Trouble Every Day

Originaltitel: Trouble Every Day
Alternativtitel: Gargoyle
Herstellungsland: FrankreichFrankreich, DeutschlandDeutschland, JapanJapan
Erscheinungsjahr:  2001
Regie: Claire Denis
 

Darsteller

Figur

Vincent Gallo  Shane Brown
Béatrice Dalle  Coré Sémeneau
Tricia Vessey  June Brown
Alex Descas  Léo Sémeneau
Florence Loiret-Caille  Cristelle
Nicolas Duvauchelle  Erwan
Raphaël Neal  Ludo
Aurore Clément  Jeanne
  
Genre: Kannibalen, Vampire
Film suchen bei: Amazon.de, eBay, OFDb, IMDb
 Englisches DVD-Cover, erschienen bei Prism Leisure

Inhalt

Gewiss hat sich die junge Amerikanerin June Brown für ihre Flitterwochen mit dem frisch angetrauten Wissenschaftler Shane in Paris, bekannt ja als Stadt der Liebe, etwas mehr Romantik und Zweisamkeit erhofft. Doch das wohlige Gefühl will sich so gar nicht einstellen. Stattdessen irrt der gehetzt wirkende Göttergatte, den wie wir schon bald erfahren werden ein gewaltiges Problem mit seiner Libido umtreibt, durch die Seine Metropole auf der Suche nach seinem ehemaligen Kollegen Léo Sémeneau, mit dem und dessen Frau Coré er einst an einem Forschungsprojekt in Südamerika arbeitete. Diese Forschungen sind augenscheinlich der Grund für Shanes abnorme Gelüste, welche er mit Sémeneaus Hilfe in den Griff zu kriegen hofft. Dieser publizierte nach der gemeinsamen Zeit Aufsehen erregende Thesen, welche aber in wissenschaftlichen Kreisen komplett durchfielen und dessen Reputation als ernstzunehmenden Forscher zerstörten. In der Folge zog sich Sémeneau aus der Wissenschaft zurück und ließ sich am Stadtrand als praktischer Arzt nieder.

Der Zuschauer erfährt Léo Sémeneau als einen freundlichen, gutmütigen Zeitgenossen. Bei seinen finanzschwachen Patienten drückt er ein Auge zu wenn diese seine Rechnungen nicht bezahlen können, und seine Frau Coré liebt er abgöttisch. Coré ist auch der wahre Grund, weswegen der nette Medizinman aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwand und nun gezwungen ist, eine Art Doppelleben unter dem „Schwert des Damokles“ führen zu müssen. Trouble every Day! Verlässt er am Morgen sein Haus, sperrt er seine schöne Frau ein, denn sie hat ein schreckliches Problem: sie ist auf pathologische Weise auf Blut fixiert - offenbar ebenfalls eine Folge der riskante Forschungen. Wenn Corés sexuelles Verlangen zuschlägt, mutiert sie zu einer Art rasendem Vampir! Léo lässt die übel zugerichteten Leichen verschwinden, doch so kann das nicht weitergehen! Immer häufiger äußert Coré den Wunsch, sterben zu wollen, doch der Trieb, das Verlangen nach Blut, überkommt sie wieder und wieder.

Und nun ahnen wir auch, wo Shane der Schuh drückt, welch Ungemach ihn plagt. June jedoch hat keine Kenntnis vom kannibalischen Trieb ihres Mannes und versteht dessen scheinbares Desinteresse ihr gegenüber nicht, sie fühlt sich verletzt und missachtet. Handelt dieser nur aus Liebe so abweisend? Will er seine Frau im Blutrausch nicht verletzen? Ist das die Zärtlichkeit der Vampire?
Schließlich nach langer Suche erfährt Shane Brown endlich die Adresse der Sémeneaus. Als er deren Haus besucht, findet er die verstörte Corè vollkommen blutbesudelt vor, hat sie doch kurz zuvor wieder getötet, zwei junge Einbrecher hatten sich das falsche Haus ausgesucht.

Shane brennt das Haus nieder, Coré kommt in den Flammen um, doch der seinerseits Besessene muss sich nun seinen eigenen Dämonen stellen. Zurück im Hotel wird ein Zimmermädchen zu seinem (ersten?) Opfer.
Als June, die allein auf Erkundungstour unterwegs war, zurückkehrt, wirkt Shane wie ausgewechselt. Er ist entspannt, sagt, es gehe ihm gut und er möchte bald heimkehren. Ist Shanes Blutdurst nun befriedigt oder wird June nun doch noch sein nächstes Opfer?

