Der Prozess
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Inhalt
Ohne zu wissen warum, wird der kleine Angestellte Josef K. eines Morgens in seinem Pensionszimmer verhaftet. Er bleibt auf freiem Fuß, muß dem Gericht aber stets zur Verfügung stehen. Anfangs versucht er, den Fall nicht ernstzunehmen, doch wo immer er hinkommt, sieht er sich von Repräsentanten der Staatsgewalt beobachtet, und mehr und mehr wird er zum Objekt eines Verfahrens, das er vergeblich zu verstehen sucht. Der von einem Onkel vermittelte Advokat, ein wichtigtuerischer Sadist, ist ihm auch keine Hilfe. Daß es schlecht um ihn steht, wird K. von allen Seiten eingeredet, aber wie der Prozeß läuft, ob er überhaupt schon eröffnet ist, erfährt er ebensowenig wie den Inhalt der Beschuldigung gegen ihn. Als K. erkennt, daß er den Mühlen der gesichtslosen Justiz nie mehr entkommen wird, versucht er zu opponieren. Doch die bestellten Mörder warten schon.
Kommentar
Orson Welles’ Adaption des Franz-Kafka-Romans „Der Prozeß“ kann man mannigfach etikettieren: natürlich als Literaturverfilmung, als Parabel allemal (wie fast alles, was mit Kafka zu tun hat), als filmisches Experiment, aber eben auch, und deshalb soll sie hier vorgestellt werden, als – freilich unkonventioneller – Horrorfilm, denn die Geschichte, die „Der Prozeß“ erzählt, folgt, wie uns Welles zu Anfang aus dem Off mit auf den Weg gibt, der Logik eines Traums – eines Alptraums...Welles’ Karriere begann mit diversen Paukenschlägen. Kaum volljährig, landete er als gefeierter Broadway-Regisseur auf der Titelseite des Time Magazine, kurz darauf versetzte sein Radio-Hörspiel „The War of the Worlds“ Tausende Menschen in Panik, die meinten, außerirdische Invasoren seien gelandet, und als dann Hollywood rief, drehte er mit „Citizen Kane“ (1941) einen Meilenstein der Filmgeschichte. Damit hatte er, gerade 25 Jahre alt, bereits den Zenit seines Ruhmes erreicht. Der Kampf um „Citizen Kane“, den der Zeitungspapst William Randolph Hearst im Wortsinn zu vernichten suchte, kann hier nicht nachgezeichnet werden, er führte aber dazu, daß der Regisseur Welles, anders als der Schauspieler, von nun an einen schweren Stand hatte. Sein zweiter Film, „The magnificent Ambersons“ (1942), wurde nach negativen Testvorführungen vom Studio für immer verstümmelt – dieses Schicksal erfuhr in der Folge noch so mancher Welles-Film –, und als Regisseur sollte Welles nur noch selten Arbeit in Hollywood finden. Deshalb ergriff er ab der zweiten Hälfte der 1940er Jahre selbst die Initiative, suchte überall auf der Welt nach Geldgebern und finanzierte seine Filme auch schon mal mit den hohen Gagen, die er als Schauspieler nach wie vor verdiente. 1959 legten ihm die unabhängigen Produzenten Michael und Alexander Salkind eine Liste mit Klassikern der Weltliteratur vor, von denen er sich einen aussuchen und verfilmen sollte. Welles entschied sich für Kafkas „Prozeß“, und ab März 1962 wurde gedreht.
