In My Skin

Originaltitel: Dans ma peau
Alternativtitel: Coupures
Herstellungsland: FrankreichFrankreich
Erscheinungsjahr:  2002
Regie: Marina de Van

Darsteller

Figur

Marina de Van  Esther
Laurent Lucas  Vincent
Léa Drucker  Sandrine
Thibault de Montalembert  Daniel
Marc Rioufol  Henri
François Lamotte  Pierre
  
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Inhalt

Für Esther, eine hübsche Frau um die Dreissig, läuft es gerade richtig gut: sie ist in ihrem Job als Analystin auf der Überholspur und auch privat könnte es schlechter sein, hat sie doch einen netten, attraktiven und ebenfalls recht erfolgreichen Loverboy, Vincent, mit dem sie gerade Zukunftspläne vom eigenen Häuschen schmiedet. Als Esther eines schicksalhaften Abends mit ihren Freunden Pierre und Sandrine eine Party besucht, zieht sie sich bei einem Spaziergang im dunklen Garten an einem scharfkantigen Metallgegenstand eine Fleischwunde am Bein zu, verspürt aber überraschenderweise kaum Schmerzen, eher ein seltsames Vergnügen…

Erst als sie später im Bad die Verletzung begutachtet, erkennt sie das wahre Ausmaß des Unfalls: eine riesige und durchaus stark blutende Schnittwunde zieht sich über ihren Unterschenkel. Vorsichtshalber begibt sich Esther in eine Ambulanz, der behandelnde Arzt kann allerdings wenig verstehen, dass Esther von einer solchen Verletzung nichts bemerkt hat. Ihr Freund am nächsten Tag eben so wenig, doch Esther fühlt sich gut und meint, alles sei in bester Ordnung.
Und doch, die Verletzung wird auf eine andere Weise folgenschwer für Esther: mehr und mehr wird ihr die Wunde zur Obsession. Sie beginnt sich selber Schnitte zuzufügen, der Anblick von ihrem Blut erregt sie in nie gekanntem Ausmaß. Schließlich entwickelt sie einen förmlichen Autokannibalismus/-vamprismus. Wegen ihrer Verletzungen, die immer offensichtlicher werden, täuscht sie Autounfälle vor, baut sich allerhand Lügengebilde auf, doch schon bald wird ihre gefährliche Leidenschaft zur Sucht, die ein normales Leben nicht mehr zulässt. Da Esther in ihrem sozialen Umfeld kein Verständnis findet, flüchtet sie schließlich vollends in Isolation und Selbstzerstörung...

Kommentar

In den letzten Jahren gab es tatsächlich eine Fülle von Filmen aus dem schönen Frankreich, in denen es äußerst blutig zuging, beispielsweise in Alexandre Ajas „Haute Tension“ oder in Claire Denis „Trouble every Day“, der in seiner Machart dem Film, um welchen es hier geht, gar nicht mal unähnlich ist (wiewohl auch leider weitaus weniger gelungen, aber das ist eine andere Geschichte!) Das Multitalent Marina de Van – Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin in Personalunion – aber ging in ihrer blutigen Darstellung der (Auto)Gewalt auf der einen Seite noch weitaus radikaler und in ihrer Darstellung schockierender zuwerke als die Kollegen von der „irren Werkzeugkiller“ Fraktion (wenn sie verstehen!), auf der anderen Seite aber gelang ihr das Kunststück, die blutigen Szenen nicht wie im Horrorfilm üblich auf effekthascherische Weise zum reinen Selbstzweck zu zeigen, sondern vielmehr durchaus stilvoll oder in gewisser Weise auch ästhetisch. Somit muss vorab zunächst einmal die Frage geklärt werden, haben wir es denn hier eigentlich mit einem Horrorfilm als solchem zu tun?

