Der seltsame Fall des Benjamin Button
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Inhalt
Am Ende des Ersten Weltkrieges kommt in New Orleans ein Kind zur Welt, das die Konstitution und das Aussehen eines Greises hat. Die Mutter stirbt bei der Geburt, der Vater kann den Anblick seines Sohnes nicht ertragen und setzt ihn nächtens vor einem Seniorenheim aus. Dort wächst Benjamin, wie der Junge genannt wird, als Zögling der Heimleiterin auf, wobei er mit zunehmenden Jahren immer jünger wird. Benjamin geht seinen Weg, fährt zur See, doch kann er Daisy, die Enkelin einer Heimbewohnerin, nicht vergessen, die er als vermeintlich alter Mann bereits im Knabenalter kennengelernt hat. Als beide in der Mitte ihres Lebens stehen, quasi gleich alt sind, kommen sie endlich zusammen. Doch kann ihre Liebe Bestand haben?
Kommentar
Was lange währt, weiß der Volksmund, wird endlich gut, und so scheint es letztlich auch mit „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ gekommen zu sein, die Verfilmung einer Erzählung von F. Scott Fitzgerald, die als Projekt schon ewig in Hollywood hin und hergereicht und mit vielen großen Namen in Verbindung gebracht wurde, bis David Fincher, einer von Hollywoods interessantesten Regisseuren, den Stoff tatsächlich verwirklichte, dabei von Fitzgerald allerdings nur die Grundidee des altgeborenen, immer jünger werdenden Kindes übernahm. Der fertige Film schlug sich an der amerikanischen Kinokasse wacker, wurde von der Kritik überwiegend positiv, zum Teil enthusiastisch aufgenommen und für zahlreiche Preise nominiert, zuletzt gar für stolze dreizehn Oscars.Hat der Volksmund also wieder einmal rechtbehalten? Mitnichten, meint zumindest der Rezensent, der sich in die auch hierzulande mehrheitlich erklingenden Lobgesänge einzustimmen nicht fähig sieht. Obwohl „Benjamin Button“ handwerklich auf höchstem Niveau produziert ist und sich mit so großen Themen wie Alter, Vergänglichkeit und Verlust, Einsamkeit, Gesellschaft und – natürlich – der Liebe und ihren Bedingungen und Bedingungslosigkeiten auseinanderzusetzen bemüht, was sich ein Streifen dieser Größenordnung ja auch erst einmal trauen muß, verharrt er doch stets an der Oberfläche, ist nicht bedeutungsvoll, sondern in seinen durchweg schwachen Dialogen und einer zuweilen plakativen Bildersprache (siehe das Kolibri-Motiv) allenfalls bedeutungsschwanger. So schön die Bilder anzusehen sind, so abgegriffen sind doch meist ihre Motive. Der Film proklamiert, auch in seiner Laufzeit von über drei Stunden, eine Größe, die er nicht hat. Besonders faßbar wird das in der Titelfigur selbst, ist Benjamin Button, der sein eigenes Leben auch als Off-Erzähler kommentiert, doch der Beweis dafür, daß ein außergewöhnliches Schicksal keine außergewöhnlichen Gedanken hervorbringen muß, denn die Einsichten, zu denen Benjamin im Laufe seines ungewöhnlichen Lebens gelangt, sind einzig Gemeinplätze, die Forrest Gumps Meditationen über Pralinenschachteln fast wie Weisheiten erscheinen lassen (die beiden Filme haben mit Eric Roth übrigens den gleichen Drehbuchautor). Auf der Jagd nach dem großen Drama oder doch zumindest Melodram bleibt die Parabel, die dieser Film auch hätte sein können, weitgehend auf der Strecke, wird gerade in der zweiten Hälfte vor allem Kitsch geboten. Nicht daß Kitsch an sich schlecht sein muß – viele der größten Hollywoodfilme haben uns das Gegenteil bewiesen und uns schwelgen lassen, einige der bedeutendsten Regisseure, von Chaplin bis Spielberg, wußten uns, auch wenn sie manchmal über das Ziel hinausschossen, gerade mit sentimentalen Szenen zu verzaubern, doch daran kann „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ nicht anknüpfen, die großen Gefühle bleiben bei ihm Behauptung und Rhetorik, wie er auch dem Irrtum unterliegt, ein langsames Erzähltempo (das allerdings ein wenig angezogen wird, je älter = jünger und vitaler Benjamin wird) mache automatisch aus einem Film ein Epos und Überlänge stehe für große Kunst. Dazu kommt, daß Brad Pitt mit der – jenseits seines Andersseins – erstaunlich farblosen Figur des Benjamin nicht viel anzufangen weiß: Sein Auftritt als junger Greis ist weniger eine Leistung des Darstellers als ein Triumph von Trickabteilung und Maske, später wirkt er da, wo er Gefühle vermitteln will, etwa die Trauer auf der Beerdigung seiner Ziehmutter, oft eher unbeholfen; und selbst Cate Blanchett, sonst über so ziemlich jeden Zweifel erhaben, tritt als Benjamins große Liebe so affektiert und gewollt elfenhaft auf (und wird auch entsprechend holzhammerhaft inszeniert), daß ihr Charakter die Nerven ziemlich strapaziert – erst zum Ende, als das Alter sie und Benjamin erneut trennt, weiß sie einige ihrer gewohnten Stärken auszuspielen. Daß Brad Pitt und Cate Blanchett nicht sonderlich miteinander harmonieren, ist um so gravierender, da der Film die denkbaren Facetten des Stoffes – etwa das sich wandelnde Gesellschaftsbild, das Benjamin ja sozusagen rückwärts durchläuft, ohne daß der Film die darin liegenden Möglichkeiten wirklich zu nutzen versuchte – zugunsten der letztlich steril bleibenden Liebesgeschichte in den Hintergrund rückt. So bleibt ein Film, der bei aller formalen Könnerschaft seinem eigenen Anspruch nicht gerecht wird: Schade um das kreative Potential der Fitzgeraldschen Idee, aber auch der Beteiligten.
Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist bei Warner Home Video auf DVD und Blu-ray erschienen.
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