Delicatessen
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Inhalt
Es war einmal irgendwo irgendwann in einer ziemlich finsteren Zeit - vielleicht nach dem Krieg, vielleicht auch in einer postapokalyptischen Welt, in der kaum etwas gedeiht und scheinbar niemals die Sonne vom Himmel lacht (außer in einer einzigen Szene, doch dazu später mehr) – da gab es eine ziemlich schräge Hausgemeinschaft, die im Mietshaus (man könnte das heruntergekommene Gebäude auch als Ruine bezeichnen) des Schlachters Caplet lebte.
So könnte die Einleitung zum Regiedebüt der beiden französischen Allroundkünstler Jean Pierre Jeunet und Marc Caro lauten, denn die Inszenierungen der beiden haben stets etwas Märchenhaftes an sich. Und Märchen haben in aller Regel immer einen ziemlich bösen Kern. So auch hier…
Da die Zeiten ziemlich schlecht sind und es kaum etwas zu futtern gibt, musste Schlachter Caplet umdenken um sein Geschäft zu erhalten und sein hungriges Mietervolk zu atzen. In unregelmäßigen Abständen schaltet der Skrupellose Anzeigen, in denen er nach einem Hausmeister für diverse Reparaturen und kleinere Arbeiten bei freier Kost und Logis im Zimmer mit Südblick sucht. Die bedauernswerten Angestellten des Fleischers enden dann allerdings wenige Tage nach Dienstantritt selber als Kost: Caplet wetzt das Schlachterbeil und verarbeitet sie zu Wurst und Koteletts um sie an Kunden und Mieter für die gängige Währung, Mais und Linsen, zu verschachern. Auf dieses Weise hat er sich inzwischen einen erstaunlichen Wohlstand ergaunert und sein Umfeld in seine Anhängigkeit gezwungen.
Als eines Tages das Fleisch mal wieder knapp wird, gibt der Fleischer erneut eine Annonce auf, auf die sich prompt der ehemalige Zirkusclown Louison meldet, der arbeitslos wurde nachdem sein Partner, der Schimpanse Livingstone, von darbenden Zeitgenossen gefangen, geschlachtet und verspeist wurde. Zwar hat Louison nicht viel auf den Rippen, wie Caplet mit fachmännischem Blick sogleich erkennt, aber was will man machen wenn die Zeiten eben so hart sind. Schon bald macht sich der kauzige, aber liebenswerte neue Hausmeister mit seinen unorthodoxen Methoden Freunde in dem seltsamen Haus. Nicht alle der schrägen Vögel, die hier leben – unter anderem eine hysterische Dame, die Stimmen hört (hierfür ist ein anderer, ihr nicht eben gut zugetaner Bewohner des Hauses verantwortlich) und sich mit äußerster Kreativität selber ins Jenseits zu befördern trachtet, daran allerdings stets tragisch scheitert, oder ein Brüderpaar, welches in seiner mickrigen Manufaktur Kuhstimmendosen in Handarbeit herstellt (ihr wisst schon, dieses Dinger die man umdreht, und die dann „Muuuuuh“ machen), ein seltsamer Kauz, der seine feuchte Bleibe mit allerlei Schnecken und Fröschen teilt, oder eine Familie mit zwei gewieften frühreifen Bälgern, die die Hausgemeinschaft stets auf Trab halten – sind begeistert von dem Neuen, dafür aber des Fleischers liebliche und extrem kurzsichtige Tochter Julie, die sich in Louison verliebt. Damit dieser nicht nächtens im Treppenhaus aktiv wird und unter dem Hackebeil ihres Vaters endet, flößt sie dem ahnungslosen Ex-Clown Abend für Abend einen Schlaftee mit erstaunlicher Wirkung ein. Sämtliche Hinterhalte des Schlachters gehen somit ins Leere. Da dieser aber allmählich zürnt und auch Julie ihn nicht mehr besänftigen kann, beschließt diese kurzerhand, den Geliebten von der vegetarischen Untergrundarmee der Troglodisten kidnappen zu lassen. Die vermeintlichen Guerilleros aber stellen sich alles andere als geschickt an, und so droht die Rettungsaktion ein echtes Fiasko zu werden…