Kommentar

Mal wieder starker Tobak aus dem Nachbarland von der anderen Rheinseite, an dem es seit einigen Jahren ja wahrlich nicht mangelt. Doch was jetzt vielleicht nach B-Film Trash klingt – Libidoforschung, blutige, kannibalisch/vampirisch motivierte Morde im Sexrausch, nackte Haut – das darf nun weder in die Gore-Schublade gesteckt noch mit Sexploitation interpretiert werden. Und so krass, schockierend und eindringlich die expliziten Bilder auch in Szene gesetzt sind, sie gehorchen einer gewissen, mutigen Ästhetik, der sich zu entziehen dem nicht allzu zart besaiteten Zuschauer schwer fällt. Und was für Bilder! Fast orgiastisch wirkende Blutgemetzel, die unversehens über uns hereinbrechen und in ihrer Krassheit völlig im Gegensatz zu dem sonst doch eigentlich eher behäbigen Verlauf des Filmes stehen. Fast könnte man hier einmal mehr den abgeschmackten Begriff von der Ästhetik des Ekels bemühen, doch das scheint nun wirklich zu billig und einfach. Sex, Liebe, Gewalt und Kannibalismus/Vampirismus, das sind die Eckpfeiler dieses rätselhaften Horrordramas, und die Wirkung der Bilder, die so meisterhaft polarisierend von Kamerafrau Agnés Godard eingefangen worden sind, sind also zunächst der prägnanteste Eindruck vom Film.
Doch leider steht und fällt „Trouble every Day“ auch mit dieser Bildsprache, denn im Grunde ist die schwer greifbare Geschichte, das ganze Wie und Warum, kaum von Bedeutung und wird von Regisseurin Claire Denis auch nur sehr fragmentarisch dargestellt, ja beinahe nur angedeutet.

Was zur Hölle passiert aber in diesem Film nun eigentlich, fragt man sich über die gesamte Laufzeit ständig. Zunächst einmal haben wir überhaupt keine klassische Ausgangssituation. Die Motivation der handelnden Figuren ist völlig unklar, muss zunächst einmal mühsam erarbeitet werden. In einem „gewöhnlichen“ Horrorfilm setzen wir eine phantastische Situation voraus. Uns ist völlig klar, auf was wir uns einlassen. Wie selbstverständlich begegnen uns dort Hexen und Vampire, Zombies und Menschenfresser. Wir begeben uns praktisch in eine Art Märchenland. Hier aber sind wir im Hier und Jetzt, und niemand versucht uns zu weiszumachen, dass das Unbegreifliche das Normale ist. Menschen wie sie und ich werden zu Bestien und niemand weiß genau warum, und das macht den Film dann auch in der Tat unheimlich! Die Vergangenheit wie die Gegenwart der Figuren, somit die eigentlichen Fäden, die sich zu einer Geschichte verweben, bleiben hier fast restlos im Dunkeln, die muss sich der Zuchauer selbst erarbeiten, was nicht immer einfach ist und zur Folge hat, dass man sich auch gerade in der ersten Hälfte über langatmige Strecken zu bemühen hat, welche die Aufmerksamkeit auch reichlich strapazieren. Zunächst kapieren wir das Handeln von Shane, Léo und Coré kaum, können noch am ehesten nachvollziehen wie June, der vernachlässigten Ehefrau, zumute sein mag. Das gemahnt mitunter an David Lynch, Michael Almereyda oder auch an David Cronenberg, doch neigen diese dazu, solch eine Statik immer mal wieder mit dem ihnen eigenen Humor aufzubrechen (ohne freilich ihren Horror der Ironie preiszugeben), doch bei Claire Denis ist nichts dergleichen zu verorten.