Das Endprodukt ist Welles’ stilistisch wohl radikalster Film, eine inhaltliche und formale Tour de force, die Kafka-Puristen allerdings enttäuschen mag, denn Welles, auch für das Drehbuch verantwortlich, geht recht frei mit seiner Vorlage um, was die Handlungschronologie (die bei den gängigen „Prozeß“-Ausgaben allerdings weniger auf Kafka denn auf seinen posthumen Herausgeber Max Brod zurückgeht) und die Figurenzeichnung betrifft. Er läßt weg, er erfindet hinzu, er arrangiert neu, und kreiert so ein eigenständiges Werk, das aber dem Geist Kafkas sicher näherkommt als manch spätere buchstabengetreue filmische Adaption. Und was er liefert, schafft trotz des fast omnipräsenten absurd-schwarzen Humors tatsächlich jene zu Beginn verheißene alptraumhafte Logik, in der nichts einen Sinn ergibt und sich der Kreis trotzdem unaufhaltsam um Josef K. schließt. Welles zeigt den Horror des modernen Menschen, das Individuum im willkürlichen Griff des anonymen Staatsapparates, den man nicht durchschauen, geschweige denn bezwingen kann, da man dem Abstrakten nie von Angesicht zu Angesicht zu begegnen vermag. Diesen Würgegriff setzt Welles auf verstörende Weise filmisch um. Anfangs, als K. sich trotz seiner Arretierung noch sicher fühlt, dominieren lange Einstellungen, doch mit der Laufzeit nimmt auch die Schnittfrequenz zu, die Perspektiven verzerren sich, K. steht vor übergroßen Türen, erklimmt grotesk hohe Pulte, rutscht in Gebirgen aus Akten herum, hastet durch Gänge, deren Architektur sich immer weniger erschließt. Klaustrophobisch und labyrinthisch ist dieser Film wie nur wenige sonst, und das macht seinen Horror aus und läßt uns an K.s Schicksal, seiner existentiellen Verlassenheit Anteil nehmen. Ebenso wie K. verliert der Zuschauer immer mehr die Orientierung. Je weiter der Film fortschreitet, desto mehr kann man nur noch erahnen, wieviel Zeit zwischen den einzelnen Szenen vergeht, Sekunden oder gar Wochen, oder wie die Topographie der namenlosen Stadt beschaffen ist: Alle Gebäude scheinen letztlich mit dem Gericht verbunden zu sein – eine Meisterleistung der Montage, denn nachdem den Produzenten bald das Geld ausgegangen war, mußte Welles seine ausgeklügelten Kulissenentwürfe ad acta legen und im Schnitt zusammenfügen, was nie zusammengehörte (der Film wurde überwiegend in Zagreb und Paris gedreht, und doch ist Welles’ kafkaeske Welt absolut homogen). Ebenso gelungen wie kostengünstig ist auch die Filmmusik, die aus Jazz, vor allem aber aus Tomaso Albinonis Adagio g-moll für Orgel und Streicher besteht, das einem in manchen Szenen, etwa als K. entsetzt aus der Folterkammer seiner ersten Verfolger flieht, durchaus den Hals zuschnürt.
So wird aus K.s Verteidigung mehr und mehr eine Flucht, aber ohne Plan. K. stolpert durch die unübersichtlichen Gebäude, ohne zu wissen, wohin ihn der nächste Schritt führt. Nur eines bleibt von Anfang an konstant: K. ist immer isoliert, egal ob er allein durch versteinerte Menschenmengen oder mechanisch akkordarbeitende Massen in seinem riesigen Büro eilt oder sich im Gespräch befindet: Es dauert nicht lange, und die übrigen Personen bilden ein Kollektiv, zu dem K. nicht gehört; nur Augenpaare richten sich, meist von oben, ständig auf ihn. „In Ketten“, sagt sein Anwalt, den Welles auf sehr selbstironische Weise selbst spielt, „lebt es sich sicherer als in Freiheit“, und daß sich K. lange mit einer nach solchen Maximen lebenden Gesellschaft zu arrangieren versucht, die ihm die individuelle Freiheit raubt, ist die Schuld, die Welles ihm attestiert, und gegen die K. am Ende – ausdrücklich anders als in Kafkas eigenwillig gedeuteter Vorlage – aufbegehren wird. Diese Gratwanderung spielt Anthony Perkins meisterhaft, ich bin versucht, von der besten Leistung seiner Karriere zu sprechen: Sein K. ist ein unsicherer, sich stets ertappt fühlender Getriebener, der souveräner wird, je mehr er verzweifelt. Ihm zur Seite stehen mit Jeanne Moreau und Romy Schneider zwei der größten wie schönsten europäischen Aktricen überhaupt (wenngleich erstere leider keine große Entfaltungsmöglichkeit hat), und auch das übrige Ensemble begeistert bis in die kleinste Nebenrolle mit einer im besten Sinne uneitlen Spielfreude.
Welles selbst bezeichnete den „Prozeß“ in einem Interview einmal als seinen besten Film, und auch wenn seine Interviewaussagen stets mit Vorsicht zu genießen sind, gehört „Der Prozeß“ zweifellos zur Spitze seines eindrucksvollen Regie-Oeuvres: ein Meisterwerk (eben auch des Horrorfilms), das – wie so manch andere – ein eher stilles Dasein fristet. Der Vorwurf trifft indes nicht den Film.
Filmreview von: Ruthven / Alle Reviews von Ruthven
Veröffentlichungen
Der Film ist bei Universal auf DVD erschienen, doch von dieser Ausgabe muß ich abraten, denn sie enthält lediglich eine verstümmelte Version (unter anderem fehlt die grandios animierte Version der Parabel „Vor dem Gesetz“, mit der Welles seinen Film eröffnet), die ca. zehn Minuten kürzer ist als die (synchronisierte) Fassung, die in den letzten Jahren wiederholt auf arte und 3sat gesendet wurde und, da 2008 ja mal wieder ein Kafka-Jahr ist, vielleicht noch einmal hier und da ins Programm genommen wird.
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Kafka (1991) [ Schwedische Fassung, Keine Deutsche Sprache ]
Stand: 18.05.2012 05:03:00
Klausurtraining: Franz Kafka 'Der Proceß'
Stand: 18.05.2012 03:42:21
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