Pi
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Inhalt
Max Cohen ist ein Mathematik-Genie, für den die Welt, das Universum, die gesamte „Schöpfung“ (wenn man so mag), nichts anderes darstellt als logische Zahlenmuster. „Mathematik ist die Sprache der Natur“ ist einer seiner Grundsätze. Tatsächlich ist Max in der Lage, selbst komplizierteste Aufgaben im Kopf bis auf etliche Stellen hinter dem Komma auszurechnen. Doch Max ist auch ein menschenscheuer Paranoiker, der im Prinzip als einzigen sozialen Kontakt den Umgang zu seinem ehemaligen Mentor und Professor Sol Robeson pflegt, mit dem er dann Go spielt und mathematische Probleme diskutiert. Die Annäherungsversuche seiner netten Nachbarin weist er stets wirsch weil verunsichert ab. Eines Tages unternimmt Max den Versuch, mit dem von ihm selbst entwickelten Hochleistungscomputer „Euclid“ ein Muster in den Bewegungen der Zahlen von Aktienkursen nachzuweisen. Sollte ihm dies gelingen, so hätte er einen Code entschlüsselt, der Vorhersagen an jeder Börse der Welt möglich machen würde. Doch leider kachelt der Superrechner ab, allerdings nicht, ohne als letzten Gruß noch eine 216 Stellen lange Zahl auszuspucken.
Max berichtet Sol von eben dieser Zahlenkette, und der wird sofort hellhörig. Sol, der sich sein Leben lang mit der mysteriösesten aller Zahlenketten - der Kreiszahl Pi – über alle Maßen beschäftigte, weiß genau, was in seinem einstigen Schützling vorgeht. Ihm selbst brachte die fanatische Forschung um die rätselhafte 3,14 unendlich dereinst einen Schlaganfall ein, deshalb bittet er Max inständig, die Forschungen abzubrechen und zu entspannen, sonst droht ihm noch der Verlust seines Verstandes, so befürchtet Sol. Max wird immer wieder von peinigenden Migräneattacken heimgesucht, derer er mit einer stets größer werdenden Medikation an Schmerzmitteln Herr zu werden sucht. Seine Paranoia steigert sich mit dem zunehmendem Konsum der Analgetika mehr und mehr. Und plötzlich wird Cohen bedrängt. Zum einen tritt der Chassidim und Kabbalist Lenny Meyer, der einer radikalen jüdischen Gruppierung angehört, die mittels der Zahlenmystik den wahren Namen Gottes und somit jedes Geheimnis des Universums zu entschlüsseln suchen, an Max Cohen heran. Lenny bittet Max zunächst höflich, ihm bei seinen Nachforschungen unterstützend zur Seite zur stehen, schließlich übt die Gruppe immer mehr Druck auf den ohnehin verwirrten und unter ständigem Medikamentenkonsum stehenden Mathematiker aus. Doch nicht nur die Zahlenmystiker sind an Cohens Forschung interessiert, auch ein ominöses und scheinbar recht mafiaesk agierendes Wall Street Netzwerk versucht sich Max Fähigkeiten zunutze zu machen und macht ihm ein verlockendes Angebot, indem die Gruppierung ihm einen nicht im Handel erhältlichen Supercomputerchip als Gegenleistung in Aussicht stellt. Max Cohen gibt dem Drängen der rabiaten Broker schließlich nach und erhält auch das Gerät, mit dem er „Euclid“ wieder zum Laufen bringt. Dafür fühlt sich Max fortan an jeder Straßenecke und jeder U-Bahn Station verfolgt. Immer häufigere Zusammenbrüche und Halluzinationen sind die Folge, immer schneller dreht sich die Spirale (die man über die Fibonacci-Folge errechnen kann!) und zieht den armen Mathematiker immer tiefer in den Wahnsinn. Was, wenn Gott selber seine Finger im Spiel hat, weil er fürchtet, das sein Mystizismus entschlüsselt werden könnte? Max geht einen letzten, radikalen Schritt, um all dem zu entfliehen. Bringt ihm die Zerstörung seines Gehirns mittels einer Bohrmaschine den ersehnten Frieden?
