Frankenstein
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Inhalt
Frankenstein, ein junger Forscher, verlässt seine Braut und seinen Vater und besucht die Universität, wo er bald das Geheimnis des Lebens entdeckt. Er beschließt, den perfekten Menschen zu schaffen, das Böse in seinem Charakter sorgt aber dafür, dass sein Geschöpf ein missgestalteter Unhold wird. Frankenstein kehrt nach Hause zurück. Das Monster folgt ihm, flieht allerdings entsetzt, als es sich selbst erstmals in einem großen Wandspiegel erblickt. In Frankensteins Hochzeitsnacht kehrt es zurück, doch weil dank der Macht der Liebe nun die gute Seite in Frankenstein triumphiert, kann das Monster nicht weiter existieren. Es stürzt davon, sieht sich abermals im Spiegel – und löst sich auf. Frankenstein und seine Braut schließen sich erleichtert in die Arme.
Kommentar
Frankensteins Monster ist einer der Horrorarchetypen schlechthin, und nach Graf Dracula hat es keine Schauergestalt auf mehr Leinwand- und TV-Einsätze gebracht als Mary Shelleys namenloses Ungeheuer. Doch anders als bei Dracula beginnt seine Filmkarriere im kollektiven Gedächtnis nicht schon in der Stummfilmzeit, sondern erst mit James Whales „Frankenstein“ (1931) und seinem Hauptdarsteller Boris Karloff, der samt der Monstermaske von Jack Pierce der Figur ein für alle Mal ein Gesicht gegeben hat. Darüber ist jenseits von Fachkreisen in Vergessenheit geraten, dass Mary Shelleys Roman schon vorher, wenngleich mit nicht so viel Fortune, für die Leinwand adaptiert worden war.Der Stoff war bereits seit Jahrzehnten in verschiedenen Fassungen auf der Bühne sehr erfolgreich, als 1910 die Filmproduktionsfirma von Thomas Alva Edison, der eher als Erfinder u. a. der Glühbirne in Erinnerung geblieben ist denn als Filmpionier, grünes Licht für die erste Leinwandversion von „Frankenstein“ gab. Wiewohl Edison de facto nichts mit dem Film zu tun hatte, passt er als nomineller Produzent wie die Faust aufs Auge, hatte ihn doch bereits 1886 Villiers de l’Isle-Adam in seinem Roman „L’Ève future“ selbst zum Erbauer einer künstlichen Frau und mithin zu einer Frankenstein-Figur stilisiert. J. Searle Dawley kam als Regisseur und Autor die schwierige Aufgabe zu, den handlungsreichen Roman in einen etwa viertelstündigen Film zu pressen – alles andere hätte zu jener Zeit schon fast Überlänge bedeutet. Der Streifen war in drei Tagen abgedreht und kam mit einer Hand voll Darstellern und ähnlich wenigen Schauplätzen aus, doch trotz dieser ökonomischen Arbeitsweise gelang es Dawley nicht nur, das Grundgerüst der Shelleyschen Vorlage zu wahren (der Film ist, wenn man ihn in wenigen Sätzen nacherzählt, werkgetreuer als die meisten späteren Verfilmungen inklusive aller Universal- und Hammerversionen) sondern dazu eine eigene Interpretation des Stoffes zu liefern: Das Monster ist deutlich als psychischer Doppelgänger Frankensteins gekennzeichnet, mithin als Figuration einer Persönlichkeitsspaltung. Das Wesen des Monsters ist eine Folge von Frankensteins Charakter, und es erlischt, als er seine dunkle Seite überwindet. So deutlich ist die Kreatur danach nur selten als Ausdruck des Unbewussten seines Schöpfers visualisiert worden, vor allem am Ende des Films (vorher wird es eher in den pathetisch-platten Zwischentiteln deklariert, die der Qualität des Films ziemlich abträglich sind): Nachdem das Monster beim ersten Anblick seines Spiegelbildes entsetzt geflohen ist – was man als Selbsterkenntnis inklusive anschließender Verdrängung Frankensteins sehen kann –, kommt es nach dem Überfall auf Frankensteins Braut in der Hochzeitsnacht noch einmal vor dem Spiegel zum Stehen. Es löst sich auf, nur die Reflektion bleibt zurück; Frankenstein betritt das Zimmer, statt seiner erblickt er das Geschöpf im Spiegel – da verblasst auch das Abbild der Kreatur, und der Spiegel zeigt nun ihn. Dieser Moment ist tricktechnisch sehr gelungen, die eindrucksvollste Szene ist aber die Erschaffung des Monsters, die hier eher alchimistisch und nicht – wie in den meisten späteren Verfilmungen – per Elektrizität vonstattengeht. Mit der breiten Visualisierung der Schöpfung setzte Dawley einen Trend, denn während Mary Shelley beinahe gänzlich darauf verzichtete, die Belebung der Kreatur darzustellen, gehört diese Szene in ihren zahllosen Variationen, Nachahmungen und Parodien zum Allgemeingut des Genres. Schon Dawley ließ sie sich nicht entgehen, und wie hier dem Monster Schicht um Schicht Gestalt verliehen wird, vermag auch heute noch zu gefallen.
