Am Rande des Rollfelds
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Inhalt
Der Wahnsinn wurde war, der dritte Weltkrieg hat alles Leben auf der Erdoberfläche zerstört. Die wenigen Überlebenden des nuklearen Holocausts halten sich in unterirdischen Lagern verschanzt vor der Radioaktivität. Mit seltsamen Zeitreise-Experimenten suchen einige Wissenschaftler nach der Lösung zur Rettung der Menschheit. Abgesandte sollen Vergangenheit und Zukunft besuchen, um dort nach Hilfsmitteln für die Gegenwart zu suchen. Da sich verständlicherweise niemand freiwillig für diese Experimente hergibt, werden Gefangene hierfür herangezogen, doch die meisten derer überwinden den mentalen Schock der Zeitreisen nicht, sie fallen dem Wahnsinn anheim oder lassen ihr Leben. Somit konzentriert sich die Suche der Wissenschaftler auf Personen mit besonders ausgeprägten Erinnerungen. Dabei stoßen sie auf einen namenlosen Mann, der besessen ist von einer Kindheitserinnerung an einen Sonntagnachmittag am Pariser Flughafen Orly. Dort sah er einst das Gesicht einer jungen Frau, die er nie vergessen konnte, doch er sah auch einen Mann auf dem Flugsteig sterben.
Der Mann wird in die Vergangenheit geschickt, und tatsächlich begegnet er dort der Frau aus seiner Erinnerung. Eine zarte Liebesgeschichte bahnt sich an, und den Wissenschaftlern gelingt es, den Geist des Mannes so zu manipulieren, dass er problemlos in den Zeitebenen hin und her zu springen in der Lage ist. Doch er wird der Frau wieder entrissen, denn man hat neue Pläne für ihn. Er soll in die Zukunft reisen um die Menschen dort um Hilfe für seine Zeit zu bitten. Auch diese Reise wird zu einem Erfolg. Die Zukunft ist friedlich, Paris wieder aufgebaut. Der Mann kann die Bewohner der Zukunft von seiner Mission überzeugen, man händigt ihm eine Energiezelle aus, die die Probleme der Energieversorgung seiner Zeit lösen kann. Wieder in der Gegenwart angekommen realisiert der Mann, dass nun seine Mission erfüllt ist, man hat keine Verwendung mehr für ihn. So kehrt er in die Vergangenheit seiner Kindheit zurück, zu der Frau, die er liebt. Doch die Häscher der Gegenwart sind ihm bereits auf den Fersen. Am Flughafen sieht er die Frau wieder, und sieht sich zugleich auch selber als Kind am Flugsteig stehen. Jetzt ist ihm klar, wer der Mann war, den er damals hat sterben sehen. Ein Agent der Wissenschaftler ist ihm gefolgt, es fällt ein Schuss, und der Man bricht tödlich getroffen am Rande es Rollfelds zusammen. Der Kreis aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat sich geschlossen.
Kommentar
Wer jetzt er Meinung ist, die Handlung komme ihm aber irgendwie ganz schön bekannt vor, der hat gar nicht mal unrecht, denn der nur 26 Minuten lange französische Kurzfilm „La Jetée“, so der Originaltitel war die maßgebliche Inspiration für Terry Gilliams genialen Film „12 Monkeys“ aus dem Jahre 1996. Fast könnte man behaupten, Gilliams Film sei ein Adaption von „La Jetée“ mit anderen Mitteln, aber eben nur fast, wie wir sehen werden, denn Chris Marker, der Schöpfer dieses genialen Kurzfilms, ging völlig andere Wege als Gilliam.Zunächst einmal muss vorausgeschickt werden, es handelt sich bei „Am Rande des Rollfelds“ gar nicht unbedingt um einen Film im herkömmlichen Sinne, vielmehr um so etwas wie einen Fotoroman, denn außer einer einzigen Szene, in der wir ein sekundenlang bewegtes Bild sehen (und zwar in jenem Moment, in dem die geliebte Frau des Zeitreisenden beim Aufwachen die Augen öffnet), besteht der gesamte Film im Prinzip nur aus aneinander montierten Schwarzweiß Standbildern, und es sind auch keine Dialoge zu hören, Marker benutzt stattdessen einen Erzähler, der aus dem Off die Geschehnisse wiedergibt. Lediglich die Wissenschaftler hören wir in den Szenen, in denen sie auftreten, sprechen, und zwar auf deutsch!