Eingangs wurde erwähnt, dass jedes Märchen einen bösen Kern hat. Ein jedes Märchen hat aber auch ein gutes Ende, nicht wahr? Und da der Australier nichts ohne seinen Meister ist, wie ein schönes Zitat aus diesem Film weiß, verrate ich euch das Ende dennoch nicht. Ätsch…
Kommentar
Als „Delicatessen“ seinerzeit in Amerika veröffentlicht worden ist, konnte man im Vorspann lesen „Terry Gilliam präsentiert…“, das passt perfekt, denn auch meine Wenigkeit kam nicht umhin, unmittelbar den Vergleich zu Gilliams Meisterwerk „Brazil“ zu ziehen, als ich des Films von Jeunet und Caro, den ich bereits vor Jahren entdeckt, ungehörigerweise aber inzwischen schon fast vergessen hatte, unlängst anlässlich eines witzigen Videoabends mit lieben Freunden wieder mal ansehnlich werden durfte.
Zehn Jahre bevor Jean Pierre Jeunet „Die fabelhafte Welt der Amelie“ und somit den Lieblingsfilm nicht weniger Zeitgenossen inszenierte (dies trifft ausdrücklich NICHT auf den Rezensenten zu, wie er betonen möchte), lieferte er mit seinem Kreativpartner Marc Caro, mit dem er auch den eher enttäuschenden Nachfolgefilm „Die Stadt der verlorenen Kinder“ drehte, ein ordentlich Rabbatz machendes Debüt vor, das für einen Erstling eine erstaunliche visuelle Reife aufweist. Man mag gar nicht glauben, dass es sich hierbei tatsächlich um den abendfüllenden filmischen Einstand der beiden kreativen Querköpfe handelt, die sich zuvor mit allerlei anderen Ausdrucksformen der zeitgemäßen Gegenwartskunst wie Werbung, Kurzfilmen oder Comic-Strips hervor taten. Geschickt und offenkundig verwoben sie Einflüsse von den Monty Pythons – insbesondere von deren Meisterinszenierer Terry Gilliam und seinem späteren Solowerk („Brazil“ war ja als Referenz bereits angefügt) – George Orwell, Luis Bunuél und seinem surrealen „Andalusischen Hund“, mitunter die Film Noir Optik, wie sie Ridley Scott für seinen bahnbrechenden Science Fiction Film „Der Blade Runner“ interpretierte, und letztlich auch die Slapstick der Ära eines Buster Keaton oder Charlie Chaplin, die eben weitgehend ohne Worte auskommt. Nicht zuletzt beherrschen sie aber auch bei aller Komik, Kunst und Abgedrehtheit den Kniff des klassischen „Axemurderer“ Horrorfilms. Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Fritz Haarmann eben nicht, aber Schlachter Caplet auch zu dir, mit dem Hacke, Hackebeilchen macht er Hacke, Hackefleisch aus dem Clown, oder auch nicht. Das macht Laune!
Aber ihr merkt schon, vielmehr als der im Prinzip recht dünne Plot, der dennoch einstweilen überraschende Haken schlägt, fesselt die optische Umsetzung, die liebevolle und akribische Ausstattung des Films, und vor allem die skurrillen Charakterstudien, die der Film zu bieten hat. Jeunets Lieblingsschauspieler Dominique Pinon als Ex-Clown Lousion und Jean-Claude Dreyfus als Schlachter Caplet bieten Leistungen, die man hernach von ihnen nie wieder sah! Alle anderen Darsteller wie beispielsweise der verdiente Rufus fügen sich grandios in ihre Rollen ein. Kaum einen der Nebendarsteller möchte ich hier besonders hervorheben, mit Ausnahme von Marie-Laure Dougnac, die die kurzsichtige, verliebte Julie Caplet zum wirklich allerbesten gibt.