Könnte das bisher Gesagte den Eindruck vermitteln, Edisons und Dawleys „Frankenstein“ sei ein zu Unrecht vergessenes Juwel des Gruselfilms, soll nun kurz auf seine Schwächen hingewiesen werden: Der Erzählfluss ist, nicht zuletzt wegen der kurzen Laufzeit, sehr abgehackt und episodisch und die Inszenierung jenseits der Trickeffekte konventionell und uninspiriert. Wie damals üblich, verharrt die Kamera reglos auf dem aufgebauten Set, in dem sich die Darsteller in der Totale bewegen wie auf einer Bühne, und tatsächlich wirkt der Film stets wie abgefilmtes Theater. Mangels Schnitten innerhalb einzelner Szenen und auch wegen der Grenzen der Kulissen sind gerade die Actionsequenzen sehr unbeholfen; die Schauspieler jagen sich einfach kreuz und quer durch das Interieur. Der Darstellungsstil ist natürlich auch der Zeit geschuldet, und zumindest Augustus Phillips als Frankenstein erfüllt alle Klischees, die über Stummfilm-Schauspielerei im Umlauf sind: Da wird übertrieben gestikuliert und grimassiert, die Arme säbeln durch die Luft, und der Kopf wird schleudertraumatisch zurückgeworfen, dass man es nur schwer ernstnehmen kann. Mary Fuller als des Forschers Braut und der m. W. unbekannte Darsteller des Frankenstein sen. treiben es nicht gar so dolle, die Tendenz ihrer Darstellung ist aber ähnlich. Zu gefallen weiß dagegen Charles Ogle als Monster. Wiewohl auch er fraglos mit großer Geste spielt, hinterlässt er Eindruck, seine Körpersprache ist lauernd, bedrohlich und doch unsicher, so dass das Geschöpf vielschichtiger wirkt, als die Zwischentitel ihm zugestehen wollen – aber Karloff war ja ebenfalls viel komplexer als sein Drehbuch, das dem Geschöpf ein Verbrechergehirn verpasste, obgleich es gar nicht entsprechend handelt. Das Monster-Design, das Ogle selbst gestaltete, ist ebenso gelungen: Sein Gesicht ist zerklüftet und verzerrt, von einer wilden Haarmähne umrahmt und mündet – wie später auch bei Karloff und vielen seiner Nachfolger – in eine hohe, kantige Stirnpartie.
Für derlei war 1910 die Zeit aber noch keinesfalls reif. Die Kritik machte kurzen Prozess mit dem Film, allein die Stoffwahl reichte schon, um den Scheiterhaufen zu errichten. Da halfen weder die Zwischentitel, die keinen Zweifel an der moralischen Bewertung des Gezeigten lassen (Homunkulus-Erschaffung: böse! Liebe: gut!), noch das happy ending für Frankenstein und seine Braut. Schnell verschwand der erste „Frankenstein“ in der Versenkung, und aus der ist er bis heute nicht wieder aufgetaucht. Ein „Nosferatu“ des Frankenstein-Films ist Dawley und seinen Mitstreitern vor hundert Jahren ganz gewiss nicht gelungen, dafür immerhin kurzweiliger, erzählerisch denkbar holpriger, aber durchaus origineller Kintopp, dessen Schwächen unübersehbar sind, dem aber gelingt, die filmischen Qualitäten seines Stoffes immerhin anzudeuten, und der damit in seinen besten Momenten manches vorwegnimmt, was zwanzig Jahre später unter James Whales Regie die Popkultur für immer bereichern sollte.
Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist in Amerika zusammen mit Nosferatu bei AD Ventures unter dem Titel "Movies First Monsters" auf DVD erschienen, kann aber auch bei YouTube bestaunt werden.
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