Denis ist sicher eine Regie-Fachfrau mit völlig eigenem Stil. Bevor sie 1989 mit „Chocolat“ (nicht zu verwechseln mit Lasse Halströms Film von 2000, in dem Johnny Depp und Juliette Binoche mitwirkten) debütierte, machte sie sich als Regieassistentin für einige der ganz Großen des Independentkinos verdient, unter anderem für Wim Wenders, Jim Jarmusch oder Constantin Costa-Gavras. Ihre Filme sind stets gekennzeichnet von einer eher fragmentarischen Erzählweise, lassen sich zumeist eher schwer auflösen, sperren sich, könnte man sagen. Dies ist aber nicht eine Sperrigkeit, die dem Zuschauer per se den Zugang zu verschließen trachtet - was ja für einen Filmemacher auch vollkommen unsinnig wäre – sondern vielmehr eine Sperrigkeit, die die unbedingte Mitarbeit des Zuschauers einfordert. Dafür wird der dann aber auch gelegentlich in Denis’ Filmen mit Momenten reiner Wahrhaftigkeit und Schönheit belohnt. Bei „Trouble every Day“ hingegen, man muss es leider so sagen, hat Denis mit ihrem Co-Autoren Jean Paul Fergeau den Bogen etwas überspannt, das Verwirspiel ausgereizt. In diesem Fall sind eben nicht nur Längen in die Geschichte gerutscht, die vermeidbar gewesen wären, hätte man uns nur ein wenig mehr zu greifen gegeben, nein, wir kriegen die Charaktere einfach nicht zu fassen, sie erschließen sich uns nicht, obschon wir doch gern mehr über sie und ihr Schicksal wüssten, doch Denis erlaubt es uns nicht, was dann wiederum zur Folge hat, dass wir im Laufe des Films das Interesse an ihnen verlieren. Wenn Coré stirbt, rührt uns das nicht, und ob Shane nach seinem Mord geheilt ist oder ob wir uns um June sorgen müssen, wenn das Licht im Kino angeht ist es uns egal und wir denken bereits an das Bier in der Kneipe um die Ecke. Das ist schade, denn natürlich kommt so keine Spannung auf, und es tut uns auch um die wirklich grandiosen und mutigen Schauspieler leid, die hier mit mehr als nur vollem Körpereinsatz am Start waren.
Und hier haben wir es gleich mit zwei Independent Superstars zu tun, mit Vincent Gallo nämlich, dem kontroversen Egomanen per excellence sowieso, wie der famosen Beatrice Dalle, die noch immer eine der schönsten und gerade hier gefährlichsten Femme Fatales der Welt ist, und die hier beide wie im Rausch ihren Part geben und nahezu schmerzhaft brillant agieren. Besonders die Dalle, die in diesem Fall ja so gut wie keinen Text hat und nur über ihre Ausstrahlung, ihre Darstellung, das von ihr verkörperte Wesen gibt, kann man beinahe nicht genug loben. Was sie zeigt ist wahrhaft große Schauspielkunst und hat zur Folge, dass Alex Descas und Tricia Vessey trotz aller Bemühungen glatt an die Wand gespielt werden.

Bei so vielen großen Namen - Denis, Dalle, Gallo - will man ja eigentlich nur voll des Lobes sein, bei einer so herausragenden Kameraarbeit wie der Agnés Godards und last not least bei so einem herausragenden musikalischen Score wie dem von den britischen Tindersticks hier abgeliefert, welcher die entrückten und verstörenden Bilder untermalen, wie gesagt, man würde gern… und doch, es klappt nicht recht!

Der Film ist ein Biest, das man beinahe nicht den Griff bekommt. Da schockiert es einen gerade noch, die nächste halbe Stunde passiert dafür dann gar nichts und wir rätseln, was das alles wohl soll. Wenn es dann doch wieder richtig spannend wird, ist es auch schon wieder vorbei und lässt uns mit mehr Fragen als Antworten zurück. Es ist Claire Denis leider nicht gelungen, eine nachvollziehbare Geschichte zu erzählen, die einen über den Großteil des Films zu fesseln (geschweige denn zu unterhalten) vermag. Dass das alles wohl kaum als leichte Muse zu bezeichnen ist und uns unbedingt zum Bemühen der kleinen grauen Zellen zwingt, ist mal klar, und an und für sich ist ein solcher Umstand ja auch gar nicht schlimm und eher begrüßenswert. Dennoch bietet der Film insgesamt zu wenig erzählerische Substanz. Die Schauspieler sind über jeden Zweifel erhaben und gehen bis an die Schmerzgrenze, die Bilder hierzu sind entsprechend. Wer also hauptsächlich nach expliziten Szenen giert, kriegt hier zwar was zu sehen, wird aber dennoch nicht glücklich mit dem Film werden. Zu sehr bemüht sich Denis einstweilen ihrem Film einen intellektuellen Anstrich zu verpassen, zu unpräzise ist ihr Timing hier, zu viele Längen, zu wenig Akzente setzt sie, so dass der Rezensent den Film insgesamt leider als eher ungelungen beurteilen muss, auch wenn er gern ein anderes Urteil verkünden möchten täte. Das sollte aber dennoch niemanden davon abhalten, mal einen Blick zu riskieren, denn von der rein optischen Seite ist der Film grandios bis verstörend, schauspielerisch bietet er hervorragende Kunst, zudem zählt er zu den großen französischen Skandalfilmen der letzten Jahre, und man will ja schließlich mitreden können, gelle?

Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo

Trailer zum Film

Veröffentlichungen

In Deutschland ist der Film nicht erschienen, wurde aber im Jahre 2003 mal auf arte mit deutschen Untertiteln ausgestrahlt. In Frankreich gibt es die DVD bei Warner Home Video, im UK bei Tartan Video und bei Prism Leisure. Via Amazon kann man eine australische Import DVD beziehen.

Filmbewertung

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