Trotz all des von mir gezollten Lobes können es Jeunet/Caro dennoch nicht ganz mit den Vorbildern aufnehmen, solchen eben wie Terry Gilliams bildgewaltigem „Brazil“. Zu sehr wirkt manches wie abgekupfert bei den Granden, beispielsweise die trottelige Troglodisten-Brigade, die wie eine Karikatur auf den von de Niro in „Brazil“ verkörperten Archibald Tuttle und seine Schwarzarbeiter Anarchisten anmuten soll, aber leider, man kann sich des Eindrucks nicht völlig verwehren, hier hätte eher wer was abgespickt denn persifliert. Auch die Bildgewalt von „Brazil“ wird hier zu keiner Zeit erreicht, stattdessen ist der Film eher eine Melange aus haufenweise skurillen, putzigen, morbiden, brillanten, surrealen und manchmal auch weniger gelungenen Gags, Situationen, Charakteren, Ideen. Manches mal wird es am Set sicherlich mit den Beteiligten regelrecht durchgegangen sein, so wirkt es zumindest, andererseits aber gilt gerade Jean Pierre Jeunet als sehr akribischer, ja vor lauter Sorgfalt beinahe langsam arbeitender Regisseur. Aber sei’s drum, im Prinzip wollte ich darauf hinaus, dass „Delicatessen“, zweifellos der beste Film, den die Herren Jeunet und Caro sowohl im Team wie auch jeweils allein inszeniert haben, am Ende ein wenig so wirkt, als sei er eben doch eher die Summe der einzelnen Teile. Fast als fehle es ein wenig an der Homogenität. Aber wenn ganz am Ende die Schlacht zwischen den Vegetariern und den Kannibalen geschlagen ist und die beiden ungezogenen Knirpse auf das Dach klettern und zum ersten mal im gesamten Film kommt die Sonne zum Vorschein, dann hat man doch den Eindruck, schön, jetzt ist alles gut.
„Delicatessen“ ist alles in allem ein kleines großes Meisterwerkchen mit sehr vielen grandiosen Ideen, bevölkert von unglaublichen Figuren, die von formidablen Schauspielern mit viel Laune dargeboten werden. Mitunter gingen die Macher aber ein wenig zu überambitioniert zuwerke oder entliehen sich die Ideen anderer Leute. Macht aber alles nichts, dem geneigten Freund abgedrehter, hintergründiger Filme mit surrealistischem Einschlag ist dieser Streifen nur ans Herz zu legen. Das sind keine verschwendeten anderthalb Stunden, im Gegenteil. Wer aber prinzipiell mit dem Werk solcher Leute wie Terry Gilliam, den Pythons, Chris Marker oder vielleicht auch David Lynch eher Probleme hat, der wird bei diesem Film wahrscheinlich auch nicht recht glücklich werden. Wenn diese Namen euch aber ansprechen, dann greift zu, denn es lohnt sich.
Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Die DVD gibt es bei Arthaus, auf VHS erschien der Film weiland in den 1990'ern bei Concorde. In Großbritannien ist der Film zusätzlich auch via Electric Pictures / Encore Entertainment als Laserdisc erschienen, falls jemand dieses Format sammeln sollte.
Filmbewertung
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Die Stadt der verlorenen Kinder
Stand: 15.03.2010 01:49:31
Naked Lunch - Arthaus Collection
Stand: 15.03.2010 01:49:49
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Stand: 15.03.2010 01:49:53
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Weitere Kommentare zum Film
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| Staudenmaier007, 26.01.10 |
| Der Film darf sich zurecht auf gleicher Augenhöher wie Zombieplanet, Shaun of the Dead oder Brasil bewegen. Skuril - Ausgefallen und mit einer perfekten irrwitzigen Story. Eigentlich ein Muß für alle Fans des Außergewöhnliche. 5/5 Skulls aber nur weil man keine 6 vergeben kann. |
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