Die Abenteuer des Prinzen Achmed
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Inhalt
Zum Geburtstag des Kalifen führen allerlei Schausteller ihre Kunststücke vor, unter ihnen ist auch ein afrikanischer Zauberer, der ein fliegendes Pferd präsentiert. Der Kalif will das Pferd kaufen, doch der Zauberer fordert dafür dessen Tochter Dinarsade. Ihr Bruder Achmed geht dazwischen, der Zauberer bringt ihn allerdings dazu, das Wunderpferd auszuprobieren. Dieses trägt Achmed hoch in den Himmel, und als er endlich entdeckt, wie man es landet, findet er sich in dem Dämonenland Wak-Wak wieder. Er verliebt sich in dessen Königin Pari Banu, gewinnt ihr Herz und flieht mit ihr nach China. Dort findet sie der Zauberer, der Achmed ausschaltet und Pari Banu an den Kaiser von China verkauft. Doch Pari Banu wird von den Zauberwesen von Wak-Wak in ihre Heimat entführt, und ohne das fliegende Pferd kann Achmed ihr nur mit Hilfe von Aladins Wunderlampe nach Wak-Wak folgen. Kurz darauf gelingt es ihm, Aladin das Leben zu retten. Der ist nach Achmeds Verschwinden Dinarsades Ehemann geworden, die aber ist inzwischen in der Gewalt des Zauberers – und ebenso die Wunderlampe…
Kommentar
Es mag zunächst widersprüchlich erscheinen, einen Film sowohl als Klassiker als auch als fast vergessen zu kategorisieren, wie oben geschehen, aber es gibt Filme, auf die beides zutrifft: Sie sind unbestritten Meilensteine ihres Genres, aber selbst unter Filmfans sind sie weitgehend unbekannt. Das gilt für einen Großteil des Werks Lotte Reinigers und ganz gewiß für ihr frühes opus magnum „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“. Lotte Reiniger ist eine Pionierin des Animationsfilms und bis heute dessen bedeutendste deutsche Vertreterin, aber ihrem (Nach-)Ruhm standen und stehen zwei Faktoren im Weg. Faktor Eins ist der Umstand, daß sie sich der Kunst des Silhouettenspiels verschrieben hatte (den altmodischen Begriff „Scherenschnitt“ lehnte sie ab, er hätte ihre Technik auch nicht treffend umschrieben), die ja in der westlichen Welt stets ein Nischendasein führte; Umstand Zwei ist Walt Disney, der ab den späten 1920er Jahren zum Synonym für den Trickfilm wurde. Die Großtaten seiner Zeitgenossen wie Vorgänger gerieten angesichts seiner stilbildenden Filme oft in Vergessenheit, egal, ob sie ähnliche oder gänzlich andere Wege gingen. So wird immer wieder Disneys „Schneewittchen“ (1937) als erster abendfüllender Animationsfilm überhaupt bezeichnet, in Wahrheit hatte aber bereits gut zehn Jahre zuvor Lotte Reiniger ihren „Prinzen Achmed“ ins Kino gebracht (und selbst der war vielleicht nicht einmal der erste, soll doch der Argentinier Quirion Cristiani in den späten 1910er Jahren zwei animierte Langfilme verwirklicht haben, doch da beide als verschollen gelten, muß offenbleiben, was es mit ihnen auf sich hat. Auf jeden Fall ist „Prinz Achmed“ der erste erhaltene abendfüllende Animationsfilm).
„Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ ist nicht nur eine Pioniertat und ein Meisterwerk des Animationsfilms, sondern auch ein Kleinod des Fantasyfilms. Lotte Reiniger mischt diverse Märchenmotive, natürlich vor allem aus 1001 Nacht, zu einer neuen Geschichte zusammen, die Szenen voller Poesie, etwa Achmeds Ritt auf dem Zauberpferd oder das Bad der geflügelten Frauen in einem See von Wak-Wak, mit grandiosen Dekors und phantastischen Spektakeln vereint – wie den Choreographien am Hof des chinesischen Kaisers, den Metamorphosen der magischen Wesen und nicht zuletzt Achmeds Begegnung mit der skurrilen Hexe der Flammenberge, die sich als große Feindin des Zauberers erweist und entscheidend zum happy ending beiträgt. Der Film war allerdings nicht, wie man angesichts seiner Opulenz meinen könnte, eine Großproduktion wie Disneys Streifen, sondern das Projekt einer Handvoll Überzeugungstäter, und in deren Zentrum stand Lotte Reiniger, die während der dreijährigen Arbeit an dem Film gerade einmal Mitte zwanzig war. Sie erdachte die Handlung, insbesondere aber gestaltete und animierte sie alle Figuren. Die Schattenfiguren waren nicht aus Papier, sondern aus Blei gefertigt, an deren festen Rümpfen sich verstellbare Köpfe und Gliedmaßen befanden. Diese bewegte Lotte Reiniger nicht vor laufender Kamera, sondern separat Bild für Bild, bediente sich also einer Art Stop Motion (wie zu der Zeit in gänzlich anderen Projekten auch Willis O’Brien). Um den Anschein von Raumtiefe zu erzielen, nahm das Team Figuren und Hintergründe auf verschieden hohen Glasplatten auf, verwendete also im Prinzip die gleiche Technik wie später Walt Disney bei seiner vielgerühmten Multiplankamera. Zuletzt wurden die Bilder dann, wie im Stummfilm nicht unüblich, Szene für Szene eingefärbt, was die visuelle Wirkung deutlich erhöht. Dennoch verleugnet der Film die Herkunft seiner Darstellungsweise vom Theater nicht: Die Kamera bleibt statisch, von einer einmal präsentierten Einstellung entfernt sich die Handlung nur mit einem Schnitt, dazu ist der Film in fünf Akte unterteilt, eine Illusionsdurchbrechung folgt daraus aber ebenso wenig wie aus dem fehlenden Dialog, zumal Schattenspiel und Pantomime ja sowieso Geschwister sind.
Daß der Film noch heute zu verzaubern vermag, ist zunächst dem Charme seiner Animation geschuldet. Der Trickfilm hat Lotte Reinigers Silhouettenspiel nach zahllosen Innovationen technisch weit hinter sich gelassen, aber eine ähnliche Anmut hat er selten wieder erreicht. Die Figuren werden zu Charakteren mit eigener Körpersprache, ohne aber die allgemeingültige Typenhaftigkeit zu verlieren, die ihnen die scheinbar sorglos zusammenfabulierte, dabei aber gut getimete Geschichte zuweist. Stets scharf kontrastiert gegenüber mal tiefschwarzen, mal dunstigen Hintergründen (diese schuf Walter Ruttmann, der kurz darauf mit „Berlin: Die Symphonie der Großstadt“ (1927) einen Klassiker des Dokumentarfilms drehen sollte), bewegen sie sich mit einer tänzerischen Natürlichkeit, wie man sie auf der Leinwand selten zu sehen bekommt, fast scheint hier der filmische Beweis für Kleists Aufsatz über das Marionettentheater erbracht, der die Grazie der Puppen aus ihrem völligen Mangel an Bewußtsein erklärt. Das vollkommene Zusammenspiel von Inhalt und dessen konkreter Umsetzung ist es denn auch, was dem "Prinzen Achmed" nach wie vor seine Qualität und Wirkung verleiht: In Verbindung mit dem inhaltlichen Rückgriff auf universelle Märchenmotive und -figuren erlangt der Film gerade durch die (größtenteils) bewußten und gewollten Beschränkungen seiner Darstellungsform eine Zeitlosigkeit, wie sie im Fantasygenre, in dem Filme besonders schnell zu altern drohen, selten ist.
Schule gemacht hat Lotte Reinigers Kunst indes kaum, wiewohl sie stets Bewunderer fand, etwa Jean Renoir, und ihr sogar Hollywood ab und an Tribut zollt; zuletzt hat sich Brad Silberling in den Credits von „Lemony Snicket“ (2004) direkt beim „Prinzen Achmed“ bedient. Seinerzeit fand der Film in Deutschland kaum Beachtung, doch Lotte Reiniger konnte weitermachen, unter anderem in England, wo „Prinz Achmed" gut aufgenommen worden war. Sie schuf noch zahlreiche Silhouettenfilme nach bekannten Märchen und auch nach klassischen Melodien. Einen weiteren abendfüllenden Streifen hat sie jedoch nicht mehr gestaltet.
Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist bei absolut Medien in einer vorzüglichen Ausgabe (die auch gleich zwei Einspielungen der Originalmusik von Wolfgang Zeller enthält) auf DVD erschienen.
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Der Scherenschnitt - Zauberhafte Märchen im Silhouetten-Trick (Digipak, 3 DVDs)
Stand: 09.02.2010 13:12:27
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