Kommentar
Wow, wieder mal ein beachtliches Regiedebüt eines echten „Wunderkindes“! „Pi“ ist der beeindruckende Einstand des Regisseurs und Harvard Absolventen Darren Aronofskys („Requiem for a Dream“, „The Fountain“) in die Welt des abendfüllenden Spielfilms, und dieses fertigte er mit einem Budget von nur unglaublichen 60.000 $ an, was man als beinahe unerhört ansehen muss. Der Großteil der Kohle, für die Aronofsky Freunde und Bekannte anpumpte, ging für die Beschaffung des Filmmaterials und des notwendigen technischen Equipments drauf. Das Team, welches ihm zur Seite stand, rekrutierte der findige Jungregisseur hauptsächlich aus seinem privaten Umfeld, vulgo aus Amateuren. Das sieht man dem Film mitunter auch an, doch dieser Umstand schadet dem Ergebnis in keiner Weise. Klar, Mainstreamfans und Popcorn im Kino Konsumenten wird der Film in seiner Unkonventionalität und Radikalität, seiner surrealistischen Erzählweise und seiner schrägen Handlung gewiss eher vor den Kopf stoßen oder gar nerven, doch Leute, die beim Film schauen auch gern mal den Grips bemühen, sollten sich auf „Pi“ auf jeden Fall einlassen können/dürfen. Und Verschwörungstheoretiker, derer es ja in der Internetgemeinde nicht gerade wenige gibt, wie sich in den unzähligen Foren und Blogs des Web 2.0 immer wieder zeigt, bekommen hier neues Futter. Hätte man früher im Matheleistungskurs doch besser aufpassen sollen? Man lernt ja schließlich fürs Leben, wie man immer so schön sagt…
Abschrecken lassen sollte man sich im Vorfeld dann aber doch nicht vom Titel des Films, denn „Pi“ ist mitnichten ein Streifen, der sich ausschließlich an Mathestreber richtet, sondern vielmehr von einem Genie mit einem Traum erzählt. Klingt fast schön und episch, ist es aber gar nicht, denn „Pi“ ist ein beißender, verstörender, blutiger Alptraum, der seinen (Anti)Helden Max Cohen den schmalen Grad von Genie und Wahnsinn immer wieder überschreiten lässt. Max fristet ein komplett freudloses Dasein in einem winzigen, miesen Appartment, verbarrikadiert hinter einer Wohnungstür, die scheinbar mehr Sicherheitsschlösser hat als jede Bankzentrale in Frankfurt. Nie sieht man ihn lächeln, nur ein einziges Mal am Ende des Films, aber dazu kommen wir später! Sein einziger echter Kontakt zur Außenwelt findet über seinen ehemaligen Mentor statt, der im Laufe des Films auch noch das Zeitliche segnet. Panikattacken, peinigende, entsetzliche Kopfschmerzen und daraus resultierender übermäßiger Medikamentenkonsum, schließlich entsetzliche Halluzinationen, die der Zuschauer in brutal surrealistischen Szenen miterlebt, sind sein ständiger Begleiter. Ergo: Max kann einem eher leid tun. Und das tut er dem Zuschauer auch, kaum dass er sich auf den Film eingelassen hat.
An dieser Stelle möchte ich kurz etwas einwerfen. Ich weiß nicht wie es ihnen geht, aber ich glaube an fast jeder höheren Lehranstalt läuft irgendein verkanntes Mathematikgenie herum, dessen Leben sich fast ausschließlich um die Erforschung dieser logischsten aller Wissenschaften dreht. Auch ich hatte dereinst zu Abizeiten einen solchen Nerd zum Lehrer, dessen Namen ich nun natürlich nicht öffentlich machen werde. Dieser Mann war nahezu in gleicher Weise besessen von Zahlen und Formeln wie der tragische Max im Film. In seiner Freizeit besuchte er Flughäfen um Statistiken zu erstellen über die Starts und Landungen der Flieger, im Urlaub ließ er sich die neuesten Lehrbücher zukommen um nach Fehlern darin zu suchen (und, beinahe überflüssig zu erwähnen, auch stets fündig geworden ist!), für seine Klausuren erlaubte er sich gern die Finte, fünf oder sechs verschieden Arbeiten mit unterschiedlichen Aufgaben an den Kurs auszugeben, auf das niemand bei seinem Banknachbarn abzupinnen in der Lage war. An der Tafel lief er stets zur Hochform auf, wir konnten ihm meistens kaum folgen. Allerdings, ich musste bei ihm ins Mündliche, und da hat er es mir fair und lieb leicht gemacht, weswegen es mir ziemlich leid tat, dass ich ihn zuvor oft verwünscht hatte und er nur wenige Jahre, nachdem ich in seinem Kurs war, ähnlich dem Gelehrten Sol, er einen Schlaganfall erlitten hatte, von welchem er sich nie wieder recht erholt hat. An diesen Typen musste ich beim Anschauen des Films immer wieder denken. Private Notiz Ende!!!