Ganz gewiss haben wir das! Und doch kann man es sich nicht so einfach machen. Es kommt nämlich im vorliegenden Fall in besonderem Maße darauf an, wie man einen Horrorfilm überhaupt definieren mag. Wir haben schon erfahren, dass de Van nicht die Spielregeln des Genres einhielt, und dies im Übrigen auch gar nicht vorhatte, denn ihr Film ist nicht in das große Sammelsurium des „Phantastischen“ Films einzuordnen. Es treten weder Gespenster noch Vampire noch Drachen oder Magier auf, es werden keine Weltraumschlachten geschlagen und auch keine Teenager von wahnsinnigen Hinterwäldlern gefoltert (zum Glück!), und doch, wir sehen reinen, blanken Horror. Wir erleben eine schöne sympathische junge Frau auf ihrer ganz eigenen Höllenfahrt. Ihre blutigen Obsessionen zerstören binnen kürzester Zeit ihr Leben, ein Rückweg ist nicht mehr möglich. Offen bleibt, was Esther dazu treibt, ihren Körper mit Schnitt- und Stichgegenständen zu traktieren, sich tief ins eigene Fleisch zu beißen und ihr Blut zu trinken um anschließend das Geschehene hinter einem immer größer werdenden Lügengebilde, einem Junkie oder Alkoholiker gleich, zu tarnen, denn ihre Form der Sucht trägt ja offensichtliche Spuren davon. Doch das Warum, das Was hat nur dazu führen können, das ist nicht die Frage, die der Film stellt. Sowieso, Klärungsversuche würden die Radikalität und die Aussage des Films letztlich zerstören! Klar, so manchen wird es enttäuschen, dass der Film keine einfache Lösung anbietet, kein schleichender Wahnsinn, keine Vorgeschichte in der Art, Esther ist als Kind missbraucht worden, kein Erklärungsversuch. Hätten wir den, wäre der Film nicht so polarisierend und bestimmt auch nicht so schwer verdaulich wie vergesslich. Somit ist der Film ganz bestimmt trotz all seiner blutigen Exzesse nicht für gedärmegeile Splatterheads geeignet.

Marina De Van, die wegen ihrer Zusammenarbeit mit dem französischen Regisseur Francoise Ozon ("Acht Frauen", "Swimming Pool") bekannt wurde und, unglaublich aber wahr!, deren eigenes Regiedebüt „In my Skin“ ist, mag nicht mit ihren Ausdrucksmitteln provozieren. Sie zeigt uns vielmehr, wie schnell der Untergang kommen kann, wie schnell ein Mensch in die Isolation getrieben werden kann und an einen Punkt kommt, der einmal überschritten, den Weg zurück ausschließt! Entfremdung ist das Stichwort! Ein Schelm, wer dabei nicht sogleich an die Kernaussage im Werk des großen Regisseurs David Cronenberg ("Die Fliege", "Videodrome") denken mag. Exemplarisch sei hier sein Film "Crash" angeführt, über den ich sehr gern in bälde ebenfalls berichten werde (so mir niemand zuvor kommt!) Bezüge lassen sich aber auch zu Roman Polanskis "Ekel" oder Jörg Buttgereits "Nekromantik" ziehen, die ja beide auf ihre Weise ganz ähnlich den, sagen wir mal, "Verfall" thematisierten. Und somit, um wieder die Kurve zu kriegen, hat de Van sicher einen der besten und originellsten Horrorfilme der letzten Jahre gedreht. Einen, der unter die Haut geht, im wahrsten Wortsinn. Wer’s unbedingt noch braucht: man könnte den Film auch als Parabel auf Bulimie verstehen. Muss man aber nicht!

Seine Deutschlandpremiere fand der Film übrigens Anfang 2004 im Rahmen des Kölner Filmfestivals "he, she, it sucks - Vampirisches im Film" vor leider viel zu kleinem Publikum. Offiziell lief der Film seit Anfang 2003 hauptsächlich auf Filmfestivals rund um den Globus und wurde auch eben auf jenen entsprechend kontrovers aufgenommen. Die Los Angeles Times beispielsweise urteilte, de Vans Film sei einer der wenigen Features überhaupt, das die Darstellung von Gewalt aus intellektueller Sichtweise erforsche und sie nicht zum plumpen Selbstzweck der Unterhaltung preisgäbe, ihre Kollegen von der Ostküste, die NY Times namentlich, lobten Marina de Vans außergewöhnliches Talent als Autorin, Regisseurin und Schauspielerin, doch es gab auch genügend Stimmen, die den Film als langweilig abtaten (haben die den eigentlich tatsächlich gesehen oder sind sie nach den ersten 5 Minuten direkt wieder aus dem Kino gegangen?) oder, wie Marty Doskins von den Box Office Prophets, sich daran störten, das der Film mehr Fragen als Antworten liefere und das Warum letztlich unbeantwortet ließ. Tja, das hatten wir ja bereits...

Wie gesagt, ein kontroverser Film, der polarisiert und wohl nie ein wirklich großes Publikum ansprechen wird, doch gerade diesen Umstand kann man beinahe gar nicht hoch genug loben, denn wer traut sich denn heutzutage in den Zeiten der Hochglanzproduktionen und vielen zweiten wie dritten Teilen irgendwelcher hocherfolgreichen Hollywoodproduktionen überhaupt noch, so ein Risiko einzugehen? Na, wer? Eben!

Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo

Veröffentlichungen

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