuhalten, bis die antiken Griechen ein Heer zusammenstellen um die Usurpatoren aufzuhalten. Leonidas ist ein ganz anderer Held als Beowulf, doch beide kaufe ich Butler ab. Stellan Skarsgård ist gut als König Hrothgar, keine Frage, aber leider nicht so gut, wie er die Aufgabe mit seinen Möglichkeiten hätte meistern können. Schon, der innere Konflikt ist klar erkennbar, der Mann ist zerrissen, er wird sicher bald sterben und sein Verstand läuft auch nicht immer akkurat auf allen vier Zylindern, dennoch kann man sich des Verdachts nicht so recht erwehren, Skarsgård hat hier nur das Standardprogramm ohne große Motivation runtergespult. Überzeugend, doch von einem Gaukler seines Formats erwartet der Rezensent mehr Akzente. Die patente kanadische Independentmimin Sarah Polley, die der Verfasser dieser Zeilen spätestens seit ihrer Performance in Zack Snyders grandiosem „Dawn of the Dead“ ins Herz geschlossen hat, ist hier gegen ihren Typ besetzt, wie man immer so schön sagt, weiß aber die Figur der in der Diaspora lebenden Selma glaubwürdig zu verkörpern. Und dann wäre da auch noch der schottische Schauspieler Tony Curran, der Beowulfs Kumpel Hondscioh mal wieder zum Besten gibt. Der Mann ist durchaus aufgrund seiner Physiognomie ja inzwischen beinahe klischeefestgelegt auf die Rolle des mittelalterlichen oder altertümlichen Kriegers, aber er weiß damit umzugehen und ich freue mich zumeist, ihn in einem Film auszumachen. Zu guter letzt muss Ingvar Sigurðsson, über den ich leider gar nichts weiß, als Troll Grendel außerordentlich gelobt werden. Welcher Muskelberg hat schon das Einfühlungsvermögen solch ein Wesen zu spielen, dem man Verzweifelung, Angst und zuforderst das glühende Rachemotiv abkauft? Na, war denn? Als Grendel den zertrümmerten Schädel seines Vaters findet und deshalb verzweifelt zürnt, das ist großes Tennis.
So, dann rechnen wir mal ab: Da haben wir also nun einen Fantasyfilm, der so richtig gar keiner sein will und sich eher bemüht, einen realistisch anmutenden frühmittelalterlichen Hintergrund zu liefern, dabei manchmal auch ganz schön endzeitlich daherkommt und aussieht, was aber wiederum ganz gut in das frühe „finstere“ Mittelalter passt. Die meisten Schauspieler machen ihre Sache ordentlich bis richtig gut, die Landschaftsaufnahmen sind so grandios, dass der Rezensent am liebsten sogleich den nächsten Flieger Richtung Island besteigen möchte. Ist übrigens gerade Dank Finanzkrise erstaunlich erschwinglich, das, somit der Tipp am Rande: wem ein Besuch auf der Heimatinsel so schräger Vögel wie Björk, Sigur Ros oder Múm bislang immer ein zu kostspieliger Spaß war, der sollte jetzt oder zumindest in Bälde reisen, denn mutmaßlich wird dieser Zustand nicht allzu lange anhalten. Apropos Finanzkrise, dem Film sieht man mitunter das schmale Budget schon an, insgesamt aber darf man den Film als ordentlich ausgestattet betrachten. Die Entscheidung, den Film nicht im Studio vor Bluescreen-Schirmen zu drehen und den Hintergrund zu animieren und stattdessen in der Natur zu drehen, hat sich ausgezahlt, auch wenn es aufgrund der Witterungsbedingungen zu erheblichen Pannen beim Dreh gekommen sein soll. Der Film hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck, so schnell vergisst man ihn nicht, deshalb kann man auch sagen, dass das ambitionierte Konzept der Macher aufgegangen ist. Insgesamt gelungenes phantastisches Kino der etwas anderen Art, da darf man ruhig vier Schädel spalten…äääh, vergeben, mein ich natürlich.
Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo
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Veröffentlichungen
Die DVD gibt es in unseren Breiten bei Universum Film. Wer auf Blu-ray schwört, muss sich an das U.S. amerikanische Label Starz Home Entertainment wenden und NTSC in Kauf nehmen. Andere Formate sind nicht erhältlich.
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