Will uns diese Anekdote jetzt einen Hinweis geben? In der Tat will sie das, und der bescheidenen Meinung des Rezensenten zufolge will Darren Aronovsky mit seinem Film genau die gleiche Moral von der Geschicht’ vermitteln. Ganz sicher sagt der Film nicht, forschen ist doof, Fortschritt endet im Wahnsinn, stattdessen vermittelt er dem gebannten Zuschauer kluge Ansätze für ein höchst interessantes Gebiet, der Mathematik nämlich, die möglicherweise tatsächlich nahezu alles zu erklären in der Lage ist. Grundsätzlich kann man hier auch eine Metapher in dem seit einigen Jahren schwelenden Streit zwischen den Traditionalisten sehen, welche glauben, die Erde sei etwa 4000 Jahre alt und von Gott, wie es im Buch Genesis des alten Testaments zu lesen ist, an sieben Tagen erschaffen worden sein; und den Evolutionsforschern, die selbstredend die Hände über dem Kopf ob solchen Unfugs zusammenschlagen. Letztendlich fordert uns Aronovsky auf, selber eine Lösung zu finden. Doch wer die reinen Zahlen sein Leben regieren lässt – egal ob Geld, Börse, Aktien oder auch fanatische Mathematik, mithin reinen Fortschrittsglauben (hat da wer was von Google oder Microsoft in den Raum geworfen?) – der begibt sich nicht nur an den Punkt, an welchem Genie und Wahnsinn eine Schwelle haben, der begibt sich ins niemals zu erforschend sein werdende Marschland der menschlichen Abgründe. Kein schöner Weg! Lasst Frohsinn walten, so wird euch Wahrhaftigkeit zuteil! Und darum lächelt Max Cohen am Ende, nachdem er in einer beklemmenden Vision sein Gehirn zerstört hat und in der Folge sein mathematisches Genie verloren hat. Endlich ist er Mensch, und keine Maschine mehr!
„Pi“ ist ein ungemütlicher Verschwörungsthriller über die Macht der Mathematik und Logik und ihrer Jünger, erzählt in grobkörnigen Schwarzweißbildern, die wohl eher in der prekären Ausgangslage, unter welchem der Film entstanden ist, zustande kamen als im vermeintlich stylishen Vorsatz, dem Ergebnis aber zusätzliche visuelle Kraft verleihen, denn schließlich verstärkt dieses Element den kafkaesken Eindruck, den der Film ohnehin vermittelt. Und letztlich rückt dieses Stilmittel den Film in eine Verwandtschaft zu David Lynchs „Eraserhead“, ebenfalls ein Debüt eines begnadeten Filmemachers, als zu anderen Filmen über Mathematikgenies, beispielsweise Ron Howards „A Beautiful Mind“ oder Gus van Sants „Good Will Hunting“, die vollkommen andere Ansätze lieferten. Aber eigentlich soll es hierum nicht gehen! Und habe ich schon erwähnt, mit welch genialer Intensität der weitgehend unbekannte Hauptdarsteller Sean Gullette den Max Cohen gibt? Allein sein Augenspiel macht den Film zu einem echten Hingucker, vorausgesetzt sie lassen sich auf die Erzählweise Darren Aronovskys ein, und daran täten sie gut, denn ansonsten hätten sie einen Film verpasst, den sie doch eigentlich sehen sollten oder?
O0:22, ich drücke „Return“… Wenn sie verstehen, vielleicht den Film schon gesehen haben….
5
Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo
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Veröffentlichungen
DVD und VHS sind beim geschätzten Arthaus Label erhältlich. Zugreifen!
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Naked Lunch - Arthaus Collection
Stand: 09.02.2010 13:09:54
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| Wollo, 07.09.08 |
| Wie so eben erfahren hat der Regisseur Darren Arononovsky für seinen neuen Film "The Wrestler", mit dem der sichtlich gealterte Haudegen Micky Rourke ein cooles Filmcomeback erleben wird, den goldenen Löwen - und somit quasi den Ritterschlag als Filmschaffender - bei den Filmfestspielen von Venedig gewonnen. Das freut mich sehr für den jungen Regisseur aus New York, dessen Arbeit ich sehr schätze. Congratulations, Mr. Aronovsky. Nur so als Nachtrag... |
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21 Gramm
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