Dennoch müssen wir hier unbedingt von einem Klassiker des Science Ficton Films sprechen, denn sein Einfluss auf das Genre muss zweifellos als wegweisend betrachtet werden. Nicht nur Terry Gilliam hat er beeinflusst (in gewisser Weise ist auch dessen Meisterwerk „Brazil“ von Marker inspiriert), man schaue sich nur das Werk des geschätzten Sonderlings David Lynch an und wird feststellen, dass er sehr viele Ideen seiner Bildsprache „La Jetée“ zu verdanken hat, auch das immer wieder auftauchende Element der wechselnden Zeitebenen scheint er bei Marker gelernt zu haben. Ebenfalls nicht zu verhehlen ist der Einfluss des Films auf das Medium Musikvideo. So hat beispielsweise David Bowie für seinen Clip zu dem Song „Jump they say“ (1993) sich kräftig vom Rande des Rollfelds geistig befruchten lassen, und wenn man sich manch eine Filmarbeit der rätselhaften Band „The Residents“ aus San Francisco anschaut (beispielsweise ihr düsteres „Hello Skinny“ aus dem „One Minute Movie“ Zyklus), so werden einem die Zusammenhänge mehr als nur deutlich.
Vielfach ist der Film gedeutet worden. Chris Marker selber behauptete, „La Jetée“ sei völlig ungeplant entstanden. Er habe ihn quasi an einem drehfreien Tag bei den Arbeiten zu seinem Film „Le joli mai“ fotografiert und er habe das Ganze selber nicht so recht verstanden. Erst als er den Film im Schneideraum montierte hätten sich die Puzzlestücke Peu a Peu zusammengefügt, weshalb er den Film auch nicht wirklich als seinen Verdienst betrachte. Bescheidenheit ist eine Zier…
Seinerseits inspiriert worden ist Marker übrigens vom großen Meister des Suspense Thrills, Alfred Hitchcock namentlich, und dessen grandiosem „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“. Es gibt sogar richtiggehende Parallelen in beiden Filmen, beispielsweise die grandiose Szene am gefällten Mammutbaum aus Hitchcocks Film, die sich hier auf andere Weise wieder spiegelt, doch unverkennbar zum Ausdruck kommt. Eine genialische Huldigung ist das!
Vielfach ist um die eine bewegte Szene innerhalb des Films diskutiert und spekuliert worden. Als eine der philosophischsten, überraschendsten und ergreifendsten der Filmgeschichte ist sie schon bezeichnet worden, sie stelle die Wahrnehmung des Betrachters in Frage. Selbst die „Ästhetische Theorie“ des Philosophen Theodor Adorno wurde schon bemüht, um diesen einen magischen Moment zu versinnbildlichen. Bezeichnenderweise verfrachtete Marker die Szene nicht als Klimax an den Schluss seines Films, sondern montierte sie einfach irgendwo in die Mitte. Das ist wahrlich großes Kino mit sparsamsten Mitteln. Eine große kleine Idee mit nachhaltiger Wirkung.
Fazit: „Am Rande des Rollfelds“ ist nur 26 Minuten lang und hat nur eine einzige winzige bewegte Szene, die aber für mehr Aufsehen sorgte als manch ein drei Stunden Blockbuster. Chris Marker zeigt uns eine wahrlich düstere Zukunft in beklemmenden Bildern. Garantiert wird niemals jemand, der den Film gesehen hat, die Bilder des postapokalyptischen zerstörten Paris vergessen. Es gibt keine Hoffnung. Wenn der Held seine Aufgabe erfüllt hat, ist er nutzlos, wird nicht mehr gebraucht. Am besten gleich entsorgen, denn jetzt wird alles besser, und wer braucht dann noch jemanden, der weiß, wie das alles zustande kam? Unser Zeitreisender selber mag sich nicht in sein Schicksal ergeben, doch er nimmt lieber in Kauf, nur noch kurze Zeit mit seiner Geliebten zu verbringen und dann im atomaren Wahnsinn unterzugehen, als in die Trostlosigkeit des gegenwärtigen Daseins zurückzukehren. Am Ende zählt in einer wahnsinnig gewordenen Welt nur eines, die Liebe nämlich, egal für wie lang und um welchen Preis. Was auch sonst? „Am Rande des Rollfelds“ ist epochales, grandioses, überwältigendes Kino, riesengroß, und doch so einfach vollbracht. Ein klitzekleiner riesengroßer Kracher. Beeindruckend! Toll!!
Filmreview von: Wollo / Alle Reviews von Wollo
Trailer zum Film
Veröffentlichungen
Der Film ist in deutscher Fassung nicht erhältlich, im UK ist er bei Nouveaux Pictures auf DVD erhältlich, in Frankreich bei G.C.T.H.V., in den USA auf der Criterion Collection. Der Film ist in Deutschland und Frankreich schon auf arte im Free TV ausgestrahlt worden und man findet ihn als Dreiakter auch bei YouTube.
Filmbewertung
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Ein andalusischer Hund / Das goldene Zeitalter
Stand: 09.02.2012 15:47:15 |
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